Polizisten mitgerissen: Autofahrer vor Gericht
22.09.2023 - 11:08:53Eigentlich ist es ein Routineeinsatz, doch die Verkehrskontrolle an diesem MĂ€rzabend im ostwestfĂ€lischen LĂŒbbecke gerĂ€t völlig aus dem Ruder. Aus GrĂŒnden, die zunĂ€chst im Dunkeln liegen, soll der Autofahrer plötzlich Gas gegeben haben - obwohl die Polizisten direkt an seiner geöffneten AutotĂŒr stehen. Nun ist vor dem Landgericht Bielefeld der Prozess gegen den inzwischen 21 Jahre alten Fahrer gestartet.
Die Staatsanwaltschaft wirft ihm versuchten Mord vor. Dass bei alltÀglicher Polizeiarbeit Beamte in Lebensgefahr geraten, ist kein Einzelfall. Der Beruf sei gefÀhrlicher geworden, sagt auch die Gewerkschaft der Polizei (GdP).
Die Situation in LĂŒbbecke eskalierte laut im Prozess vorgetragener Anklageschrift schnell: Die Polizisten hatten demnach bei ihrer Kontrolle Marihuana-Geruch wahrgenommen und den jungen Mann genauer unter die Lupe nehmen wollen. Als das Auto plötzlich rĂŒckwĂ€rts fuhr, wurden sie mitgerissen und hielten sich an der Motorhaube und im Innern der FahrertĂŒr fest, um nicht unter die RĂ€der zu geraten. Mit rund 30 Stundenkilometern fuhr das Auto durch eine Kurve und gegen ein Verkehrsschild, wobei sich der Beamte nicht mehr an der Motorhaube festhalten konnte.
Statt anzuhalten, wie der noch in der TĂŒr hĂ€ngende Polizist gefordert habe, soll der Angeklagte abermals beschleunigt haben. Erst nach einem Schlenkerkurs von knapp 200 Metern verlor auch der zweite Beamte den Halt und wurde aus dem Fahrzeug geschleudert. AbschĂŒrfungen, KnochenbrĂŒche - beide wurden schwer verletzt, einer trug ein schweres SchĂ€del-Hirn-Trauma davon und befindet sich weiter in Reha.
Ăber 94.000 Polizistinnen und Polizisten 2022 Opfer von Straftaten
Die Zahl der Gewaltdelikte ist in den vergangenen Jahren gestiegen. Die Polizeiliche Kriminalstatistik zĂ€hlt fĂŒr 2022 rund 94.400 Beamte und Beamtinnen im Polizeivollzug in Deutschland, die Opfer von Straftaten wurden, gröĂtenteils von Widerstandshandlungen und tĂ€tlichen Angriffen. «Nicht nur die QuantitĂ€t der Angriffe nimmt zu, auch die IntensitĂ€t», stellt Michael Mertens, der stellvertretende GdP-Bundesvorsitzende, auf Nachfrage fest.
Er verweist etwa auf den mutmaĂlichen Mordanschlag auf EinsatzkrĂ€fte in einem Ratinger Hochhaus im Mai. Als Polizei und Feuerwehr bei einem Routineeinsatz die WohnungstĂŒr eines 57-JĂ€hrigen öffneten, soll dieser eine Explosion ausgelöst haben - 35 Menschen wurden verletzt, neun davon schwer.
An weiteren Beispielen mangelt es nicht. Bundesweit fĂŒr Entsetzen sorgten im Jahr 2022 die Morde an einer 24-jĂ€hrigen PolizeianwĂ€rterin und einem fĂŒnf Jahre Ă€lteren Polizeikommissar: Sie wollten bei einer nĂ€chtlichen Streife Wilderer stellen und wurden nahe Kusel in der Westpfalz erschossen. Ein 39-JĂ€hriger wurde zu lebenslanger Haft verurteilt.
Ebenfalls nach einer Verkehrskontrolle schwebte ein Polizist aus Essen lange in Lebensgefahr: Der Fahrer soll davongefahren und auf der Flucht einen Polizisten angefahren haben. Der Fahrer sitzt wegen des Verdachts des versuchten Mordes in U-Haft.
GdP: Fortschreitende Enthemmung in Teilen der Gesellschaft
Seit zwei Jahrzehnten weise die Gewerkschaft auf die massive Zunahme von Respektlosigkeiten und Gewaltattacken hin, sagt GdP-Vize Mertens. «Kritische Stimmen rufen dann schnell: Augen auf bei der Berufswahl. Aber diese Entwicklung als Berufsrisiko kleinzureden ist ein Unding und muss ein Ende haben», betont er.
Er glaubt, dass Zukunfts- und ExistenzĂ€ngste der Menschen, zudem verstĂ€rkt durch «gezielte Agitation» interessierter Gruppen, fĂŒr eine fortschreitende Enthemmung in Teilen der Gesellschaft gefĂŒhrt hĂ€tten. Er wĂŒnscht sich mehr RĂŒckhalt fĂŒr die EinsatzkrĂ€fte, die er als «BĂŒrgerpolizei» verstanden wissen will. Und: «Wer die Polizei angreift, greift den Rechtsstaat an. Solche Taten mĂŒssen konsequent und zĂŒgig abgeurteilt werden», sagt Mertens.
Verteidiger sprechen von Panikattacke
Im Fall des vor dem Bielefelder Landgericht angeklagten 21-JĂ€hrigen hat der Prozess jedenfalls begonnen - und damit auch die Suche nach Motiv und HintergrĂŒnden der als Mordversuch angeklagten mutmaĂlichen Tat. Die Staatsanwaltschaft wirft dem jungen Mann vor, er habe bewusst tödliche Verletzungen der Beamten in Kauf genommen. «Ihm ging es nur darum, sich der Situation und einer möglichen Strafverfolgung zu entziehen», sagt der Staatsanwalt Auftakt.
Die Verteidigung hĂ€lt das fĂŒr ĂŒberzogen: «Er hatte zu keinem Zeitpunkt die Absicht, dass hier ein Polizist ums Leben kommt», betont einer seiner AnwĂ€lte am Rande des Prozesses. Vielmehr habe er eine Panikattacke gehabt. Am ersten Prozesstag schwieg der Angeklagte. Es sei aber davon auszugehen, dass er Angaben mache. Fortgesetzt wird der Prozess in der kommenden Woche.


