BrÀnden, Los

Irgendwie nĂŒtzlich machen: Wie L.A. nach den BrĂ€nden hilft

16.01.2025 - 06:22:52

Was soll schon gut sein an diesen verheerenden BrÀnden in Los Angeles mit mindestens 25 Toten und Tausenden zerstörten GebÀuden? Vielleicht die Gewissheit, dass man sich in dieser Stadt hilft.

Als Veronica Velasquez fertig ist mit ihrer Durchsage, lacht ein Mann in der Ecke mit den Konservendosen. «So freundlich bin ich noch nie rausgeschmissen worden», sagt er, umarmt die Frau, die ihn und die anderen Freiwilligen in den Feierabend geschickt hat, und geht. Die nĂ€chste Schicht ist da. 20 neue Helferinnen und Helfer, die eine Woche nach dem Ausbruch der BrĂ€nde in Los Angeles ihre Zeit spenden. Sie sortieren Klamotten, tragen ZahnbĂŒrsten und Hundefutter an den richtigen Ort. Und helfen Menschen dabei, sich zurechtzufinden.

Binnen 48 Stunden ist aus einer spontanen Aktion im Garten von Velasquez, 45 Jahre alt und ursprĂŒnglich aus Kolumbien, ein Drehkreuz fĂŒr Spenden im Herzen von Venice Beach entstanden, das nun im Event-Zentrum Blank Spaces kostenlos den grĂ¶ĂŸten Raum mit etwa 180 Quadratmetern nutzen darf. Am Dienstag vergangener Woche fing es an zu brennen und spĂ€testens am Mittwoch war den Leuten in Los Angeles klar, dass die Feuer ihr Leben in ein «Davor» und «Danach» geteilt haben. Mehr als 100.000 Menschen mussten ihre HĂ€user und Wohnungen verlassen, die Zahl der abgebrannten GebĂ€ude ist laut SchĂ€tzungen fĂŒnfstellig. EinfamilienhĂ€user, Villen, Schulen, BĂŒchereien, Restaurants, Tankstellen. Alles weg. 

Manche Einrichtungen wissen nicht, wohin mit den vielen Freiwilligen

Weil Velasquez als Kind in ihrer Heimat schon die Evakuierung nach einem Vulkanausbruch mitgemacht hatte, wusste sie sofort, dass sie helfen will. Tausenden anderen ging es genauso - vielerorts wissen Einrichtungen gar nicht mehr, wohin mit Spenden und Freiwilligen. 

«Es ist gar nicht so einfach, rauszufinden, wo Hilfe gesucht wird. Man muss sich aktiv darum kĂŒmmern», sagt Jessica KĂŒhefuss. Die 32-JĂ€hrige aus MĂŒnchen sortiert gespendete Kleidung nach GrĂ¶ĂŸen und hĂ€ngt sie an den richtigen Platz. Seit August wohnt sie in Los Angeles und macht dort ihren Master. Als die Feuer ausbrachen, war sie in Miami - und blieb erst mal lĂ€nger als geplant. «Mittwoch habe ich Panik bekommen und auf Google Maps gesehen, wie nah es an meiner Wohnung ist. Ich habe dann stĂ€ndig eine App mit Updates zu den Feuern gecheckt, Freunde in der NĂ€he mussten evakuieren. Meine Freunde haben gesagt: komm nicht zurĂŒck», erzĂ€hlt sie. 

KĂŒhefuss flog dann aber doch nach Kalifornien und kĂŒmmerte sich noch auf der Reise um ihren Beitrag. UnzĂ€hlige Nachrichten und E-Mails spĂ€ter hatte sie Orte gefunden, an denen sie Hilfe anbieten konnte. Irgendwie nĂŒtzlich machen, irgendwie helfen, dieses BedĂŒrfnis ist in Los Angeles ĂŒberall zu spĂŒren. Jeder scheint mindestens eine Person zu kennen, die in den Flammen alles verloren hat. 

Freunde organisieren selbst gekochte Abendessen fĂŒr die Eltern, deren Haus nicht mehr steht. Oder sie melden sich als Freiwillige beim Venice Helping Hub, dem Projekt von Velasquez, bei dem auch KĂŒhefuss sich engagiert - und das mit so vielen anderen, dass bis Ende des Monats kein weiterer Bedarf mehr besteht. «Ich fĂŒhle mich dieser Stadt viel mehr verbunden», sagt KĂŒhefuss. «Innerhalb von nicht mal 24 Stunden gab es 700 Leute in der Whatsapp-Gruppe. Die SolidaritĂ€t so zu erleben, ist toll.» 

Zeit spenden ist in der City of Angels selbstverstÀndlich

Freiwilligenarbeit ist in Los Angeles weit verbreitet. SuppenkĂŒchen, Obdachlosenhilfe, Gnadenhöfe fĂŒr Tiere - all das funktioniert nur, weil sich die Angelenos engagieren. Seit dem Ausbruch der Feuer ist diese Hilfsbereitschaft aber fast genauso schnell explodiert wie die Flammen. «Es ist zu frĂŒh, um Zahlen zu nennen, aber es gibt einen signifikanten Anstieg an Freiwilligen, inklusive derer, die sich selbst organisieren und unabhĂ€ngig agieren», teilte eine Sprecherin von «California Volunteers» mit, der Behörde, die in Kalifornien Freiwilligenarbeit fördert und koordiniert.

Die Los Angeles Food Bank, eine Organisation, die ganzjĂ€hrig die Verteilung von Lebensmitteln an bedĂŒrftige Menschen ermöglicht, hat nach eigenen Angaben durchschnittlich 68 Freiwillige tĂ€glich. «Derzeit liegen wir bei 175 bis 225 jeden Tag in unseren beiden WarenhĂ€usern und Hunderte weitere, die Lebensmittel ausfahren», teilt die Food Bank auf Anfrage mit. Um drei Stunden lang Zwiebeln, Sellerie, Kohl und Zitronen zu sortieren und zu verpacken, nehmen Leute mitunter Fahrtzeiten von 80 Minuten auf sich - je Strecke. 

«Noch nie so verbunden zu dieser Stadt gefĂŒhlt»

Die Britin Billie Quinlang lernt ihre Wahlheimat nach zwei Jahren nun noch mal ganz neu kennen. Gemeinsam mit Velasquez ist sie eine der treibenden KrĂ€fte im Venice Helping Hub - dabei kennen sich die Frauen gerade mal seit dem Wochenende. «FĂŒr mich ist das gerade eine neue Perspektive auf diese Stadt. Los Angeles ist so groß, da bleibt jeder meistens in seiner Gegend. Es ist schwer, in dieser Stadt anzukommen. Aber das hier zeigt mir: L.A. ist eins. Ich habe mich noch nie so verbunden zu dieser Stadt gefĂŒhlt, wie jetzt», sagt die 33-jĂ€hrige Quinlang.

«Die letzten drei Monate haben mich sehr erschöpft», sagte Velasquez mit Blick auf die erneute Wahl von Donald Trump zum US-PrĂ€sidenten und das politische Klima in den USA. «Aber nun bin ich umgeben von vielen tollen Menschen, die alle in meiner Nachbarschaft wohnen, die ich nicht kannte. Die waren alle da, innerhalb kĂŒrzester Zeit.» Und weil es so viele sind, muss sie die Freiwilligen einer Schicht alle paar Stunden nach Hause schicken - weil es in der «City of Angels» genug Engel gibt.

@ dpa.de