Angriff auf Wehrlose im Park - zwei Tote, drei Verletzte
22.01.2025 - 18:28:58 | dpa.deEs ist ein frostiger Mittwoch, die Sonne scheint. Doch um die Mittagszeit wird das frÀnkische Aschaffenburg jÀh aus seinem Alltag gerissen. Mitten in einem beliebten Innenstadtpark attackiert ein womöglich psychisch labiler 28-JÀhriger nach ersten Polizeierkenntnissen mehrere Kinder mit einem Messer.
Ein zweijĂ€hriger Junge marokkanischer Abstammung stirbt und auch einem 41 Jahre alten Deutschen, der die Kinder wohl schĂŒtzen wollte, können die RettungskrĂ€fte nicht mehr helfen. Ein argloses, zweijĂ€hriges MĂ€dchen aus Syrien und ein 72-jĂ€hriger Deutscher werden schwer verletzt in ein Krankenhaus gebracht, wie das PolizeiprĂ€sidium Unterfranken und die Staatsanwaltschaft Aschaffenburg mitteilten. Das Alter des Mannes war zuerst mit 61 angegeben worden. Eine 59-jĂ€hrige Erzieherin verletzt sich bei ihrer Flucht.Â
Der Tatablauf ist auch Stunden nach der Attacke nicht gesichert. Ob der Festgenommene sich schon zu der Tat geĂ€uĂert hat, bleibt ungewiss. Er wird wahrscheinlich an diesem Donnerstag einem Haftrichter vorgefĂŒhrt.
Angriff wohl nicht islamistisch motiviert
Nach Worten von Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (CSU) gibt es bisher keine Hinweise auf ein islamistisches Motiv. «Im Moment geht die MutmaĂung sehr stark in Richtung seiner offensichtlich psychischen Erkrankungen», sagt der CSU-Politiker am Abend in Aschaffenburg. In der Unterkunft des Afghanen seien entsprechende Medikamente gefunden worden. Als Extremist war der TatverdĂ€chtige nach Informationen aus Sicherheitskreisen nicht bekannt. Auch Polizei und Staatsanwaltschaft teilten mit, dass es bislang keine Hinweise auf eine radikale Gesinnung des Mannes gebe.Â
Der Mann war laut Herrmann ausreisepflichtig. «Es gab dann wohl ein sogenanntes Dublin-Verfahren, das aber nicht zeitgerecht abgeschlossen werden konnte.» Das Dublin-Verfahren ist ein Bestandteil des gemeinsamen europĂ€ischen Asylsystems. Eine der Regelungen besagt, dass in vielen FĂ€llen der Staat fĂŒr die Abwicklung des Asylverfahrens zustĂ€ndig ist, in dem der GeflĂŒchtete zuerst EU-Boden betreten hat.Â
Zwar hatte der TatverdĂ€chtige nach seiner Einreise im November 2022 einen Asylantrag gestellt. Doch sein Verfahren sei abgeschlossen worden, nachdem er selbst Anfang Dezember 2024 gegenĂŒber den Behörden schriftlich angekĂŒndigt habe, ausreisen zu wollen.Â
Laut Herrmann gab er dabei an, beim afghanischen Generalkonsulat die nötigen Papiere besorgen zu wollen. Daraufhin sei er vom Bundesamt fĂŒr Migration und FlĂŒchtlinge (Bamf) zur Ausreise aufgefordert worden. Ausgereist sei er vor der Tat aber nicht.
Laut Herrmann war der 28-JĂ€hrige in der Vergangenheit dreimal wegen Gewalttaten aufgefallen. Deshalb sei er jeweils zur psychiatrischen Behandlung in Einrichtungen eingewiesen worden, dann aber wieder entlassen worden.
Bundesweites Entsetzen
Bundeskanzler Olaf Scholz dringt auf AufklÀrung von den Behörden, warum der VerdÀchtige noch in Deutschland war. «Ich bin es leid, wenn sich alle paar Wochen solche Gewalttaten bei uns zutragen», lÀsst der SPD-Politiker mitteilen. «Von TÀtern, die eigentlich zu uns gekommen sind, um hier Schutz zu finden. Da ist falsch verstandene Toleranz völlig unangebracht.» Noch heute Abend soll es ein GesprÀch mit den Chefs des Verfassungsschutzes, des Bundeskriminalamts und der Bundespolizei im Kanzleramt geben. An dem GesprÀch nimmt nach Angaben aus Regierungskreisen auch Bundesinnenministerin Nancy Faeser (SPD) teil.
