Typus, Kerl

Neuer Typus Kerl: Sind «Soft Jocks» die MÀnner der Stunde?

28.02.2024 - 08:13:45

Toxische MÀnnlichkeit wird weniger akzeptiert. Angesagt scheinen 2024 MuskelmÀnner, die sich sensibel zeigen. Man denke an CK-Model Jeremy Allen White oder Taylor Swifts bÀrtigen Lover Travis Kelce.

  • American-Football-Star Travic Kelce ist der Freund von Taylor Swift. - Foto: Julio Cortez/AP/dpa

    Julio Cortez/AP/dpa

  • Ein Mann vom Typus «Soft Jocks»: Schauspieler Jeremy Allen White. - Foto: Jordan Strauss/Invision/AP/dpa

    Jordan Strauss/Invision/AP/dpa

  • Der Schauspieler Paul Mescal. - Foto: Jordan Strauss/Invision/AP/dpa

    Jordan Strauss/Invision/AP/dpa

American-Football-Star Travic Kelce ist der Freund von Taylor Swift. - Foto: Julio Cortez/AP/dpaEin Mann vom Typus «Soft Jocks»: Schauspieler Jeremy Allen White. - Foto: Jordan Strauss/Invision/AP/dpaDer Schauspieler Paul Mescal. - Foto: Jordan Strauss/Invision/AP/dpa

«Wann ist ein Mann ein Mann?»: Der Hit «MĂ€nner» wird dieses Jahr auch schon 40 Jahre alt. Als hĂ€tte Herbert Grönemeyer 1984 schon geahnt, was 2024 debattiert wird, dichtete er damals: «MĂ€nner haben's schwer, nehmen's leicht - außen hart und innen ganz weich.» Das ist dann auch der Kern der These ĂŒber eine aktuell schwer angesagte Art von Kerl namens «Soft Jock». Gemeint sind MuskelmĂ€nner, die sich sensibel zeigen. 

In der medialen Öffentlichkeit heftet dieses Etikett gerade mehreren berĂŒhmten MĂ€nnern an. Die «Soft Jock»-Vorzeigekerle 2024 sind alle wesentlich jĂŒnger als Herbies Hit «MĂ€nner»: American-Football-Star Travis Kelce (34), die Schauspieler Jeremy Allen White (33), Paul Mescal (28) und Jacob Elordi (26). 

MĂ€nner, die GefĂŒhle zeigen

Der bĂ€rtige Muskelmann Kelce ist der Freund von Megastar Taylor Swift. Er fiel damit auf, dass er öffentlich seine Verliebtheit zeigte und ĂŒber seine Beziehung sprach. US-Serienstar White ist der Hauptdarsteller der gefeierten Serie «The Bear» und erregte in jĂŒngster Zeit als muskulöses Calvin-Klein-Unterhosen-Model Aufsehen. In «The Bear» spielt er einen Koch, der GefĂŒhle zeigt. Der irische Filmstar Paul Mescal faszinierte jĂŒngst im queeren Fantasy-Liebes-Melodram «All of Us Strangers» als geheimnisvoller Nachbar. Und der australische Schauspieler Elordi verdrehte im Thriller «Saltburn» als charmanter Aristokrat Felix seinem Uni-Freund Oliver (Barry Keoghan) den Kopf. 

Was ist ĂŒberhaupt ein sogenannter Jock? Eigentlich nur ein Klischee und nichts Positives. Es handelt sich um einen jungen, sportlich aktiven und sexuell attraktiven Mann, der nicht unbedingt der Hellste ist. Solche imposanten Typen mit breitem Kreuz und dickem Bizeps kommen in fast jeder US-Highschool-Komödie vor. Beim schwulen Online-Dating, bei dem amerikanisch geprĂ€gte Begriffe benutzt werden, gehört er zu den Stereotypen neben etwa Bear, Cub, Hunk, Twink oder Nerd. Charakterlich sind Jocks oft verdorben, weil sie begehrt und umschwĂ€rmt sind und sich im sozialen GefĂŒge kaum anstrengen mĂŒssen. Arg verkĂŒrzt wĂ€re es, Jock bloß als «Sportler» oder «Athlet» zu ĂŒbersetzen, auch wenn sich der Begriff wohl von der SportlerunterwĂ€sche Jockstrap - einem Suspensorium - ableitet.

