Raucheranteil unter den Jungen steigt
29.05.2023 - 09:00:32Mit Blick auf den Schutz vor Tabakqualm und schweren Folgeerkrankungen ist Deutschland nach Ansicht von Experten nicht gerade ein Vorbild. Zwar gibt es bereits viele Rauchverbote etwa in öffentlichen Verkehrsmitteln oder in Behörden - aber im internationalen Vergleich schneiden viele Staaten im Kampf gegen das Nikotin besser ab.
Beispiel: SupermĂ€rkte. Noch immer können Tabakprodukte hierzulande problemlos gekauft werden, ebenfalls an Kiosken oder in Tankstellen. Viele andere LĂ€nder sind da schon weiter oder haben zumindest konkrete PlĂ€ne, wann ein Verbot umgesetzt werden soll. So dĂŒrfen etwa ab kommenden Jahr niederlĂ€ndische SupermĂ€rkte generell keine Zigaretten und anderen Tabak mehr verkaufen. Zum Weltnichtrauchertag am 31. Mai nimmt die Diskussion Fahrt auf.
Vergleichsweise niedrige Tabaksteuer
Kritiker halten die Tabaksteuer in Deutschland fĂŒr zu gering. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) nannte Deutschland gar eines der «Sorgenkinder» weltweit. Erst 2022 war - erstmals seit sieben Jahren - wieder eine stufenweise Tabaksteuererhöhung in Kraft getreten. Im selben Jahr sank die Menge der versteuerten Zigaretten laut Statistischem Bundesamt um 8,3 Prozent auf 65,8 Milliarden StĂŒck.
Ein Grund dĂŒrfte den Statistikern zufolge die Tabaksteuererhöhung sein, doch viele Gesundheitsexperten halten das nicht fĂŒr ausreichend und verweisen auf Australien: Dort kostete 2022 eine Packung Zigaretten im Schnitt mehr als 27 Euro, in Deutschland waren es rund sieben. «Wir wissen, dass hohe Preise weniger Raucher bedeuten», so RĂŒdiger Krech, WHO-Direktor fĂŒr Gesundheitsförderung.
Viele Ausnahmeregelungen beim Rauchverbot
Auch in anderen Bereichen gibt es deutliche Expertenkritik an den deutschen Bestimmungen: So wird das Rauchverbot in Kneipen und GaststÀtten unterschiedlich ausgelegt. Nur in Bayern, Nordrhein-Westfalen und im Saarland gilt ein absolutes Rauchverbot. In anderen BundeslÀndern gibt es Ausnahmeregelungen: Hier darf in abgetrennten RÀumen gequalmt werden, dort ist in kleinen Kneipen, die kein Essen servieren, das Rauchen erlaubt. Wer steigt da noch durch?
Die Nichtraucher-Initiative Deutschland beklagt einen «Flickenteppich an Regelungen». Ein bundesweites striktes Rauchverbot wÀre ihr zufolge nötig. Das Deutsche Krebsforschungszentrum (DKFZ) warnt zudem davor, dass der Rauch bei halbherzigen Lösungen auch in angrenzende RÀume ziehen könnte - und so auch Nichtraucher gefÀhrdet seien.
Ausgerechnet unten Jungen steigt der Raucheranteil
JĂŒngste Statistiken zeigen: Der Anteil junger Raucher in Deutschland ist stark gestiegen. Elf Prozent der 16- bis 29-JĂ€hrigen bezeichneten sich als regelmĂ€Ăige Raucher, im Jahr 2020 seien es nur sechs Prozent gewesen, berichtete die Funke Mediengruppe an diesem Wochenende ĂŒber eine reprĂ€sentative Forsa-Umfrage im Auftrag der KaufmĂ€nnischen Krankenkasse (KKH). «Dass vor allem junge Menschen wieder mehr und vor allem regelmĂ€Ăig rauchen, ist besorgniserregend», so Michael Falkenstein, KKH-Experte fĂŒr Suchtfragen. Doch was tun?
