Deutlicher Anstieg bei Straftaten gegen Frauen
19.11.2024 - 14:59:47Nach aktuellen Daten sind immer mehr Frauen in Deutschland von Gewalt betroffen. So stieg etwa die Zahl der weiblichen Opfer von hĂ€uslicher Gewalt laut einer Auswertung des Bundeskriminalamts um 5,6 Prozent auf 180.715 im vergangenen Jahr. Im Jahr davor waren es noch 171.076.Â
Die Zahlen gehen aus dem aktuellen Lagebild «Geschlechtsspezifisch gegen Frauen gerichtete Straftaten» hervor, das die beiden Bundesministerinnen fĂŒr Frauen, Lisa Paus (GrĂŒne), und fĂŒr Inneres, Nancy Faeser (SPD), zusammen mit dem VizeprĂ€sidenten des Bundeskriminalamts (BKA), Michael Kretschmer, in Berlin vorgestellt haben.Â
Der Kernbefund: Auf allen Ebenen stieg im vergangenen Jahr die Zahl der erfassten Taten, die sich spezifisch gegen das weibliche Geschlecht richteten oder ĂŒberwiegend Frauen betrafen. «Die Zahlen und Fakten zeigen, dass Hass und Gewalt gegen Frauen ein zunehmendes gesellschaftliches Problem sind», betonte BKA-VizeprĂ€sident Kretschmer. Es ist das erste Mal, dass Daten zu geschlechtsspezifischer Gewalt gegen Frauen auf diese Weise erfasst und gebĂŒndelt werden.Â
HĂ€usliche Gewalt
Mit mehr als 180.000 Betroffenen im vergangenen Jahr ist hÀusliche Gewalt ein Schwerpunkt-PhÀnomen, das in den meisten FÀllen (70,5 Prozent) Frauen und MÀdchen betrifft. Von hÀuslicher Gewalt ist immer dann die Rede, wenn es sich um Personen handelt, die in einer partnerschaftlichen Beziehung zueinander sind oder waren oder wenn sich die Gewalt in der Familie abspielt. Die meisten weiblichen Opfer sind laut Statistik zwischen 30 und 60 Jahren alt und deutsche Staatsangehörige.
Bei partnerschaftlicher Gewalt sind knapp 80 Prozent der Betroffenen weiblich. Familienministerin Paus betonte, dass mehr als 11.000 Frauen monatlich Opfer von Gewalt in der Partnerschaft wĂŒrden. «Das sind fast 400 am Tag.» Das tatsĂ€chliche AusmaĂ dĂŒrfte noch gröĂer sein. Bei partnerschaftlicher Gewalt gehen die Ermittler - Ă€hnlich wie bei Taten im Internet - von einer hohen Dunkelziffer aus.Â
Auch bei Sexualstraftaten zeigt der Pfeil der Statistik nach oben. 2023 wurden demnach 52.330 Frauen und MĂ€dchen Opfer von Sexualstraftaten - und damit 6,2 Prozent mehr als 2022. Die HĂ€lfte der Opfer war hier den Angaben zufolge jĂŒnger als 18 Jahre. Die Mehrheit der TatverdĂ€chtigen (rund 65 Prozent) habe die deutsche Staatsangehörigkeit.
