Unfallstudie zu Radfahrern und FuĂgĂ€ngern
19.10.2023 - 16:24:57Fast lautlos stöĂt das Lastenrad mit dem FuĂgĂ€nger zusammen. Der Fahrer des Rades knallt mit dem Kopf auf den Asphalt. Auch der FuĂgĂ€nger liegt am Ende mit dem Kopf auf dem Boden. Durch die Wucht des Aufpralls durch das schwere GerĂ€t dĂŒrften die Beine und Knöchel mehrfach gebrochen sein. Das zumindest vermutet Siegfried Brockmann nach dem Crashtest am Donnerstag in MĂŒnster.
Mit dem Versuch zeigte der Leiter Unfallforschung der Versicherer, was passieren kann, wenn ein gehender FuĂgĂ€nger und ein mit rund 24 Stundenkilometern schneller Radfahrer zusammenprallen.
Appell an Radfahrer zu mehr RĂŒcksichtnahme
Wenn man ĂŒber Unfallgefahren im StraĂenverkehr spricht, denkt man vor allem an Autos und Lastwagen, die immer wieder FuĂgĂ€nger und Radfahrer erfassen und oft schwer verletzen oder töten. In einer neuen Studie geht es dem Unfallforscher darum, auf UnfĂ€lle zwischen Radfahrern und FuĂgĂ€ngern aufmerksam zu machen. Brockmann und sein Team haben die UnfĂ€lle des Jahres 2022 in Deutschland ausgewertet, bei denen Radfahrer und FuĂgĂ€nger beteiligt waren. 711 Menschen wurden schwer verletzt, 13 starben.
Brockmann appelliert vor allem an die Radfahrer, mehr RĂŒcksicht zu nehmen, auch mit Blick auf kommende Jahre: Er geht davon aus, dass sich die Zahl dieser UnfĂ€lle weiter dynamisch nach oben entwickeln wird. «FahrrĂ€der nehmen zahlenmĂ€Ăig und nach Fahrleistung deutlich zu und mit E-Bikes und LastenrĂ€dern werden sie auch schneller und schwerer», sagte Brockmann. Die Bevölkerung werde auf der anderen Seite immer Ă€lter. Deshalb mĂŒsse jetzt rasch und energisch gegengesteuert werden.
Parkende Autos als Problem
Die meisten der analysierten UnfĂ€lle passierten auf dem Radweg (54 Prozent), es folgten Radwege in FuĂgĂ€ngerzonen (22), Gehwege (16) und gemeinsame FlĂ€chen (8). HĂ€ufig kommt es laut Brockmann dann zu Problemen, wenn FuĂgĂ€nger ĂŒberraschend auf die fĂŒr den Radverkehr vorgesehenen FlĂ€chen treten. Unfallschwerpunkte sind dabei laut Brockmann FuĂgĂ€ngerzonen und Haltestellenbereiche. Auffallend sei: Je schmaler der Radweg, umso gröĂer die Unfallwahrscheinlichkeit. Die Forscher fordern deshalb, diese Punkte bei der Planung der Infrastruktur zu beachten und FuĂgĂ€ngerzonen generell nicht fĂŒr den Radverkehr freizugeben.
In vielen FĂ€llen sind laut Studie auch parkende Autos ein Problem. Brockmann fordert, dass bei einer UnfallhĂ€ufung die ParkflĂ€chen hier entfernt werden mĂŒssen. FĂŒr Radler freigegebene FuĂgĂ€ngerzonen sollte es nach Brockmanns Meinung nicht mehr geben. Hier sei es unrealistisch, dass die Radfahrer die vorgeschriebene RĂŒcksicht auch einhalten wĂŒrden. Auch von Radwegen, in denen die Radfahrer in beide Richtungen fahren dĂŒrfen, rĂ€t er ganz ab: «Zweirichtungsradwege sind der Teufel.»
Die zurzeit schlechte Infrastruktur in Deutschland sei fĂŒr den Unfallforscher grundsĂ€tzlich aber «keine Ausrede». «Wo der Konflikt zwischen Radfahrer und FuĂgĂ€nger erkennbar und erwartbar ist, darf ich erwarten, dass das Problem nicht mit der Klingel gelöst wird», sagte Brockmann. «Radfahrer und FuĂgĂ€nger sitzen nicht in einem Boot.» Er sei mit dem Verhalten vieler Radfahrer nicht einverstanden.
Wachsender Radverkehr und schmale Wege
Der Fahrradverband ADFC sieht in der Infrastruktur ein groĂes Problem, die StraĂen seien auf den wachsenden Radverkehr ĂŒberhaupt nicht eingestellt. «Gute Radwege fehlen ĂŒberall. Was wir vorfinden, ist ein verwirrendes und teils gefĂ€hrliches Flickwerk an Lösungen. Oft sind Radwege viel zu schmal, zugeparkt und gefĂ€hrlich», sagte ADFC-Sprecherin Stephanie Krone nach Veröffentlichung der Studie am Donnerstag - und forderte geschĂŒtzten Raum fĂŒr den Radverkehr.
AuĂerdem sagte sie: «Zahlreiche UnfĂ€lle passieren ĂŒbrigens auch dadurch, dass FuĂgĂ€nger Radwege oder Fahrbahnen betreten, ohne sich umzuschauen.» Sie warb dabei fĂŒr den Schulterblick. «Nur Autos kann man schon am herannahenden LĂ€rm erkennen, Radfahrende hingegen sind leise unterwegs.» Sie ergĂ€nzte, dass aber auch Radfahrer FuĂgĂ€ngern gegenĂŒber besondere RĂŒcksicht walten lassen sollten. Gerade bei schlechten Infrastrukturbedingungen mĂŒssten sich alle Verkehrsteilnehmer an die Regeln halten.
Brockmann geht bei den Unfallzahlen ĂŒbrigens von einer hohen Dunkelziffer aus. Im Gegensatz zu Pkw-UnfĂ€llen, wo in der Regel die Polizei wegen der Versicherung eingeschaltet wird, werden UnfĂ€lle mit Radfahrern und FuĂgĂ€ngern oft nicht gemeldet.


