Weißer Ring kritisiert lange Opferentschädigung und warnt vor digitaler Gewalt
Veröffentlicht am: 26.09.2026 um 04:00 Uhr | dpa, AD HOC NEWSDer Weiße Ring kritisiert lange Verfahren bei der Entschädigung von Kriminalitätsopfern und berichtet zugleich von mehr Fällen digitaler Gewalt.
Lange Verfahren belasten Betroffene
Gutachten von Sachverständigen würden häufig viel Zeit beanspruchen, sagte der Vize-Bundesvorsitzende Patrick Liesching der Deutschen Presse-Agentur. Trotz der bundesweit geltenden gesetzlichen Grundlage seien die Bewilligungsquoten in den Ländern sehr unterschiedlich.
Nach Angaben des Weißen Rings können Verfahren bis zu fünf Jahre dauern. Manche Betroffene zögen ihre Anträge aus Erschöpfung zurück, weil sie sich durch zusätzliche Gutachten und Zweifel an den gesundheitlichen Folgen der Tat nicht anerkannt fühlten.
Deutliches Gefälle bei Bewilligungen
Die Organisation recherchiert nach eigenen Angaben bundesweit die Bewilligungsquoten, weil es zum sozialen Entschädigungsrecht nach dem Sozialgesetzbuch XIV kein ausreichendes Monitoring und keine vollständige Statistik gebe.
Nach den Erkenntnissen des Weißen Rings liege die Ablehnungsquote in einigen Bundesländern bei 70 Prozent, in anderen bei 40 Prozent. Liesching bezeichnete diese Unterschiede als nicht erklärlich und unbefriedigend.
Digitale Gewalt nimmt zu
Den größten Anteil der Fälle machten weiterhin Opfer häuslicher Gewalt aus, sagte die Bundesvorsitzende Barbara Richstein. Zugenommen hätten jedoch Fälle digitaler Gewalt, etwa durch unauffällige Foto- und Filmaufnahmen mit Smart Glasses oder durch Betrug mit gefälschten Profilen beim sogenannten Love Scamming.
Der Weiße Ring arbeitet bundesweit mit rund 3.000 Ehrenamtlichen, davon etwa zwei Drittel Frauen und ein Drittel Männer. Betroffene können sich telefonisch, online, persönlich und auch anonym an die Organisation wenden.
50 Jahre Hilfe für Kriminalitätsopfer
Der Weiße Ring wurde 1976 in Mainz gegründet und hat nach Angaben des Bundesvorstands seither 170 Millionen Euro an Hilfen ausgezahlt. Die Organisation finanziere sich ausschließlich aus Spenden und sei in 18 Landesverbände sowie rund 400 Außenstellen gegliedert.
Zum Festakt des 50-jährigen Bestehens wurden Bundesjustizministerin Stefanie Hubig, der rheinland-pfälzische Ministerpräsident Gordon Schnieder und die rheinland-pfälzische Landesvorsitzende Sabine Bätzing-Lichtenthäler erwartet.
Entschädigung als Anerkennung
Das soziale Entschädigungsrecht soll Menschen unterstützen, die durch eine Gewalttat gesundheitlich geschädigt wurden. Für Betroffene geht es dabei nicht allein um finanzielle Leistungen. Eine staatliche Anerkennung kann auch bestätigen, dass die Tat und ihre Folgen gesehen werden.
Die von Patrick Liesching beschriebenen langen Verfahren treffen Menschen in einer besonders verletzlichen Lage. Depressionen oder posttraumatische Belastungsstörungen entwickeln sich häufig über längere Zeit und lassen sich medizinisch nicht immer eindeutig einer einzelnen Tat zuordnen. Werden Verfahren durch zusätzliche Gutachten verlängert, steigt das Risiko, dass Betroffene den Antrag aus Erschöpfung zurückziehen.
Unterschiede zwischen den Ländern
Besonders relevant ist das von der Opferhilfeorganisation beschriebene Gefälle zwischen den Bundesländern. Wenn bei gleicher bundesrechtlicher Grundlage die Ablehnungsquoten deutlich auseinanderliegen, deutet das auf unterschiedliche Verwaltungsabläufe, Bewertungspraxis oder Zugangshürden hin. Ein einheitliches Monitoring könnte solche Unterschiede sichtbar machen und eine Grundlage für Verbesserungen liefern.
Neue Formen der Gewalt
Digitale Gewalt erweitert das Spektrum der Belastungen: Unbemerkte Aufnahmen mit Smart Glasses können die Privatsphäre verletzen, während Love Scamming auf Täuschung und emotionaler Manipulation beruht. Für Leser bedeutet das, dass Opferhilfe nicht nur nach körperlichen Übergriffen oder klassischen Eigentumsdelikten gefragt ist, sondern zunehmend auch bei digital verursachten psychischen und finanziellen Schäden.
