Organisierte KriminalitÀt, Frankfurt Gewalt

Violence as a Service: Serie von Explosionen in Frankfurt und Offenbach beschÀftigt Ermittler

Veröffentlicht am: 17.09.2026 um 14:52 Uhr | dpa, AD HOC NEWS

In Frankfurt und Offenbach haben erneut Explosionen vor LĂ€den und Lokalen schwere SchĂ€den angerichtet, die Ermittler prĂŒfen einen Zusammenhang mit dem PhĂ€nomen „Violence as a Service“. Bundesweit warnen Sicherheitsbehörden vor einer neuen Form organisierter KriminalitĂ€t, bei der MinderjĂ€hrige fĂŒr Gewalttaten angeworben werden.

  • Großen Schaden richtete die Explosion an der Zeil in Frankfurt an. - Bild: Mike Seeboth/dpa
    Großen Schaden richtete die Explosion an der Zeil in Frankfurt an. - Bild: Mike Seeboth/dpa
  • Die Polizei sperrte den Umkreis rund um den Tatort zunĂ€chst ab. - Bild: Mike Seeboth/dpa
    Die Polizei sperrte den Umkreis rund um den Tatort zunÀchst ab. - Bild: Mike Seeboth/dpa
  • Das CafĂ© an der Berger Straße in Frankfurt wurde stark beschĂ€digt - ebenso wie eine gegenĂŒberliegende Suppenbar.  - Bild: Sandra Trauner/dpa
    Das CafĂ© an der Berger Straße in Frankfurt wurde stark beschĂ€digt - ebenso wie eine gegenĂŒberliegende Suppenbar. - Bild: Sandra Trauner/dpa
  • Die BKA-VizeprĂ€sidentin Martina Link sieht eine zunehmende Zahl von FĂ€llen. (Archivbild)  - Bild: Michael Kappeler/dpa
    Die BKA-VizeprÀsidentin Martina Link sieht eine zunehmende Zahl von FÀllen. (Archivbild) - Bild: Michael Kappeler/dpa
Großen Schaden richtete die Explosion an der Zeil in Frankfurt an. - Bild: Mike Seeboth/dpa Die Polizei sperrte den Umkreis rund um den Tatort zunĂ€chst ab. - Bild: Mike Seeboth/dpa Das CafĂ© an der Berger Straße in Frankfurt wurde stark beschĂ€digt - ebenso wie eine gegenĂŒberliegende Suppenbar.  - Bild: Sandra Trauner/dpa Die BKA-VizeprĂ€sidentin Martina Link sieht eine zunehmende Zahl von FĂ€llen. (Archivbild)  - Bild: Michael Kappeler/dpa

Bei mehreren Explosionen vor GeschĂ€ften und Lokalen in Frankfurt am Main und Offenbach prĂŒfen die Ermittler einen Zusammenhang mit dem KriminalitĂ€tsphĂ€nomen „Violence as a Service“.

Serie von Explosionen in Frankfurt und Offenbach

Nach einer HĂ€ufung vergleichbarer VorfĂ€lle im vergangenen Jahr kam es am Wochenende und am frĂŒhen Montagmorgen in Offenbach und Frankfurt zu neuen Angriffen. Betroffen waren eine Bar, ein Kiosk sowie ein Mehrfamilienhaus, dessen EingangstĂŒr zerstört wurde. In der Nacht zu Donnerstag gingen zwei weitere SprengsĂ€tze in Frankfurt hoch, diesmal vor einer Shisha-Bar und einem Bistro.

Verdacht auf organisierte KriminalitÀt

Die Staatsanwaltschaft sieht gewichtige Anhaltspunkte fĂŒr einen Zusammenhang mit dem, was die Polizei „Violence as a Service“ nennt – Gewalt als Dienstleistung – und ordnet das Geschehen der organisierten KriminalitĂ€t zu. Auch in Kassel ermitteln Polizei und Staatsanwaltschaft in einem möglichen Fall dieses PhĂ€nomens: Eine Erpressergruppe soll dort Gastronomen und GeschĂ€ftsinhaber mit BrandanschlĂ€gen bedroht und in zwei FĂ€llen Feuer gelegt haben. Ein 21 Jahre alter TatverdĂ€chtiger sitzt in Untersuchungshaft.

