Psychologie, Gesundheit

Ein Tabu bricht auf: Warum Essstörungen so viel tiefer gehen als Schönheitswahn

12.02.2026 - 08:00:00

Ottikon b. Kemptthal - Wenn Menschen öffentlich ĂŒber Essstörungen sprechen, wirkt das oft wie ein Tabubruch – dabei liegt das eigentliche Problem viel tiefer. Essstörungen wie beispielsweise die Bulimie sind weit verbreitet, aber kaum jemand redet offen darĂŒber. Hinter jedem kontrollierten Essverhalten steckt meist ein stiller Hilferuf: nach Anerkennung, Halt, Liebe oder Selbstbestimmung.

„Ich habe selbst erlebt, wie lĂ€hmend das Schweigen ist und wie befreiend es sich anfĂŒhlt, sich ehrlich zu begegnen“, sagt Andrea Amman, ehemalige Betroffene. Seit mehreren Jahren hilft sie Frauen, sich aus der AbhĂ€ngigkeit von belastendem Essverhalten zu lösen und ein gesundes VerhĂ€ltnis zu Körper und Seele zu entwickeln. In diesem Beitrag zeigt sie, wie Offenheit der erste Schritt zur Heilung sein kann und wie Betroffene aus der Spirale aus Scham und Kontrolle ausbrechen.

Essstörungen als Ausdruck innerer Konflikte

Essstörungen werden hĂ€ufig auf den Wunsch reduziert, schlank, schön oder leistungsfĂ€hig zu sein. Diese ErklĂ€rung greift jedoch viel zu kurz. In der Praxis zeigt sich, dass es weniger um Äußerlichkeiten geht, sondern vielmehr um tief liegende innere Spannungen, um alte Verletzungen aus Missbrauch oder Gewalt und aus zu intensivem Wahrnehmen. Viele Betroffene erleben ihre Umwelt als ĂŒberfordernd: zu viele GefĂŒhle, Erwartungen und Reize werden oft als zu intensiv, zu viel und zu laut wahrgenommen. Essen oder dessen Kontrolle wird in diesem Zusammenhang zu einem Mittel, um innere ZustĂ€nde zu regulieren und zumindest kurzfristig StabilitĂ€t zu erzeugen.

Dabei entsteht eine trĂŒgerische Sicherheit. Was zunĂ€chst Entlastung verspricht, entwickelt sich mit der Zeit zu einer extrem belastenden AbhĂ€ngigkeit, die immer mehr Zeit und Raum im Leben der Betroffenen einnimmt. Die eigentlichen BedĂŒrfnisse bleiben unerkannt, wĂ€hrend das Essverhalten zunehmend die Funktion ĂŒbernimmt, emotionale Überforderung auszugleichen.

HochsensibilitÀt und fehlende BewÀltigungsstrategien

AuffĂ€llig ist, dass viele Menschen mit Essstörungen eine ausgeprĂ€gte SensibilitĂ€t mitbringen. Sie nehmen Stimmungen, unausgesprochene Erwartungen und emotionale VerĂ€nderungen besonders stark wahr. Wenn in frĂŒhen Lebensphasen kein gesunder Umgang mit dieser WahrnehmungsintensitĂ€t erlernt wurde, entstehen individuelle BewĂ€ltigungsstrategien. Essstörungen können eine solche Strategie darstellen, weil sie GefĂŒhle dĂ€mpfen oder innere Leere ĂŒberdecken.

Langfristig verstĂ€rken sie jedoch genau jene Problematik, die sie zu lösen scheinen. Statt Selbstwirksamkeit zu fördern, fĂŒhren sie zu einer zunehmenden Entfremdung vom eigenen Körper und von sich selbst. Die FĂ€higkeit, eigene BedĂŒrfnisse wahrzunehmen und wichtige Grenzen zu setzen, geht dabei immer mehr verloren.

Das Schweigen und seine Folgen

Besonders eine Bulimie bleibt oft ĂŒber Jahre hinweg verborgen. Betroffene wirken nach außen angepasst, leistungsfĂ€hig und absolut perfekt, wĂ€hrend sie innerlich unter enormem Druck stehen. Scham und SchuldgefĂŒhle verhindern hĂ€ufig, dass Hilfe gesucht oder darĂŒber gesprochen wird. Hinzu kommen vereinfachende gesellschaftliche Vorstellungen, die Essstörungen als bloßes Fehlverhalten missverstehen.

