Spazierclubs in Dresden: Gemeinsam statt einsam durch die Stadt
Veröffentlicht am: 10.10.2026 um 04:00 Uhr | dpa, AD HOC NEWSEin Dresdner Spazierclub will Menschen ĂŒber kurze gemeinsame Runden durch die Innenstadt miteinander ins GesprĂ€ch bringen und so neue Kontakte ermöglichen.
Gemeinsam durch die DĂ€mmerung
An einem Freitagabend zieht eine Gruppe aus jĂŒngeren und Ă€lteren Menschen durch die Dresdner Innenstadt. Einige tragen Lichterketten, andere fĂŒhren ihre Hunde mit; unterwegs entstehen zunĂ€chst vorsichtige, spĂ€ter lebhaftere GesprĂ€che.
Ins Leben gerufen wurde der noch junge Club nach Angaben seines GrĂŒnders Konrad Höferth im Juli. Er habe selbst neue Menschen kennenlernen wollen, weil sein Freundeskreis begrenzt sei und er seine Freunde ĂŒber die Arbeit kenne.
Spazierclubs verbreiten sich
Ăber soziale Netzwerke sind Ă€hnliche Angebote inzwischen auch in Berlin, Leipzig, Frankfurt am Main, Hamburg und Oldenburg bekannt. Nach Angaben von Veranstaltern nehmen daran teilweise Hunderte Menschen teil.
Der Sport- und Sozialpsychologe Jens Kleinert von der Deutschen Sporthochschule Köln spricht jedoch nicht von einem Boom, sondern von einem neuen Format, das bestehende Angebote ergÀnze.
Moderation gegen die erste Hemmschwelle
In Dresden fĂŒhrt ein Awareness-Team die Gruppe und kennt die Route. Ein Moderator stellt unterwegs Fragen oder gibt Aufgaben vor, damit die Teilnehmenden leichter miteinander ins GesprĂ€ch kommen. Höferth zufolge habe ab der HĂ€lfte des Spaziergangs meist jeder jemanden zum Unterhalten.
Die 26-jĂ€hrige Vi-Anh entdeckte den Club auf Instagram. Zu ihrem ersten Treffen kam sie allein, nachdem eine Freundin abgesagt hatte. Das mulmige GefĂŒhl sei schnell verschwunden; inzwischen habe sie ĂŒber den Club neue Freunde gefunden.
Bewegung als gemeinsamer Anlass
Bei den SpaziergĂ€ngen gehe es nicht darum, möglichst viele Schritte zu sammeln, erklĂ€rt Höferth. Das Gehen diene vor allem als Anlass, sich zu treffen. Die Route ist rund drei Kilometer lang und soll fĂŒr viele Menschen zu bewĂ€ltigen sein.
Kleinert zufolge erleichtere Bewegung den Kontakt, weil die Teilnehmenden eine gemeinsame TĂ€tigkeit ausĂŒbten. Zugleich seien Spazierclubs ein Gegenmodell zu leistungsorientierten Trendsportarten wie Hyrox oder CrossFit.
Barrierearme Routen
Höferth will die Teilnahme niedrigschwellig halten. Die Strecken seien kurz und barrierefrei; fĂŒr GetrĂ€nke und Snacks suche er jeweils Sponsoren. Zum Awareness-Team gehört auch die 45-jĂ€hrige Nelly, die besonders auf Ă€ltere Menschen und Menschen mit Behinderung achtet. Nach Angaben des Veranstalters nehmen an jedem Spaziergang auch Rollstuhlfahrer teil.
Kontakt gegen Einsamkeit
Kleinert sieht in den Clubs eine Reaktion auf die wachsende Bedeutung von Einsamkeit. Einer Panelstudie des Deutschen Instituts fĂŒr Wirtschaftsforschung aus dem Jahr 2025 zufolge fĂŒhlten sich 19 Prozent der Deutschen manchmal oder hĂ€ufiger einsam. Vor der Pandemie waren es demnach 14 Prozent.
Höferth fĂŒhrt die Entwicklung auch auf soziale Netzwerke zurĂŒck: Dort lieĂen sich zwar leicht Kontakte knĂŒpfen, diese blieben aber hĂ€ufig oberflĂ€chlich. Kleinert betont, digitale Verbindungen ersetzten nicht ohne Weiteres den persönlichen Kontakt und das unmittelbare Zusammensein.
Niedrigschwellige Begegnung
Spazierclubs verbinden zwei Faktoren, die fĂŒr soziale Kontakte besonders zugĂ€nglich sind: eine gemeinsame AktivitĂ€t und ein offenes Gruppensetting. Anders als bei einem festen Verein mĂŒssen Interessierte weder besondere FĂ€higkeiten mitbringen noch langfristig beitreten. Die kurze Strecke senkt zusĂ€tzlich die körperliche und organisatorische HĂŒrde.
Das Format reagiert damit auf ein gesellschaftliches Problem, das ĂŒber fehlende Freizeitkontakte hinausgeht. Einsamkeit kann auch Menschen betreffen, die arbeiten, in einer Partnerschaft leben oder regelmĂ€Ăig digitale Kontakte haben. Entscheidend ist nicht allein die Zahl der Verbindungen, sondern ob daraus verlĂ€ssliche und persönlich erlebte Beziehungen entstehen.
StÀdte als soziale RÀume
FĂŒr Kommunen liegt die Bedeutung solcher Angebote darin, dass sie öffentlichen Raum als Treffpunkt nutzen. Barrierefreie Routen, klare Ansprechpersonen und moderierte GesprĂ€chsimpulse können dabei helfen, dass aus einem zufĂ€lligen Nebeneinander ein tatsĂ€chlicher Austausch wird. Zugleich ersetzen Spazierclubs keine professionelle Beratung und erreichen nicht automatisch Menschen, die besonders stark isoliert sind.
Ihre mögliche Wirkung zeigt sich eher im Alltag: Ein regelmĂ€Ăiger Termin kann Struktur schaffen, Hemmschwellen abbauen und neue Kontakte in der eigenen Nachbarschaft ermöglichen. FĂŒr Teilnehmende ist das Angebot deshalb weniger ein Sportkurs als ein unkomplizierter Einstieg in gemeinschaftliche AktivitĂ€ten.

