BetÀubt, missbraucht, gefilmt? Mann in 103 FÀllen angeklagt
Veröffentlicht am: 10.09.2026 um 15:17 Uhr | dpa, AD HOC NEWS
Zugriff nach digitaler Streife durchs Netz: Einem Mann aus der Region Hannover wird vorgeworfen, seine frĂŒhere LebensgefĂ€hrtin betĂ€ubt, vergewaltigt und gefilmt zu haben. Von den mutmaĂlichen Taten soll er unzĂ€hlige Videos erstellt und diese teils in Chatgruppen weitergeleitet und im Internet hochgeladen haben. Genau 103 FĂ€lle ĂŒber mehr als vier Jahre zĂ€hlt die Anklage zum Prozessauftakt am Landgericht auf.Â
Zu den VorwĂŒrfen rund um mehrere gefilmte Vergewaltigungen an seiner Ex-Partnerin will sich der Angeklagte vor Gericht zunĂ€chst nicht Ă€uĂern. Der 39-JĂ€hrige werde von seinem Schweigerecht Gebrauch machen, erklĂ€rt Verteidiger Marcin Raminski im Landgericht Hannover. Zwischen November 2021 und MĂ€rz 2026 soll der Mann seine damalige LebensgefĂ€hrtin in der gemeinsamen Wohnung in Ronnenberg bei Hannover und einem Hotel missbraucht haben.
Anklage: BetĂ€ubtes Opfer oft regungslos im TiefschlafÂ
Die Staatsanwaltschaft wirft dem Polen vor, seiner ebenfalls polnischen Partnerin Schlafmittel oder Ketamin verabreicht zu haben, um sie zu sedieren. Als die Frau ihr Bewusstsein verloren hatte, soll der Angeklagte sexuelle Handlungen an ihr vorgenommen haben. Laut Anklage machte er teilweise von einer Einzeltat mehr als 100 Videos, von denen er einige in Chatgruppen teilte oder auf einem frei zugĂ€nglichen Portal im Internet hochlud.Â
Fast eine Stunde benötigt die StaatsanwĂ€ltin zum Verhandlungsbeginn, um die 103 FĂ€lle aus der Anklageschrift jeweils knapp zu beschreiben. Immer wieder soll der Angeklagte die Frau betĂ€ubt und das tief schlafende, regungslose Opfer sexuell missbraucht haben. Auch heimliches Filmen der Frau beim Baden oder Duschen wird dem Mann vorgeworfen. Es gilt die Unschuldsvermutung.Â
Ermittlerin: Pelicot-Fall und Recherchen fĂŒhrten zum Angeklagten
Der Fall weckt Erinnerungen an den Missbrauchsskandal um GisĂšle Pelicot. Die Französin wurde von ihrem damaligen Ehemann ĂŒber knapp zehn Jahre mit Medikamenten betĂ€ubt, missbraucht und Dutzenden Fremden zur Vergewaltigung angeboten. Neben ihrem Ex-Mann wurden 50 MittĂ€ter im Jahr 2024 zu langen Haftstrafen verurteilt.Â
TatsĂ€chlich berichtet eine Ermittlerin des Landeskriminalamtes (LKA) in Nordrhein-Westfalen als Zeugin in Hannover, dass das aktuelle Verfahren in Niedersachsen auch nach den EnthĂŒllungen um den Pelicot-Fall in Frankreich und Investigativ-Recherchen in Deutschland ins Rollen kam.
Profil des Angeklagten fiel Ermittlerin aufÂ
Der Missbrauchsskandal um Pelicot habe zu einem neuen Fokus gefĂŒhrt, erklĂ€rt die LKA-Ermittlerin. Mit Blick auf Deutschland verweist sie auf Ergebnisse von Investigativ-Journalisten des Reportageformats «STRG_F». Diese wiederum fĂŒhrten nach einem Bericht des NDR auch zum «Projekt Medusa», bei dem internationale Ermittler in diesem Sommer erstmals gezielt gegen Online-Netzwerke von MĂ€nnern vorgegangen sind, die ihre Partnerinnen betĂ€uben und dann sexuell missbrauchen.
Bei einer anlassunabhĂ€ngigen Ermittlung in Nordrhein-Westfalen sei ihr das Profil des nun Angeklagten aufgefallen, sagt die LKA-Ermittlerin. Nach der Identifizierung des Mannes aus der Region Hannover wurden die Ermittlungen in Niedersachsen fortgesetzt.Â
Mehr als 42.000 Videodateien gesichtet - annÀhernd 6.000 ChatverlÀufe ausgewertet
Parallel zur Verhandlung im Gericht veröffentlichte die Polizei Details zu dem Komplex. Demnach sichteten die Ermittler mehr als 42.000 Videodateien. Auf fast 1.700 Dateien habe sich strafrechtlich Relevantes befunden. Diese seien daher vollstĂ€ndig ausgewertet und dokumentiert worden. Der ĂŒberwiegende Teil der Aufnahmen wurde mutmaĂlich vom TatverdĂ€chtigen gefertigt. Dazu werteten die Ermittler annĂ€hernd 6.000 ChatverlĂ€ufe aus.Â
Hochgeladen wurden die Inhalte auf eine Plattform, die aufgrund des massenhaften Austausches von Vergewaltigungsvideos und Missbrauchsinhalten international Schlagzeilen machte.Â
Komplex endet nicht in Deutschland - Haftbefehl in FrankreichÂ
Die Ermittler betonen, dass der Komplex nicht mit der Anklage in Hannover oder an der Landesgrenze ende. Nach der Auswertung ergaben sich demnach 78 Folgeverfahren gegen Kontaktpersonen in Deutschland und mindestens zehn weiteren Staaten in Europa und darĂŒber hinaus.Â
Von den zustĂ€ndigen Ermittlungsbehörden seien weitere TatverdĂ€chtige identifiziert worden. Unter anderem wurde den Angaben zufolge in Frankreich ein Haftbefehl vollstreckt. Die Ermittlungsgruppe sei zudem auf fast 100 noch unidentifizierte Opfer gestoĂen, zu denen weiter ermittelt werde.Â
Im Prozess in Hannover berichtet ein Beamter als Zeuge, dass es möglicherweise ein weiteres Opfer des Angeklagten in Polen geben könnte. FĂŒr die Ermittlungen dazu seien aber die Kollegen im Nachbarland zustĂ€ndig.Â
Die Verhandlung soll am 16. September fortgesetzt werden. Wann es zu einer Vernehmung des mutmaĂlichen Opfers kommt, ist aber noch unklar.
