Kindeswohl, VernachlÀssigung

Kindeswohl immer öfter gefÀhrdet

06.09.2024 - 09:23:49

VernachlĂ€ssigung, psychische, körperliche oder sexuelle Gewalt: Die Zahl der KindeswohlgefĂ€hrdungen steigt seit Jahren. Die Ämter sind so ĂŒberlastet, dass sie teils nicht mal mehr Zahlen liefern.

Ein besorgniserregender Trend setzt sich fort: Die Zahl der KindeswohlgefÀhrdungen in Deutschland hat einen neuen Höchststand erreicht. 2023 stellten die JugendÀmter bei mindestens 63.700 Kindern oder Jugendlichen eine GefÀhrdung fest, wie das Statistische Bundesamt mitteilt. Das waren rund 1.400 FÀlle beziehungsweise zwei Prozent mehr als 2022. Eine KindeswohlgefÀhrdung kann zum Beispiel VernachlÀssigung, psychische, körperliche oder sexuelle Gewalt sein. 

In Wahrheit dĂŒrften die Zahlen aber deutlich höher liegen, wie die Statistiker erklĂ€ren: «Da einige JugendĂ€mter fĂŒr das Jahr 2023 keine Daten melden konnten, ist aber sicher, dass der tatsĂ€chliche Anstieg noch deutlich höher ausfiel.» Neben Fehlern bei der Datenerfassung und dem Cyberangriff auf einen IT-Dienstleister wurde als Grund fĂŒr die fehlenden Meldungen im Jahr 2023 auch die Überlastung des Personals im Jugendamt genannt. 

Kinderschutzbund: JugendĂ€mter ĂŒberlastet

Der Kinderschutzbund findet das besorgniserregend: «Wir sind beunruhigt, ob die Kinder noch ausreichend im Blick sind, wenn die Strukturen in den JugendĂ€mtern derart ĂŒberfordert sind», sagt die stellvertretende GeschĂ€ftsfĂŒhrerin des Kinderschutzbundes, Martina Huxoll-von Ahn. Die Arbeit beim Jugendamt sei fĂŒr viele «nicht besonders attraktiv». Es gebe schlicht zu wenige Mitarbeiter, die zu hohe Fallzahlen bewĂ€ltigen mĂŒssen. Die BeschĂ€ftigten seien oft stark belastet und liefen stĂ€ndig Gefahr, wegen einer möglichen Fehlentscheidung angegriffen zu werden. «Da besteht ein erheblicher Nachbesserungsbedarf.»

Werden fĂŒr die fehlenden Meldungen im Jahr 2023 nur die Ergebnisse aus dem Vorjahr hinzugezĂ€hlt, liegt der Anstieg schon bei 7,6 Prozent. Wird zusĂ€tzlich der allgemeine Anstieg berĂŒcksichtigt, erhöht sich das Plus sogar auf 8 Prozent. Nach dieser SchĂ€tzung lĂ€ge die Gesamtzahl im Jahr 2023 bei 67.300 FĂ€llen.

Franziska Drohsel von der Bundeskoordinierung Spezialisierter Fachberatung gegen sexualisierte Gewalt in Kindheit und Jugend geht davon aus, dass es in Wahrheit noch viel mehr FĂ€lle gibt, die das Jugendamt nicht erfĂ€hrt: «Das Dunkelfeld ist erheblich grĂ¶ĂŸer als das, was wir im Hellfeld sehen.» Die steigenden Zahlen belegen ihrer Ansicht nach, «dass es weiterhin ein großes Problem in der Gesellschaft gibt im Umgang mit Kindern».

Langfristiger Anstieg

Die Zahl der behördlich festgestellten KindeswohlgefĂ€hrdungen steigt kontinuierlich seit EinfĂŒhrung der Statistik im Jahr 2012. Ausnahmen gab es nur 2017 und im Corona-Jahr 2021. Neben der tatsĂ€chlichen Zunahme der FĂ€lle könnte das aber auch an einer «höheren SensibilitĂ€t und Anzeigebereitschaft» liegen, so die Statistiker.

Die Bundeskoordinierungsstelle und der Kinderschutzbund halten es fĂŒr eine gute Nachricht, dass mehr VerdachtsfĂ€lle gemeldet werden - auch wenn sich mancher Verdacht nicht erhĂ€rtet. Die JugendĂ€mter haben 2023 insgesamt rund 211.700 Hinweismeldungen geprĂŒft. Bei 30 Prozent der Hinweismeldungen haben die JugendĂ€mter den Verdacht auf KindeswohlgefĂ€hrdung anschließend bestĂ€tigt.

«Die zuverlÀssigsten Hinweisgeber waren dabei die Betroffenen selbst», sagen die Statistiker. Bei Selbstmeldungen lag die BestÀtigungsquote mit 60 Prozent doppelt so hoch. Die betroffenen Kinder waren 2023 im Schnitt 8,2 Jahre alt.

«Kinder unterstĂŒtzen, dass sie sich Hilfe holen.»

FĂŒr Fachfrau Drohsel bedeutet das: «Wir mĂŒssen Kinder unterstĂŒtzen, dass sie sich Hilfe holen.» Der Staat habe einen FĂŒrsorgeauftrag. «Wenn es nicht gelingt, Kinder vor Gewalt zu schĂŒtzen, muss er dafĂŒr sorgen, dass die Betroffenen möglichst schnell Hilfe bekommen.»

Nur in zwei Prozent aller FÀlle meldeten sich die betroffenen MinderjÀhrigen selbst beim Jugendamt. Am hÀufigsten kamen diese Hinweise von Polizei und Justiz. 22 Prozent der VerdachtsfÀlle wurden von Verwandten, Bekannten oder aus der Nachbarschaft gemeldet. «Es ist enorm wichtig, dass das Umfeld sensibilisiert wird», sagt Huxoll-von Ahn. 

GefÀhrdung geht hÀufig von einem Elternteil aus

In den meisten FĂ€llen von KindeswohlgefĂ€hrdung gab es Anzeichen von VernachlĂ€ssigung (58 Prozent). Bei 36 Prozent ging es um psychische Misshandlungen. In 27 Prozent der FĂ€lle wurden Indizien fĂŒr körperliche Misshandlungen und in 6 Prozent fĂŒr sexuelle Gewalt gefunden. In knapp jedem vierten Fall gab es mehr als einen Verdacht.

Neue Ergebnisse zeigen nun auch, von wem die GefÀhrdung des Kindes ausging: In 73 Prozent aller FÀlle war das die eigene Mutter oder der eigene Vater. In vier Prozent war es ein neuer Partner eines Elternteils und in sechs Prozent eine andere Person wie eine Tante, ein Trainer, der Pflegevater oder eine Erzieherin.

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