Der Sucht- und Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Burkhard Blienert, spricht sich fĂŒr weitere WerbeeinschrĂ€nkungen aus. «Die kostenlose Abgabe von Erhitzern, E-Zigaretten und Vapes sollte ebenso der Vergangenheit angehören wie Werbung auf Plakaten und Sponsoring durch die Nikotinwirtschaft.»
Forderung nach einem Ende von Tabak-Subventionen
Doch reichen solche MaĂnahmen? Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) setzt noch viel frĂŒher und globaler an. Sie fordert das Ende fĂŒr die staatliche Subventionierung des Tabakanbaus in vielen LĂ€ndern. «Tabak ist fĂŒr acht Millionen TodesfĂ€lle pro Jahr verantwortlich, und trotzdem geben Regierungen weltweit Millionen aus, um Tabakfarmen zu stĂŒtzen», kritisierte WHO-Chef Tedros Adhanom Ghebreyesus in Genf. Statt des fĂŒr Landwirte und Raucher schĂ€dlichen Tabaks sollten Pflanzen zur ErnĂ€hrung der Weltbevölkerung angebaut werden.
In ihrem Bericht zum Weltnichtrauchertag hebt die WHO auch einige europĂ€ische AnbaulĂ€nder wie Nordmazedonien hervor, einem der 20 wichtigsten Tabak-Exporteure der Welt. Dort werde der Tabak-Anbau mit bis zu 2507 Dollar (etwa 2336 Euro) pro Hektar gefördert, wĂ€hrend Weizen mit maximal 269 Dollar gestĂŒtzt werde. In der Schweiz hĂ€tten Tabakbauern zwischen 2015 und 2020 mehr als 32 Millionen Dollar an Subventionen erhalten. In den USA und Argentinien seien in diesem Zeitraum jeweils mehrere Hundert Millionen Dollar Steuergeld in den Tabakanbau geflossen. Insgesamt wachsen weltweit in 124 LĂ€ndern Tabakpflanzen auf 3,2 Millionen Hektar.
Jahrzehntelanger Bewusstseinswandel in Deutschland
Der lange Kampf gegen das Rauchen reicht in Deutschland bis in die 70er und 80er Jahre zurĂŒck, als die Zigarette allmĂ€hlich nicht mehr so sehr als Genussmittel, sondern zunehmend als Gesundheitsgefahr gesehen wurde. Folge war unter anderem, dass gefĂ€hrliche Inhaltsstoffe - vor allem Teer, aber auch Nikotin und Kondensat - schrittweise verringert wurden.
Damals begannen Werbeverbote beziehungsweise WerbeeinschrĂ€nkungen - zunĂ€chst freiwillige - fĂŒr das Fernsehen, den Hörfunk und schlieĂlich auch fĂŒr das Kino und in den Zeitungen und Zeitschriften. Es gab eine Kinder- und Jugendschutzklausel, die auch dafĂŒr sorgte, dass Zigarettenautomaten an der StraĂenecke mehr und mehr verschwanden. Tabakwaren waren schlieĂlich noch in EinkaufslĂ€den und SupermĂ€rkten an den ĂŒberwachten Kassen zugĂ€nglich oder in Kiosken und Tankstellen.
Rauchverbote in Flugzeugen gibt es seit Ende der 90er Jahre. Einen tiefen Einschnitt fĂŒr die Tabakbranche brachte das Nichtraucherschutzgesetz von 2007, das Basis fĂŒr das Rauchverbot am Arbeitsplatz, in öffentlichen Einrichtungen, ZĂŒgen der Deutschen Bahn und in Restaurants war.
Seit 2016 nehmen Warnhinweise plus Schockfotos zwei Drittel der Zigarettenverpackungen ein. Es folgten Werbeverbote fĂŒr Tabak und nikotinhaltige elektronische Zigaretten in Printmedien. Ebenfalls verboten ist Werbung etwa im Internet, Hörfunk und Fernsehen.


