Erste Stickstoff-Hinrichtung in den USA
26.01.2024 - 16:48:27Erstmals ist in den USA ein zum Tode verurteilter Mensch mit einer neuen Stickstoff-Methode hingerichtet worden. Der 58 Jahre alte Kenneth Eugene Smith wurde am Donnerstagabend (Ortszeit) in einem GefÀngnis im US-Bundesstaat Alabama mittels sogenannter Stickstoffhypoxie exekutiert, wie Alabamas Justizminister Steve Marshall mitteilte. Diese Methode sei nicht nur in den USA, sondern weltweit erstmals zum Einsatz gekommen, erklÀrte Marshall. Menschenrechtsexperten hatten vorab gravierende Bedenken angemeldet. Alle Versuche der AnwÀlte des Mannes, die Exekution aufzuhalten, waren jedoch erfolglos.
Die Hinrichtung war in einem GefĂ€ngnis in der kleinen Stadt Atmore im SĂŒden des Bundesstaates. Bei der Prozedur bekommt der Betroffene ĂŒber eine Gesichtsmaske Stickstoff zugefĂŒhrt - die Folge ist der Tod durch Sauerstoffmangel. Sie dauerte nach Angaben von Marshall weniger als 30 Minuten. Ein Vertreter der zustĂ€ndigen Strafvollzugsbehörde sagte, Smith habe zum Teil gezuckt und abnormal geatmet. Aber das sei erwartet worden. Smith war wegen Mordes verurteilt worden.
Pfarrer beschreibt minutenlange Tortur
Der bei der Hinrichtung anwesende Pfarrer, Jeff Hood, beschrieb hingegen, dass Strafvollzugsbeamte im Raum sichtlich ĂŒberrascht darĂŒber gewesen seien, «wie schlecht die Sache lĂ€uft». Smith sei nicht innerhalb von Sekunden bewusstlos gewesen. «Was wir sahen, waren Minuten, in denen jemand um sein Leben kĂ€mpfte», sagte Hood. Smith habe sich gewunden, gespuckt und seinen Kopf immer wieder nach vorne gerissen - die Maske sei am Exekutionstisch befestigt gewesen.
Dass die Inhalation von reinem Stickstoff keine schwerwiegenden Leiden verursacht, halten Experten der Vereinten Nationen fĂŒr nicht wissenschaftlich bewiesen. Nach Smiths Hinrichtung warnte das UN-MenschenrechtsbĂŒro vor einer Verbreitung dieser Methode. «Wir lĂ€uten die Alarmglocken, weil dies möglicherweise eine Form von menschenrechtswidriger Folter darstellt», sagte UN-Menschenrechtssprecherin Ravina Shamdasani in Genf. Man befĂŒrchte, dass dies nun als Hinrichtungsmethode akzeptiert werde.
1000 US-Dollar fĂŒr einen Auftragsmord
1988 hatte Smith sich als damals 22-JÀhriger auf einen Auftragsmord eingelassen. Opfer war die Ehefrau des Auftraggebers, der sich eine Woche nach der Tat selbst das Leben nahm. Smith und zwei MittÀter wurden gefasst - einer bekam eine lebenslange Haftstrafe und starb 2020 im GefÀngnis, der andere wurde 2010 mittels Giftspritze hingerichtet.
Smith hatte im Prozess gegen ihn zwar zugegeben, er sei bei der Tat anwesend gewesen, beteuerte aber, sich an der tödlichen Attacke selbst nicht beteiligt zu haben. Nach einem Berufungsverfahren sahen die Geschworenen 1996 eigentlich eine lebenslange Haftstrafe fĂŒr ihn vor, doch der zustĂ€ndige Richter setzte sich damals darĂŒber hinweg. Das Gesetz, das dies erlaubte, schaffte Alabama erst 2017 ab - als letzter US-Bundesstaat.
Ein gescheiterter Hinrichtungsversuch
Wie sein MittĂ€ter sollte Smith eigentlich ebenfalls mit der Giftspritze hingerichtet werden. Doch GefĂ€ngnispersonal gelang es 2022 nicht, die dafĂŒr nötige KanĂŒle in seinen Arm zu legen. Nach mehreren Stunden, in denen er angeschnallt auf dem Exekutionstisch lag, wurde er wieder in seine Zelle gebracht.
In den USA scheitern Exekutionen mit der Giftspritze immer wieder oder ziehen sich ĂŒber Stunden hin. Weil die US-Standesvertretung von Ărzten und Pflegepersonal AMA ihren Mitgliedern das Mitwirken an Hinrichtungen untersagt, werden sie mitunter nicht von ausreichend geschultem Fachpersonal durchgefĂŒhrt. Zudem blockieren viele Pharmaunternehmen den Einsatz ihrer Medikamente oder das fĂŒr die Injektion benötigten Equipment - darunter der deutsche Konzern Fresenius Kabi. Zur Frage, inwieweit die US-Arzneimittelbehörde involviert sein sollte, tobt seit Jahren ein juristischer Streit.
US-Bundesstaaten, in denen noch Todesurteile vollstreckt werden, können EngpĂ€sse und Zulassungsfragen aber umgehen, indem sie die Giftcocktails ĂŒber sogenannte Compounding Pharmacies (Deutsch: Rezepturapotheken) beziehen. Diese werden nicht auf Bundesebene reguliert - und machten in der Vergangenheit etwa wegen fehlender Hygiene Schlagzeilen.
Angehörige: Schulden wurden beglichen
Angehörige der Frau, die 1988 bei dem Auftragsmord getötet worden war, hatten mit UnverstĂ€ndnis auf die Debatte ĂŒber Smiths mögliches Leiden reagiert. Nach der Hinrichtung sagte einer ihrer Söhne: «Nichts, was heute hier passiert ist, wird Mama zurĂŒckbringen, nichts.» Seine Familie habe allen drei TĂ€tern vergeben. Er betonte aber auch: «In der Bibel steht, dass böse Taten Konsequenzen haben. Kenny Smith hat vor 35 Jahren einige schlechte Entscheidungen getroffen. Seine Schulden wurden heute Abend beglichen.»
Bei der Exekution waren nur wenige Medienvertreter als Beobachter zugelassen, darunter eine Reporterin des regionalen Fernsehsenders WHNT. Ihr zufolge sagte Smith kurz vor seinem Tod: «Heute Abend hat Alabama die Menschheit dazu gebracht, einen Schritt zurĂŒck zu machen.» Und weiter: «Ich gehe mit Liebe, Frieden und Licht.»
In Gesellschaft mit China, dem Iran und Saudi-Arabien
Die Todesstrafe gibt es in den USA heute noch beim MilitĂ€r, auf Bundesebene und in 27 Bundesstaaten, wobei sie in de facto nicht mehr ĂŒberall vollstreckt wird. Die zugelassenen Methoden variieren von Bundesstaat zu Bundesstaat. Die mit Abstand hĂ€ufigste Methode ist die Exekution mit der Giftspritze. Stickstoffhypoxie ist auĂer in Alabama nur in den Bundesstaaten Oklahoma und Mississippi erlaubt. Eingesetzt wurde die Methode dort bislang nie.
Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International verzeichnete im Jahr 2022 mindestens 883 Hinrichtungen in 20 LĂ€ndern. Am hĂ€ufigsten wurde die Todesstrafe demnach in China, im Iran, in Saudi-Arabien, Ăgypten und den USA vollstreckt - in dieser Reihenfolge. 2023 wurden in den USA 24 Todesurteile vollstreckt, Smiths Hinrichtung am Donnerstag war dieses Jahr die erste.


