Warme Steinplatten im Regen und ein Drache im Fenster
Veröffentlicht am: 03.11.2026 um 09:49 Uhr | Redaktionelle Verantwortung: Rafael Müller, Chefredakteur AD HOC NEWS
Regen strich über meine warmen Steinplatten, erst zaghaft, dann mit der Beharrlichkeit einer Hand, die anklopft. Ich spürte die Kälte in den Fugen und hielt darunter die Wärme fest, die der Tag zurückgelassen hatte. Von draußen kam der Geruch nasser Blätter, von den Hängen herab das dunkle, süße Aroma der Lese. Ich lag still am Bodenseeufer und hörte, wie das Wasser gegen die unsichtbare Kante der Nacht atmete.
Eine Fotografin stand barfuß auf meiner Terrasse. Ihre Füße suchten die warmen Stellen zwischen den Pfützen, als könnte sie darin eine Spur lesen. In ihrer Hand lag kein Fotoapparat, sondern ein schmales Buch, dessen Seiten im Regen flackerten. Sie las nicht, um sich abzulenken. Sie las, als wartete sie auf einen Satz, der aus mir selbst kommen sollte. Hinter ihr bewegten sich die Reben im Wind, und über dem See schob sich ein fahler Streifen durch die Wolken. Erst als sie den Kopf hob, sah sie meine dunkle Silhouette.
Unter den nassen Zweigen
Ich kenne die Schritte, die zu mir führen, obwohl niemand denselben Weg zweimal nimmt. Manche bleiben am Rand des Gartens stehen und lauschen, andere gehen näher, ohne den Blick von den Fenstern zu lösen. Die Fotografin kam langsam, mit dem Buch an die Brust gedrückt. Regen sammelte sich in ihren Haaren und rann über ihr Gesicht, doch sie wischte ihn nicht fort. Der Spätsommer hing noch in den Zweigen. Einzelne Früchte glänzten zwischen den Blättern, und von weiter oben kam das matte Geräusch einer Kiste, die jemand über einen Hof zog. Ich konnte den See nicht sehen, doch ich spürte seine breite Dunkelheit hinter den Bäumen. Sie lag wie ein zweiter Raum hinter meinen Mauern. Am Weg fand die Fotografin einen kleinen Drachen aus rotem Papier. Er war an einen dünnen Faden gebunden, der sich um einen Pfosten gewickelt hatte. Ein Flügel klebte am feuchten Holz, der andere zitterte im Wind. Sie löste ihn vorsichtig und legte ihn auf meine Terrasse. Dort blieb der Drache liegen, als hätte er mich gesucht.Das Fenster mit dem schwachen Licht
Ich ließ nur ein einziges Fenster leuchten. Nicht hell, nicht einladend, eher wie ein Auge, das sich an die Dunkelheit gewöhnt. Die Fotografin trat näher und hob die Kamera, doch sie drückte nicht ab. Das Buch in ihrer Hand war aufgeschlagen, und eine Seite bewegte sich im Luftzug. Durch die Scheibe sah sie eine Lampe, einen Stuhl und den Schatten einer Pflanze. Mehr gab ich nicht preis. Ich wollte nicht, dass sie meine Räume mit einem schnellen Bild füllte. Die Dinge in mir hatten ihre eigenen Abstände, ihre eigenen Geräusche, und manche von ihnen warteten schon lange auf jemanden, der nicht sofort weiterging. Sie legte den Papierdrachen auf die Fensterbank. Das rote Papier nahm den Schein der Lampe auf und ließ ihn in einem schmalen Streifen über den Boden wandern. Ich spürte dieses Rot bis in die Steinplatten, wo noch die Wärme des Tages lag. Die Fotografin zog die Schuhe aus und stellte sie neben das Buch.Die Terrasse behält die Wärme
Barfuß ging sie über meine Platten. Jeder Schritt veränderte das leise Bild, das der Regen auf ihnen zeichnete. Sie blieb an der niedrigsten Stelle stehen, dort, wo sich Wasser gesammelt hatte und die Wolken darin wie zerbrochenes Glas erschienen. Ich gab ihr den Geruch von feuchtem Stein, den Klang der Tropfen unter der Dachkante und das ferne Schlagen einer losen Fahne. Im Inneren knackte etwas. Vielleicht Holz, vielleicht nur die Kälte, die sich an eine Fuge legte. Die Fotografin sah zur geschlossenen Tür, hob die Hand und ließ sie wieder sinken. Auf den Steinplatten lag neben dem Drachen eine einzelne Seite aus ihrem Buch. Die Schrift war durchweicht, aber am unteren Rand blieb ein Wort lesbar. Ich konnte es nicht behalten. Der Regen nahm es mit, Buchstabe für Buchstabe, bis nur ein grauer Fleck übrig war.Hinter der geschlossenen Tür
Die Fotografin stand nun so nah an mir, dass ihr Atem einen hellen Kreis auf die Scheibe malte. Sie sah ihr eigenes Gesicht darin, den See hinter ihrer Schulter und den roten Drachen zwischen beiden Bildern. Vielleicht suchte sie ein Motiv. Vielleicht suchte sie jemanden, der vor ihr hier gewesen war. Ich hörte, wie sie den Griff berührte. Metall gab einen kleinen, trockenen Ton von sich. Hinter der Tür bewegte sich die Luft, und aus der Tiefe kam der Geruch von Papier, Staub und etwas Warmem, das ich selbst nicht benennen wollte. Sie nahm den Drachen von der Fensterbank und hielt ihn gegen das Glas. Für einen Moment schwebte er über dem See. Dann löschte ich das Licht. Die Tür blieb zu. Wie nah das Haus im Video an dem liegt, das ich mir selbst bewahre, zeigt sich erst im Bild. Vielleicht erkennt die Fotografin dort meine warmen Steinplatten wieder, vielleicht nur den Drachen im Regen.
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