Bevölkerungsschutz-Chef: MĂŒssen widerstandsfĂ€higer werden
10.01.2025 - 06:00:36Hochwasserlagen, die Corona-Pandemie und andere Katastrophen der vergangenen Jahre haben aus Sicht von BevölkerungsschĂŒtzern gezeigt, wo Deutschland bei der Notfallvorsorge noch Nachholbedarf hat. «Wir mĂŒssen in allen Bereichen widerstandsfĂ€higer werden», sagt der PrĂ€sident des Bundesamtes fĂŒr Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK), Ralph Tiesler, der Deutschen Presse-Agentur.Â
Dazu gehöre auch, die Bevölkerung stĂ€rker fĂŒr Gefahren zu sensibilisieren und zu zeigen, wie jeder in NotfĂ€llen Freunden oder Nachbarn helfen und so Menschenleben retten könne. «Es ist wichtig, dass man 72 Stunden durchhalten kann», sagt Tiesler.Â
Durch den russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine und hybride Bedrohungen habe sich die Sicherheitslage in Europa zudem grundlegend verĂ€ndert, betont Deutschlands oberster BevölkerungsschĂŒtzer. Er sagt: «Wir mĂŒssen neben der militĂ€rischen Abschreckung und Verteidigung daher auch den Zivilschutz weiter stĂ€rken.»Â
Immerhin stellt das Bundesamt inzwischen deutlich mehr Interesse an seinem Notfall-Ratgeber fest als noch vor einigen Jahren. Im Schnitt werden rund 500.000 Exemplare pro Jahr als Heft verschickt und verteilt - hinzu kommen laut BBK zahlreiche Online-Abrufe.
Eine der Fragen, die noch beantwortet werden mĂŒssen, ist, wo Menschen im Ernstfall schnell Schutz finden können. «Unsere Antwort ist das Schutzraumkonzept, das wir gerade gemeinsam mit allen LĂ€ndern, der Bundeswehr und dem Bundesinnenministerium erarbeiten», sagt Tiesler. Auf den Bau von Luftschutzbunkern setzt die Bundesregierung dabei nicht. Der BBK-PrĂ€sident sagt: «Private Keller und innen liegende RĂ€ume können schon mit wenigen Handgriffen einen guten Schutz bieten.»Â
Zu diesen Handgriffen zĂ€hlen Zivilschutz-Experten etwa eine VerstĂ€rkung von Kellerfenstern und TĂŒren mit SandsĂ€cken oder einfachen Holzplatten. Dadurch soll der Schutz vor Druckwellen und herumfliegenden TrĂŒmmern verbessert werden. Das Szenario, das hier zugrunde gelegt wird, sind nicht Angriffe auf WohnhĂ€user, sondern auf Infrastruktur, die fĂŒr Truppenbewegungen genutzt wird.Â
AuĂerdem gehe es bei dem Konzept um Schutz im öffentlichen Raum, sagt Tiesler. «Wir sehen hier Tiefgaragen, Keller unter KaufhĂ€usern, die U-Bahn-Stationen zum Beispiel.»Â
Um zu wissen, wo der nĂ€chstgelegene Schutzraum sei, brĂ€uchten die Menschen aber die entsprechende Information. Diese sollten sie nach den Vorstellungen des Behördenchefs idealerweise kĂŒnftig zusammen mit der Warnung direkt auf dem Handy erhalten - «damit die Menschen sofort wissen, wo sie hinmĂŒssen und wie sie dort hinkommen».Â
Diskutiert wird in den Bund-LĂ€nder-Runden auch darĂŒber, ob eine zusĂ€tzliche Beschilderung oder Markierung notwendig ist, fĂŒr den Fall, dass das Handynetz ausfĂ€llt. Die Ălteren mag das an den Zweiten Weltkrieg erinnern, als aufgemalte Pfeile auf die EingĂ€nge von SchutzrĂ€umen hinwiesen. Vereinzelt sind diese heute noch an den Fassaden alter HĂ€user zu sehen.Â
Bei der Warnung der Bevölkerung, die einmal im Jahr bundesweit getestet wird, setzen Bund und LĂ€nder auf mehrere KanĂ€le. Die Warnung kommt ĂŒber den Mobilfunkservice Cell Broadcast auf dem Handy an, wird ĂŒber Warn-Apps wie Nina oder Katwarn versendet, ĂŒber Medien und Anzeigetafeln verbreitet. Vielerorts schrillen zudem die Sirenen. Eine vollstĂ€ndige Ăbersicht darĂŒber, wo Sirenen stehen und wo es noch LĂŒcken gibt, liegt bislang nicht vor. Im Sirenen-Kataster des BBK sind bisher 38.927 Sirenen erfasst. «Einige Landkreise haben noch nichts gemeldet, zum Beispiel weil es dort bisher noch keine Sirenen gibt», sagt Tiesler.Â
Nach dem Ende des Kalten Krieges hielten viele Zivil- und KatastrophenschĂŒtzer fĂŒr nicht mehr so wichtig. Das hat sich inzwischen geĂ€ndert. Der Bund hat noch unter der letzten Regierung von Kanzlerin Angela Merkel (CDU) ein Förderprogramm aufgelegt. Aktuell kommt es laut BBK zu Verzögerungen beim Aufbau neuer Sirenen durch LieferengpĂ€sse der Hersteller.
BĂŒndnis fordert Unterbringung von ĂŒber 1,6 Millionen Menschen
Die Vorgaben der Nato sehen vor, im Notfall zwei Prozent der Bevölkerung unterbringen zu können. In Deutschland wĂ€ren das etwas ĂŒber 1,6 Millionen Menschen. Bestimmungen zur Aufnahme und Unterbringung einer so groĂen Zahl von Menschen seien grundsĂ€tzlich in den entsprechenden Gesetzen des Bundes und der LĂ€nder geregelt, berichtet Tiesler.Â
Eine Arbeitsgruppe mit den LĂ€ndern unter Leitung des Bundesinnenministeriums sei aktuell dabei zu klĂ€ren, «wo weiterer rechtlicher Regelungsbedarf im Rahmen der Zivilen Verteidigung besteht». Möglicherweise mĂŒssten maĂgebliche gesetzliche Regelungen auch in Bezug auf Zivilschutz und Krisenvorsorge in der kommenden Wahlperiode angepasst beziehungsweise ergĂ€nzt werden.
Beschaffung von zehn Einheiten zur Versorgung geplant
FĂŒr eine deutlich geringere Zahl von Menschen, die im Notfall untergebracht werden mĂŒssen, gibt es das «Mobile Betreuungsmodul 5000» (MBM). Als Pilotprojekt hat das Deutsche Rote Kreuz (DRK) eine solche Einheit fĂŒr die Versorgung von bis zu 5.000 unverletzten Menschen erhalten. Perspektivisch will das Bundesinnenministerium insgesamt zehn solcher Module beschaffen.Â
Laut Tiesler sind im Haushalt allerdings bisher lediglich eineinhalb dieser Module finanziell abgesichert. Leon Eckert, Katastrophenschutz-Experte der GrĂŒnen, sagt: «Die LĂ€nder mĂŒssen ihrer Verantwortung gerecht werden, um fĂŒr ausreichende BetreuungsplĂ€tze zu sorgen.» Projekte wie MBM könnten hier nicht die alleinige Lösung sein.











