Scholz, Böllerverbot

Scholz: «Ein Böllerverbot finde ich irgendwie komisch»

04.01.2025 - 03:00:36

Was folgt aus den Böller-Exzessen an Silvester? Berlins Innensenatorin plĂ€diert fĂŒr ein generelles Verbot. Die Bundesinnenministerin kann sich etwas anderes vorstellen.

  • Nach der Silvesternacht mit vielen BöllerschĂ€den und Gewalt werden Rufe nach Konsequenzen lauter. (Archivbild) - Foto: Julius-Christian Schreiner/TNN/dpa

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  • Bundesinnenministerin Nancy Faeser lehnt ein bundesweites Böllerverbot ab. (Archivbild) - Foto: Sebastian Gollnow/dpa

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Nach der Silvesternacht mit vielen BöllerschÀden und Gewalt werden Rufe nach Konsequenzen lauter. (Archivbild) - Foto: Julius-Christian Schreiner/TNN/dpaBundesinnenministerin Nancy Faeser lehnt ein bundesweites Böllerverbot ab. (Archivbild) - Foto: Sebastian Gollnow/dpa

Ein bundesweites Böllerverbot als Reaktion auf TodesfÀlle und SchÀden in der Silvesternacht wird es vorerst nicht geben. «Die richtige Antwort sind nicht bundesweite Feuerwerks-Verbote, sondern mehr gezielte Handlungsmöglichkeiten vor Ort», sagte Bundesinnenministerin Nancy Faeser der Deutschen Presse-Agentur in Berlin. Auch Bundeskanzler Olaf Scholz (beide SPD) sprach sich gegen ein Böllerverbot aus. StÀdte und Gemeinden in Deutschland fordern indes von Bund und LÀndern als Konsequenz aus Gewalt zu Silvester mehr Grenzkontrollen und ein Waffenverbot.

Scholz sagte dem Magazin «Stern»: «Ich bin dafĂŒr, dass wir ordentliche Regeln haben fĂŒr das Zeug, das da hergestellt wird. Aber ein Böllerverbot finde ich irgendwie komisch.» Faeser ergĂ€nzte: «Dabei sollte das Ziel sein: Friedliches Feiern und Feuerwerk zu ermöglichen, aber hochgefĂ€hrliche Silvester-Exzesse zu verhindern.» Zum Jahreswechsel hatten vor allem sogenannte Kugelbomben schwere SchĂ€den angerichtet. Sie sind wegen ihrer hohen Explosionskraft hierzulande nicht fĂŒr den Allgemeingebrauch zugelassen.

Was steht im Sprengstoffrecht?

Das Sprengstoffrecht erlaubt das Abbrennen von Pyrotechnik am 31. Dezember und am 1. Januar. An allen anderen Tagen ist das nur mit einer Sondergenehmigung gestattet. Die Berliner Sozialverwaltung weist darauf hin, dass nur das Bundesinnenministerium Änderungen am Sprengstoffrecht vornehmen könne.

Faeser schlĂ€gt vor, den Kommunen mehr HandlungsspielrĂ€ume fĂŒr lokale Verbotszonen zu geben. DafĂŒr mĂŒsse es aber eine Mehrheit unter den LĂ€ndern im Bundesrat geben, die bislang fehle. «Hinsichtlich der GefĂ€hrlichkeit gibt es große Unterschiede zwischen dicht bewohnten StĂ€dten und dem Land – und innerhalb von StĂ€dten zwischen einzelnen Brennpunkten und Stadtteilen, in denen friedlich gefeiert wird. Wenn das vor Ort stĂ€rker berĂŒcksichtigt werden kann, kann es gezieltere Maßnahmen und Kontrollen geben.»

Zuletzt hatte Bremen im Bundesrat eine Gesetzesinitiative fĂŒr eine Änderung des Sprengstoffrechts eingebracht, um den Kommunen mehr rechtliche Möglichkeiten zum EinschrĂ€nken von privatem Feuerwerk zu geben. Rund um den Jahreswechsel starben fĂŒnf MĂ€nner bei Böller-UnfĂ€llen. Es gab viele Verletzte sowie SchĂ€den an HĂ€usern und Infrastruktur.