Gewalt als ausgelagerte Dienstleistung

Unter „Violence as a Service“ verstehen die Sicherheitsbehörden eine relativ neue Form der KriminalitĂ€t, bei der Gewalt wie eine Dienstleistung angeboten wird. Kriminelle Netzwerke lagern Vorbereitung und DurchfĂŒhrung von Gewalttaten gegen Bezahlung an Dritte aus. HĂ€ufig werden dabei MinderjĂ€hrige oder junge TĂ€ter angeworben, die Drohungen, Angriffe oder sogar Tötungsdelikte gegen Lohn ausfĂŒhren sollen. Die Anwerbung erfolgt laut Bundeskriminalamt oft ĂŒber Plattformen oder Messenger-Dienste.

Bandbreite der Taten und Risiken

Nach Angaben von BKA-VizeprĂ€sidentin Martina Link geht es in der Mehrzahl der FĂ€lle um SprengstoffanschlĂ€ge, aber auch um schwere SachbeschĂ€digungen bis hin zu AuftrĂ€gen fĂŒr Tötungsdelikte. Das Hessische Landeskriminalamt spricht von einer neuen Dimension schwerer und organisierter KriminalitĂ€t, die erhebliche Gefahren fĂŒr zufĂ€llig anwesende Menschen und die öffentliche Sicherheit mit sich bringt.

Bundesweite Ausbreitung des PhÀnomens

„Violence as a Service“ beschĂ€ftigt inzwischen Polizei und Staatsanwaltschaften in mehreren BundeslĂ€ndern. Aufgefallen ist das Muster bisher vor allem in Berlin, Nordrhein-Westfalen, Hessen und Bayern. In Hessen wird im laufenden Jahr eine mittlere zweistellige Zahl von Sachverhalten geprĂŒft, ob sie dem PhĂ€nomen zuzuordnen sind. Erfasst wird diese Praxis seit 2024, im Laufe des Jahres 2025 stellten die Behörden einen deutlichen Anstieg fest.

Bezahlung und Rolle MinderjÀhriger

Nach EinschĂ€tzung von Martina Link hat das PhĂ€nomen in Deutschland bislang nicht das Ausmaß wie in Schweden erreicht, wo von Kindern und Jugendlichen im Auftrag verĂŒbte Straftaten bereits ein großes Problem darstellen. Zugleich registriert das BKA zunehmend FĂ€lle, in denen festgenommene TĂ€ter minderjĂ€hrige Unerfahrene sind, die kein eigenes Motiv haben außer der in Aussicht gestellten Bezahlung. Diese laufe meist anonymisiert ĂŒber KryptowĂ€hrungen; teilweise wĂŒrden Versprechen jedoch nicht eingelöst.

Mehrstufige Rekrutierung ĂŒber digitale KanĂ€le

Nach Erkenntnissen des Hessischen Landeskriminalamts werden potenzielle TĂ€ter ĂŒber ein mehrstufiges System gewonnen. Neben dem Auftraggeber sind Rekrutierer und örtliche Logistiker beteiligt. Es wĂŒrden gezielt angesagte KanĂ€le bedient und jugendgerechte Sprache genutzt, um minderjĂ€hrige Interessenten zu binden. HĂ€ufig ist von einer „Mission“ die Rede, die zu erledigen sei. Die Kriminellen arbeiten mit Emojis und KI-generierten Abbildungen und drohen bei nicht wie vereinbart durchgefĂŒhrten Taten mit weiteren Repressionen oder sozialer Ächtung.