Solche pauschalen Zuschreibungen verkennen die KomplexitĂ€t der Erkrankung. Essstörungen sind keine Frage von Disziplin oder Willenskraft, sondern Ausdruck tief verwurzelter psychischer Verletzungen, Ängsten, Unsicherheiten und eingebrannten GedankenzĂŒgen. Das Schweigen verstĂ€rkt das Leiden, weil es noch mehr RĂŒckzug erzeugt und den Zugang zu UnterstĂŒtzung weiter erschwert.

Der Einfluss von Schönheitsidealen und sozialen Medien

Schönheitsideale und soziale Medien wirken wie ein stĂ€ndiger VerstĂ€rker innerer Unsicherheiten. Vor allem junge Menschen geraten frĂŒh in einen Vergleich, bei dem Anerkennung scheinbar an Aussehen, Körperform oder Selbstinszenierung gekoppelt ist. Wer glaubt, nur dann wertvoll zu sein, wenn er einem bestimmten scheinbar perfekten Bild entspricht, verliert mit der Zeit den Kontakt zu sich selbst, zu den eigenen BedĂŒrfnissen und Empfindungen.

Oft beginnt dieser Prozess schleichend. Erste DiĂ€ten in der frĂŒhen Kindheit, kontrolliertes Essen oder der Wunsch, „bewusster“ mit dem Körper umzugehen, erscheinen harmlos. Doch aus anfĂ€nglicher Kontrolle kann sich ĂŒber Jahre hinweg ein starres Muster entwickeln, welches den Alltag Betroffener mehr und mehr beherrscht. Das Vertrauen in den eigenen Körper geht dabei zunehmend verloren, wĂ€hrend der Druck, alles im Griff zu behalten, wĂ€chst.

Offenheit als Voraussetzung fĂŒr VerĂ€nderung

Ein nachhaltiger Weg aus einer Essstörung fĂŒhrt deshalb nicht ĂŒber noch mehr Kontrolle, HĂ€rte oder Disziplin. Entscheidend ist vielmehr der Blick unter die OberflĂ€che. Dort zeigen sich hĂ€ufig ungelöste Blockaden, ein Mangel an SelbstfĂŒrsorge, Ängste, unsichere Grenzen oder ein brĂŒchiges SelbstwertgefĂŒhl. Erst wenn diese Themen wahrgenommen und erkannt werden, entsteht die Grundlage fĂŒr echte VerĂ€nderung.

Offenheit spielt in diesem Prozess eine zentrale Rolle. Wer das Schweigen mutig bricht, entlastet sich und schafft Raum fĂŒr VerstĂ€ndnis und Heilung. Öffentliche GesprĂ€che ĂŒber Essstörungen können dazu beitragen, Vorurteile abzubauen und Betroffenen zu zeigen, dass sie nicht allein sind. Heilung beginnt oft dort, wo Scham nachlĂ€sst und ein ehrlicher Blick auf die eigenen BedĂŒrfnisse möglich wird.

Essstörungen sind weder ein RandphĂ€nomen noch Ausdruck persönlicher SchwĂ€che. Sie spiegeln innere Konflikte wider, die in einer Gesellschaft entstehen, in der Leistung, Anpassung, Ă€ußere Schönheit oder Kontrolle hĂ€ufig ĂŒber die emotionale Gesundheit gestellt werden. Umso wichtiger ist es, zuzuhören, hinzusehen und RĂ€ume zu öffnen, in denen VerĂ€nderung wachsen kann.

Über Andrea Ammann:

Nach fast 20 Jahren Bulimie hat Andrea Ammann den Weg in die Freiheit gefunden. Heute begleitet sie Frauen auf dem Weg aus der Essstörung in ein selbstbestimmtes, freies Leben. In ihrem Mentoring verbindet sie praktische Alltagsimpulse mit energetischer Arbeit, Hörsequenzen, Video-Calls und Live-Seminaren. Ihr Ziel ist es, Frauen dabei zu unterstĂŒtzen, sich selbst und ihr Leben wieder zu leben und zu lieben. Mehr Informationen unter: https://andrea-ammann.com/

Pressekontakt:

Andrea Ammann GmbH
Web: https://andrea-ammann.com/
E-Mail: [email protected]

Ruben SchÀfer
E-Mail: [email protected]

Original-Content von: Andrea Ammann ĂŒbermittelt durch news aktuell

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