Das Internet als «Treiber» von Gewalt an Frauen
Ein weiterer KriminalitĂ€tsschwerpunkt: das Internet. «Gerade im digitalen Raum werden Frauen immer hĂ€ufiger angegriffen und angefeindet», sagte Kretschmer. Das Netz sei ein «Treiber». Mehr als 17.193 Frauen und MĂ€dchen wurden laut Statistik im vergangenen Jahr Opfer von digitaler Gewalt, etwa von «Cyberstalking» oder anderen Delikten, die beispielsweise bei AktivitĂ€ten in sozialen Medien begangen werden.Â
Das entspreche einem Anstieg um 25 Prozent gegenĂŒber 2022, in dem noch knapp 13.800 weibliche Opfer im digitalen Raum registriert worden waren. Im FĂŒnf-Jahres-Verlauf hĂ€tten sich die Zahlen hier mehr als verdoppelt, erklĂ€rte Kretschmer weiter.Â
AuffĂ€lliger Anstieg bei ausschlieĂlich frauenfeindlichen Taten
Was er besonders hervorhebt: Die Zahl der Straftaten, die ausschlieĂlich auf frauenfeindliches Gedankengut zurĂŒckgehen, stieg um mehr als 56 Prozent gegenĂŒber 2022. Demnach wurden 322 Taten gegen Frauen erfasst, bei denen das Tatmotiv ausschlieĂlich auf Vorurteilen gegen Frauen oder das weibliche Geschlecht basierte.Â
Diesen Taten kommt dem Lagebild zufolge eine besondere Bedeutung zu, weil sie als Teil der politischen KriminalitÀt eingestuft werden - darunter Beleidigung (150), Volksverhetzung (46) und Nötigung oder Bedrohung (24). Im Jahr 2022 waren es noch 206 Straftaten dieser Art. Kretschmer verwies darauf, dass fast die HÀlfte (45 Prozent) aller frauenfeindlichen Delikte, die unter diese Kategorie fallen, dem rechten Spektrum zuzuordnen seien.
Femizide
Besonders schwerwiegend sind versuchte und vollendete Tötungsdelikte, die sich explizit gegen das weibliche Geschlecht richten - sogenannte Femizide. Im Jahr 2023 wurden 938 MĂ€dchen und Frauen Opfer von versuchten oder vollendeten Femiziden, ein Prozent mehr als 2022 (929). 360 Frauen und MĂ€dchen starben dabei. Mit 1.050 Opfern von versuchten oder vollendeten Femiziden war im ersten Corona-Jahr 2020 ein Höchststand erreicht worden.Â
Nach einem RĂŒckgang im Jahr 2021 sei die Zahl aber wieder kontinuierlich gestiegen, hieĂ es. Von den TatverdĂ€chtigen der Tötungsdelikte waren 84,6 Prozent mĂ€nnlich und 15,4 Prozent weiblich. Die meisten seien Ă€lter als 21 (89,7 Prozent) und hĂ€tten die deutsche Staatsangehörigkeit (68,2 Prozent), hieĂ es.
MaĂnahmen zur EindĂ€mmung der Gewalt
Frauenministerin Paus hat seit Amtsantritt immer wieder betont, dass sie effektive MaĂnahmen gegen Gewalt an Frauen treffen wolle. Zugleich rĂ€umt sie mit Blick auf FrauenhĂ€user, Schutzeinrichtungen und Beratungsstellen ein: «Das Angebot reicht vielerorts bei weitem nicht aus.»Â
Ihr Haus arbeite daher intensiv an einer ressortĂŒbergreifenden Gewaltschutzstrategie. Sie sei zuversichtlich, dass das Kabinett diese noch beschlieĂen werde. Wichtig sei auch das Gewalthilfegesetz, das ihr Haus in enger Abstimmung mit anderen Ministerien, den LĂ€ndern und VerbĂ€nden erarbeitet habe. Auch hier hofft sie auf breite UnterstĂŒtzung im Bundestag - die es nach dem Auseinanderbrechen der Ampel-Koalition aus SPD, GrĂŒnen und FDP wahrscheinlich eher nicht geben wird. DafĂŒr mĂŒssten wohl auch Teile der Union das Gesetz mittragen.Â
Von dort kam am Dienstag aber vor allem eines: heftige Kritik. Der rechtspolitische Sprecher der Unionsfraktion, GĂŒnter Krings, warf Paus und Faeser vor, den effektiven Schutz von Frauen in Deutschland versĂ€umt zu haben. Das Bundeslagebild sei eine «BankrotterklĂ€rung», schrieb er in einer Stellungnahme.