Beispielhafte Tat in Frankfurt

Wie solche AblÀufe konkret aussehen können, zeigt ein Fall aus Frankfurt. Dort war ein TÀter nach Feststellungen des Landgerichts per Messenger-App Snapchat aus den Niederlanden angeworben und in die Mainmetropole gebracht worden. Der damals 15-JÀhrige warf im Sommer 2025 eine selbstgebaute Kugelbombe mit mehreren Litern Brandbeschleuniger in ein Café im Stadtteil Bockenheim, wo der Sprengsatz detonierte und den Gastraum vollstÀndig in Brand setzte. Der Wirt konnte vier GÀste und sich selbst rechtzeitig ins Freie bringen.

Konsequenzen fĂŒr Ermittlungen

Das Landgericht Frankfurt verurteilte den Jugendlichen im MĂ€rz zu einer Jugendstrafe von vier Jahren und drei Monaten, unter anderem wegen versuchten Mordes und gefĂ€hrlicher Körperverletzung in fĂŒnf FĂ€llen. In vergleichbaren FĂ€llen wie den aktuellen Explosionen in Frankfurt wird nach Angaben der Polizei inzwischen standardmĂ€ĂŸig geprĂŒft, ob „Violence as a Service“ als Hintergrund infrage kommt. Neben der Suche nach TatverdĂ€chtigen nehmen Ermittler auch die möglichen Zielpersonen in den Blick, fragen nach Konflikten, dem Umfeld der Betroffenen und möglichen vorausgegangenen Erpressungsversuchen.

Neues Tatmuster stellt Sicherheitsbehörden vor Herausforderungen

Die aktuellen Explosionen in Frankfurt und Offenbach fĂŒgen sich aus Sicht der Sicherheitsbehörden in ein KriminalitĂ€tsbild ein, das seit 2024 systematisch beobachtet wird: Gewalt wird als auslagerbare Dienstleistung verstanden, bei der Auftraggeber anonym im Hintergrund bleiben und junge TĂ€ter fĂŒr vergleichsweise geringe BetrĂ€ge hohe Risiken eingehen. Die Ermittler ordnen das PhĂ€nomen klar der schweren und organisierten KriminalitĂ€t zu und betonen die Gefahren fĂŒr Unbeteiligte und die öffentliche Sicherheit.

Digitale Rekrutierung und minderjÀhrige TÀter

Besonders brisant ist, dass TĂ€ter nach Angaben von BKA und LKA hĂ€ufig ĂŒber Messenger-Dienste und soziale Plattformen angeworben werden. Die Ansprache erfolgt in jugendgerechter Sprache, ĂŒber „Mission“-Narrative, Emojis und Bildmaterial. MinderjĂ€hrige und junge Erwachsene werden so an hochgefĂ€hrliche AuftrĂ€ge gebunden, ohne die konkrete Konfliktlage oder die Zielperson zu kennen. Der Fall des 15-jĂ€hrigen TĂ€ters in Frankfurt, der per Snapchat aus den Niederlanden angeworben wurde und eine Kugelbombe in ein CafĂ© warf, zeigt, wie international vernetzt solche Strukturen agieren können und wie niedrig die Schwelle zur Begehung schwerer Gewalttaten ist.

Vergleich zu Schweden und Bedeutung fĂŒr Deutschland

Im Vergleich zu Schweden, wo Auftragsgewalt durch Kinder und Jugendliche bereits ein massives gesamtgesellschaftliches Problem darstellt, sehen deutsche Behörden das PhĂ€nomen noch auf einem niedrigeren Niveau, verweisen aber auf eine deutlich steigende Fallzahl seit 2025. Die Ermittler reagieren mit spezialisierten Auswertungen, enger Zusammenarbeit von Polizei, Staatsanwaltschaften und LandeskriminalĂ€mtern sowie einer Ausweitung der PrĂŒfungen auf mögliche „Violence as a Service“-BezĂŒge bei Sprengstoff- und Branddelikten. FĂŒr betroffene Branchen wie Gastronomie und Einzelhandel bedeutet dies, dass Bedrohungen und Erpressungen ernster genommen und frĂŒhzeitig angezeigt werden sollten, da hinter einzelnen Taten professionell strukturierte Netzwerke stehen können.

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