Berlins Innensenatorin fĂŒr «Pyro-Erlaubniszonen»

Berlins Innensenatorin Iris Spranger hatte fĂŒr ein generelles Böllerverbot in Deutschland plĂ€diert, sieht dabei aber in erster Linie den Bund in der Pflicht. Gleichzeitig fordert die SPD-Politikerin Änderungen im Sprengstoffrecht, die den BundeslĂ€ndern erlauben, an festgelegten Orten Ausnahmen von dem Verbot zu gestatten. Sie sprach von «Pyro-Erlaubniszonen», in denen das Abbrennen von Feuerwerk gestattet ist. 

Auch die Gewerkschaft der Polizei macht sich fĂŒr ein bundesweites Böllerverbot und ein Verkaufsverbot fĂŒr Pyrotechnik stark. Sie warnt davor, alljĂ€hrlich nach Silvester und Neujahr darĂŒber «Scheindebatten» zu fĂŒhren. 

Nordrhein-Westfalens Innenminister Herbert Reul (CDU) gab aber im WDR zu bedenken: Zur Kontrolle eines generellen Böllerverbots mĂŒsste an jeder Ecke ein Polizist stehen. «Das schaffen wir ja nicht mal im Fußballstadion.» Es sei ein bisschen zu einfach, ein Böllerverbot zu fordern. «Das Problem ist komplizierter.» Es habe sich gezeigt, dass sich die Lage in den vergangenen Jahren etwas verbessert habe, sagte Reul. «Aber wir haben immer noch Probleme, offensichtlich weil Menschen sich nicht benehmen können.»

Der stellvertretende Vorsitzende des Deutschen Beamtenbundes, Volker Geyer, rief die Politik zum Handeln auf. Er sagte der «Rheinischen Post» (Samstag): «Es darf sich bei den TĂ€tern nicht festsetzen, dass sie ungeschoren davonkommen, weil der Staat nicht handlungsfĂ€hig ist.» Man mĂŒsse die Justiz personell so ausstatten, dass sie die TĂ€ter auch zur Rechenschaft ziehe und nicht Verfahren wegen Überlastung von Gerichten eingestellt wĂŒrden.

Gewalt zu Silvester - Konsequenzen gefordert

FĂŒr Diskussionen sorgten auch FĂ€lle von Gewalt gegen EinsatzkrĂ€fte. Der HauptgeschĂ€ftsfĂŒhrer des Deutschen StĂ€dtetags, Helmut Dedy, sagte den Zeitungen der Funke Mediengruppe: «Der Staat darf nicht tolerieren, dass eine kleine gewaltbereite Minderheit mit erheblicher krimineller Energie rund um Silvester ganze Stadtteile terrorisiert.» Polizei und RettungskrĂ€fte mĂŒssten hĂ€ufiger mit Bodycams zum Aufzeichnen von Übergriffen ausgestattet sein. Zudem sprach er sich fĂŒr mehr Grenzkontrollen rund um Silvester aus.

Faeser stellte klar: Gegen «Chaoten und GewalttÀter» an Silvester brauche es vor allem die notwendige HÀrte von Polizei und Justiz. «Deshalb war es gut, dass allein in Berlin mit 400 Festnahmen durchgegriffen wurde und jetzt Strafverfahren folgen. Trotzdem wurden RettungskrÀfte und Polizisten attackiert und Menschenleben durch hochgefÀhrliche Kugelbomben und andere verbotene Pyrotechnik gefÀhrdet.» 

Die Ministerin verwies auf VorschlĂ€ge fĂŒr neue Strafvorschriften, mit denen die gesamte Vertriebskette von illegalem Feuerwerk, von HĂ€ndlern und Transporteuren bis zum KĂ€ufer, erfasst werden solle. Es ist allerdings unwahrscheinlich, dass der Bundestag wenige Wochen vor Neuwahlen noch viele VorschlĂ€ge der scheidenden Bundesregierung passieren lĂ€sst.

@ dpa.de