«Soft Jocks» (also weiche Muskeltypen) sind imposante MĂ€nner, die aber einfĂŒhlsam sind und nicht bedrohlich. «Soft Jocks mögen einen maskulinen Körperbau haben, aber ihr Inneres ist weitaus weniger toxisch», fasste der britische «Guardian» zusammen. 

Auch wenn er erst 19 ist und die Aura eines Golden Retrievers verströmt, könnte man noch den «Heartstopper»-Schauspieler Kit Connor nennen. Der junge Brite schien sich zuletzt einen Bodybuilder-Körper anzutrainieren. In Deutschland passt vielleicht der 27 Jahre alte Musiker und Schauspieler Emilio Sakraya («Rheingold», «60 Minuten») in die Schublade.

Das Online-Frauenmagazin «Bustle» schrieb in Bezug auf Schauspieler Paul Mescal, dass er «seine massigen Oberschenkel mit einer tiefen WertschĂ€tzung fĂŒr traurige MĂ€dchenmusik verbindet». Der «Guardian» fĂŒgte noch hinzu, dass es natĂŒrlich einfacher sei, seine sogenannte weibliche Seite zur Schau zu stellen, wenn man jeden plattmachen könne, der etwas dagegen habe. FrĂŒher sahen MĂ€nner, denen man ein sensibles Image zuschrieb – man denke etwa an Filmstar TimothĂ©e Chalamet - anders aus.

Wandel der MĂ€nnlichkeit

Der MÀnnlichkeitsforscher Toni Tholen von der UniversitÀt Hildesheim sagt, MÀnnlichkeit stehe heute in vielfÀltiger Hinsicht zur Verhandlung: gesellschaftlich, individuell und partnerschaftlich. «Gesellschaftlich und kulturell betrachtet artikuliert sich auch im PhÀnomen "Soft Jocks" das, was in der MÀnnlichkeitsforschung als "hybride MÀnnlichkeit" bezeichnet wird. Gemeint ist damit, dass in die mÀnnliche IdentitÀtsperformance auch "weiblich" konnotierte Aspekte wie EmotionalitÀt, Weichheit und Offenheit, auch SensibilitÀt und Verletzlichkeit selektiv integriert werden.» 

Dadurch, so Tholen, Àndere sich aber nichts an der strukturellen Dominanz von MÀnnlichkeit. Die soziokulturelle Privilegierung von MÀnnern werde womöglich sogar nur verschleiert. Oft lösten sich auch angeblich weiche MÀnner nicht wirklich von traditionellen, «bisweilen toxisch wirkenden Zuschreibungen wie StÀrke, Leistungsoptimierung, DurchsetzungsmentalitÀt und Superman-Image».

Tholen betont, dass das PhĂ€nomen auch ein Indiz fĂŒr den gegenwĂ€rtigen Zwiespalt im westlichen Diskurs ĂŒber MĂ€nnlichkeit sein könne. «Die einen wollen unbedingt an der Vorstellung einer traditionellen, starken und ĂŒberlegenen MĂ€nnlichkeit festhalten beziehungsweise dahin zurĂŒckkehren, die anderen wollen eine alternative MĂ€nnlichkeit, die ohne Dominanzstreben und Muskelpakete auskommt. Eine MĂ€nnlichkeit, die offen, zugewandt, fĂŒrsorglich und sensibel ist. Dieser Zwiespalt wird oft auch direkt in einzelnen MĂ€nnern und auch in Frauen ausagiert.»

@ dpa.de