Scholz drĂŒckt Opfern und Angehörigen sein MitgefĂŒhl aus und spricht von einer «unfassbaren Terror-Tat». «Aus den gewonnenen Erkenntnissen mĂŒssen sofort Konsequenzen folgen â es reicht nicht zu reden.»
Bayerns MinisterprĂ€sident Markus Söder spricht von einem «entsetzlichen Tag». «Die schrecklichen Nachrichten aus Aschaffenburg machen uns zutiefst betroffen. Wir trauern um die Opfer einer feigen und niedertrĂ€chtigen Tat», teilt der CSU-Chef mit. «Wir trauern um ein kleines, unschuldiges Kind, das tödlich verletzt wurde. Wir trauern um einen Helfer, der seine Zivilcourage mit dem eigenen Leben bezahlt hat.»Â
Auch andere Politiker drĂŒcken ihr MitgefĂŒhl aus.
FuĂstreifen oft im Park unterwegs
Die Polizei ist nach dem Angriff am Mittag rasch vor Ort, womöglich auch, weil FuĂstreifen regelmĂ€Ăig in dem Park unterwegs sind. Der VerdĂ€chtige wird nach der Attacke von weiteren Passanten verfolgt und spĂ€ter von der Polizei festgenommen. Herrmann hebt hervor, dass durch das mutige Einschreiten dieser Menschen «weitere Kinder vor dem Tod bewahrt» wurden.Â
Es vergeht an diesem Mittwoch keine Stunde, da ist die Ăffentlichkeit ĂŒber die Attacke informiert. Polizisten riegeln den Park weitrĂ€umig ab, ein Hubschrauber ist im Einsatz. Schaulustigen bleibt der Blick auf den Tatort weitgehend versperrt, es wimmelt vor Polizisten. Hier und da ist Absperrband gespannt.
Eine Gefahr fĂŒr die Bevölkerung bestehe nicht, betonen die Beamten immer wieder.Â
Vermehrt Straftaten im ParkÂ
Aschaffenburg hat um die 70.000 Einwohner und liegt im bayerischen Regierungsbezirk Unterfranken, nahe der Landesgrenze zu Hessen. Der Park namens Schöntal befindet sich in der Innenstadt.Â
In der jĂŒngsten Vergangenheit kam es in dem Areal vermehrt zu Straftaten, wie die Aschaffenburger Polizei Ende 2024 dem «Main-Echo» sagt. OberbĂŒrgermeister JĂŒrgen Herzing (SPD) betont damals: «Die Beschwerden darĂŒber, dass sich Menschen im Schöntal nicht mehr sicher fĂŒhlen, hĂ€ufen sich.» Nach der Gewalttat am Mittwoch bricht der OB seinen Urlaub ab und eilt zurĂŒck an den Untermain.Â
«Wir werden in den nĂ€chsten Tagen eine Möglichkeit schaffen, um innezuhalten und der gemeinsamen Trauer Ausdruck zu verleihen. Auch ein Gottesdienst wird stattfinden», kĂŒndigt Herzing an.
Polizei sucht Zeugen
Die Polizei bittet in Tagesverlauf um Hilfe möglicher Zeugen. «Wir bereiten gerade ein Portal vor, mit dem Ihr uns Eure sachdienlichen Bilder und Videos zusenden könnt», teilt das PolizeiprÀsidium Unterfranken auf X mit. Augenzeugen des Vorfalls sollten sich zudem beim Polizeinotruf 110 oder einer Polizeidienststelle melden.
Messerattacke erinnert an Fall in WĂŒrzburg
Die Tat erinnert an einen tödlichen Messerangriff auf Passanten in WĂŒrzburg am 25. Juni 2021. Damals hatte ein psychisch kranker Mann arglose Menschen in der Innenstadt mit einem Messer attackiert. Drei Frauen starben, neun Menschen wurden verletzt und viele weitere traumatisiert. Das Landgericht WĂŒrzburg schickte den FlĂŒchtling aus Somalia unbefristet in eine Psychiatrie. Er war zur Tatzeit einem Gutachten zufolge paranoid schizophren und hörte damals Stimmen, die ihm die Tat befohlen hatten.
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