MĂ€dchen unerwĂŒnscht: Der Föten-Friedhof von Vietnam
29.11.2023 - 07:44:49Nguyen Thi Nhiem hockt vor ihren GrĂ€bern und zĂŒndet RĂ€ucherstĂ€bchen an. GeschmĂŒckt sind die RuhestĂ€tten mit Sonnenblumen aus Plastik und Wildpflanzen, die unter der warmen Sonne Vietnams vertrocknet sind. Aber dies ist kein normaler Friedhof: In kleinen, rechteckigen TongefĂ€Ăen werden hier - im Ort Ben Coc nördlich von Hanoi - ausschlieĂlich winzige Lebewesen beerdigt, die nie auf der Erde gelebt haben. Und davon gibt es in Vietnam viele. Sehr viele.
Das Land hat UN-Statistiken zufolge seit Jahren eine der höchsten Abtreibungsraten der Welt. Damit die Föten nach dem Schwangerschaftsabbruch einen wĂŒrdigen Bestattungsort bekommen, hat Nguyen Thi Nhiem vor 16 Jahren nahe eines Reisefelds Land gekauft und in einen Friedhof fĂŒr ungeborenes Leben verwandelt. Hier betet sie fĂŒr die Seelen der ungewollten Kinder.
Heute umfasst die BegrÀbnisstÀtte rund 1800 Quadratmeter, auf denen mehr als 240.000 Föten in MassengrÀbern beerdigt sind. 80 Prozent waren zwischen einem und drei Monaten alt, aber viele auch Àlter. «Jeden Tag erhalte ich 15 bis 20 Föten, von denen einige von ehrenamtlichen Studenten auf den Friedhof gebracht werden. Andere holt mein Mann in umliegenden KrankenhÀusern und Kliniken ab», erzÀhlt die 64-JÀhrige der dpa.
MĂ€nnlicher Nachwuchs erwĂŒnscht
Nach UN-SchĂ€tzungen von 2022 werden in dem Land am Mekong jedes Jahr mindestens 300.000 Abtreibungen vorgenommen. Die Dunkelziffer ist aber hoch. Der nationale Verband fĂŒr Familienplanung (VINAFPA) spricht von 1,2 bis 1,6 Millionen jĂ€hrlichen AbbrĂŒchen in einem Land mit etwa 98 Millionen Einwohnern. Zum Vergleich: In Deutschland wurden im vergangenen Jahr 104.000 FĂ€lle gemeldet.
Die Besonderheit: In Vietnam handelt es sich oft um geschlechtsspezifische Abtreibungen. Denn die meisten Paare wollen Söhne haben. Die Bevorzugung von mÀnnlichem Nachwuchs ist kulturell tief verwurzelt. Hauptgrund ist der hartnÀckige Einfluss des Konfuzianismus, wonach Frauen als untergeordnet betrachtet werden. Söhne gelten als Hauptverdiener, sie sollen das Familienvermögen verwalten und ihre alternden Eltern versorgen.
«Obwohl geschlechtsselektive Abtreibungen in Vietnam illegal sind, finden viele Paare Wege, um sicherzustellen, dass sie Söhne bekommen - was zur höchsten Abtreibungsrate des Landes in der ganzen Region beitrĂ€gt», sagt Khuat Thu Hong, Direktorin des in Hanoi ansĂ€ssigen Instituts fĂŒr Studien zur sozialen Entwicklung. Viele Frauen seien gezwungen, mehrmals schwanger zu werden, um einen Jungen zur Welt zu bringen. Andere mĂŒssten gleich mehrere Abtreibungen durchfĂŒhren lassen, um dieses Ziel zu erreichen.
Das zeigt sich auch auf dem Föten-Friedhof. «Von 100 Föten, die hier begraben sind, sind 90 weiblich und nur 10 mÀnnlich», berichtet Nhiem. «Das ist ganz offensichtlich eine Folge der Geschlechterselektion.»
Platz auf Föten-Friedhof wird knapp
Vietnams Bevölkerungsamt schĂ€tzt, dass es bis 2034 im Land 1,5 Millionen mehr MĂ€nner als Frauen geben wird, wenn das Geschlechterungleichgewicht weiter so hoch bleibt. Bis 2050 lĂ€ge die Zahl bereits bei 4,3 Millionen. «Vietnam wird mit den gleichen Problemen konfrontiert sein wie China, weil MĂ€nner Schwierigkeiten haben werden, Partnerinnen zu finden», ist Expertin Hong ĂŒberzeugt. Die hĂ€ufige Folge: Prostitution und Frauenhandel.
FrĂŒher, als sie noch jĂŒnger war, hat Nhiem fast tĂ€glich Embryos und Föten zur letzten Ruhe gebettet. Mittlerweile besitzt sie zwei groĂe KĂŒhltruhen, in denen sie die winzigen Pakete einige Tage aufbewahrt, bevor sie einmal pro Woche die Beerdigungen vornimmt. Vor Jahren hat sie bereits zusĂ€tzliches Land erworben, da der Platz nicht mehr ausreichte. «FrĂŒher oder spĂ€ter wird der Friedhof wieder ĂŒberfĂŒllt sein», sagt sie traurig.
SchwangerschaftsabbrĂŒche sind in Vietnam - falls sie nicht geschlechtsselektiv sind - bis zur 22. Woche erlaubt. Dennoch gibt es auch eine Vielzahl von unsicheren Abtreibungen, die nicht von Experten vorgenommen werden und fĂŒr die Frauen groĂe Risiken bergen.
Neue sexuelle FreizĂŒgigkeit
Ein Grund fĂŒr die extrem vielen ungewollten Schwangerschaften sind laut Gesundheitsministerium fehlendes Wissen um VerhĂŒtungsmethoden - aber auch ein gesellschaftlicher Wandel hin zu mehr sexueller FreizĂŒgigkeit. TatsĂ€chlich sind 60 bis 70 Prozent der jungen Frauen, die abtreiben, noch im Teenageralter.
«Die Jugend von heute hat zunehmend offene Gedanken und Konzepte, was Liebe und Sex betrifft», erlĂ€utert Hong. «Viele sind bereit, Geschlechtsverkehr zu haben und im Falle einer unbeabsichtigten Schwangerschaft eine Abtreibung zu akzeptieren.» Aber auch verheiratete Paare entschieden sich immer öfter fĂŒr einen Abbruch, weil Kinder mit hohen Kosten verbunden seien. Mittlerweile gebe es einen Trend zur Kleinfamilie.
Nhiem beerdigt derweil weiter Föten. «Ich werde langsam alt. Wenn ich einen Wunsch frei hĂ€tte, dann wĂ€re es, dass die Zahl der Abtreibungen abnimmt und nicht so viele Föten ihres Rechts auf ein Leben beraubt werden», sagt sie. Ihr Friedhof solle ein Symbol und eine Mahnung an die Jugend sein, Verantwortung fĂŒr ungeborene Kinder zu ĂŒbernehmen.


