Nonna Maxxing, Rosella Mercuri

Nonna Maxxing: Warum junge Frauen wie italienische Omas leben wollen

Veröffentlicht am: 28.09.2026 um 05:00 Uhr | dpa, AD HOC NEWS

Der «Nonna-Maxxing»-Trend verklärt das Leben italienischer Großmütter als Gegenentwurf zu Leistungsdruck und digitaler Dauerpräsenz. Eine 78-jährige Römerin zeigt, warum hinter dem Ideal von Gelassenheit oft ein Leben voller Arbeit steckt.

  • Rosella Mercuri (Nonna Rosi) hält sich beschäftigt. - Bild: Malin Wunderlich/dpa
    Rosella Mercuri (Nonna Rosi) hält sich beschäftigt. - Bild: Malin Wunderlich/dpa
  • Rosella Mercuri zeigt bei einem Kochkurs, wie man Nudeln macht. - Bild: Malin Wunderlich/dpa
    Rosella Mercuri zeigt bei einem Kochkurs, wie man Nudeln macht. - Bild: Malin Wunderlich/dpa
Rosella Mercuri (Nonna Rosi) hält sich beschäftigt. - Bild: Malin Wunderlich/dpa Rosella Mercuri zeigt bei einem Kochkurs, wie man Nudeln macht. - Bild: Malin Wunderlich/dpa

Der «Nonna-Maxxing»-Trend auf Instagram und TikTok stellt das Leben italienischer Großmütter als Gegenentwurf zu Selbstoptimierung, Karriere- und Partydruck dar – doch eine 78-jährige Römerin weiß, dass hinter dem Bild vom entspannten Oma-Leben viel Arbeit steckt.

Nudeln machen mit «Nonna Rosi»

Rosella Mercuri rollt in Rom Nudelteig aus, bis er hauchdünn ist. In ihrem Kochkurs «Nudeln machen mit Oma» lernen Touristen von ihr, wie man Pasta selbst herstellt. «Ich mache alles selbst», sagt Mercuri. «Schon immer.»

Ein Trend gegen die Selbstoptimierung

Unter dem Begriff «Nonna Maxxing» oder «Nonnamaxxing» versuchen vor allem junge Frauen, ihren Alltag dem Bild einer italienischen Großmutter anzunähern. Dazu gehören eigenes Gemüse, Kochen, Lesen, Stricken und mehr Zeit für Entspannung und persönliche Begegnungen.

Friederike Herrmann, Professorin für Journalistik und Kommunikationswissenschaft an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt, versteht den Trend als Gegenentwurf zu Selbstoptimierung und ständiger Sichtbarkeit in sozialen Netzwerken. Zugleich knüpfe er an die alte Sehnsucht nach einem einfachen und nicht entfremdeten Leben als Alternative zu Kapitalismus und Leistungsgesellschaft an.

Mehr als zwölf Stunden Arbeit am Tag

Mercuris eigenes Leben hatte mit Müßiggang wenig zu tun. Schon als Jugendliche arbeitete sie als Erntehelferin und pflückte Trauben, Pfirsiche und Oliven. Später arbeitete sie in einem Obstladen und in einer Pilzhandlung. Die Arbeitszeiten hätten oft zwölf Stunden am Tag überschritten. «Ich habe einen Haufen Jobs gemacht, sehr viel gearbeitet», sagt sie.

Gelassenheit kommt mit Erfahrung

Dennoch sagt Mercuri: «Aber mich hat das nicht ermüdet.» Sie halte sich gern beschäftigt, arbeite weiterhin in der Küche und stehe als Gastgeberin mit Menschen in Kontakt. Die Erfahrung des Alters habe sie gelassener gemacht. Früher habe sie sich mehr Sorgen gemacht und vieles in sich hineingefressen, heute sage sie, was sie denke.

Weniger Handy, mehr Begegnungen

Mercuri begrüßt den Trend und rät jungen Menschen, öfter das Handy wegzulegen. «Ich will die Menschen sehen und ihre Stimmen hören.» Früher habe man in ihrem Dorf nur vor die Tür gehen müssen, um Freundinnen zu treffen. In der Stadt sei das schwieriger, in ihrem Wohnhaus kenne sie aber weiterhin alle.

Selbstständigkeit durch praktische Fähigkeiten

Mercuri rät jungen Menschen, von ihren Großmüttern zu lernen. Sie werfe nichts weg, mache aus überschüssigem Obst Marmelade, brate ältere Auberginen und koche aus Karottenresten Brühe. Für sie ist diese Haltung aus wirtschaftlicher Notwendigkeit entstanden: Wer vieles selbst könne, komme auch mit einem kleinen und schlecht bezahlten Job aus.

Romantisches Bild blendet harte Arbeit aus

Herrmann warnt davor, die unbezahlte Arbeit von Frauen zu verklären. Hausarbeit, Kochen und Fürsorge seien für viele Frauen keine entspannenden Hobbys, sondern harte Arbeit gewesen. Auch wirtschaftliche Abhängigkeit und fehlende Rechte würden im idealisierten Bild der Nonna ausgeblendet.

Mercuri verbindet ihren Lebensstil dagegen gerade mit Unabhängigkeit. Sie habe gelernt, alles selbst zu können, und sagt: «Ich würde nichts ändern.»

Sehnsucht nach einem langsameren Alltag

Nonna-Maxxing steht für eine digitale Gegenbewegung zu einem Alltag, der von Leistungsdruck, ständiger Erreichbarkeit und öffentlicher Selbstdarstellung geprägt ist. Kochen, Gärtnern, Handarbeiten und persönliche Begegnungen erscheinen dabei als bewusst gewählte Formen von Entschleunigung. Der Trend knüpft an eine ältere Sehnsucht nach einem einfachen, selbstbestimmten Leben an, übersetzt sie aber in die Bildsprache sozialer Netzwerke.

Zwischen Inspiration und Inszenierung

Die Popularität des Begriffs zeigt zugleich, dass selbst der Rückzug aus der digitalen Leistungskultur digital vermarktet wird. Aus Alltagstätigkeiten werden ästhetische Inhalte, die sich filmen, teilen und nachahmen lassen. Damit bleibt der Trend in den Mechanismen sozialer Medien verankert, gegen die er sich richtet.

Die unsichtbare Arbeit hinter dem Ideal

Die Lebensgeschichte von Rosella Mercuri macht deutlich, wie stark das romantische Bild von der Wirklichkeit vieler älterer Frauen abweicht. Kochen, Vorratshaltung, Fürsorge und handwerkliche Fähigkeiten waren häufig keine Freizeitbeschäftigungen, sondern Teil eines arbeitsreichen und wirtschaftlich unsicheren Lebens. Für jüngere Menschen kann daraus dennoch eine praktische Orientierung entstehen: weniger Verschwendung, mehr Selbstständigkeit und bewusstere soziale Kontakte – ohne die sozialen und finanziellen Belastungen früherer Generationen auszublenden.

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