Mindestens 32 Tote nach Doppel-Erdbeben in Venezuela
25.06.2026 - 07:25:32 | dpa.deZwei schwere Erdbeben innerhalb von nur 39 Sekunden haben in Venezuela mindestens 32 Menschen das Leben gekostet. Rund 700 weitere seien nach ersten Erkenntnissen der Behörden verletzt worden, teilte die geschĂ€ftsfĂŒhrende PrĂ€sidentin Delcy RodrĂguez in der Nacht in der Hauptstadt Caracas mit. Am schwersten sei der Bundesstaat La Guaira an der KaribikkĂŒste getroffen worden, wo auch der internationale Flughafen und der wichtigste Seehafen des Landes liegen.Â
Allein in der Region seien Dutzende GebĂ€ude eingestĂŒrzt und zahlreiche Menschen verschĂŒttet worden. Die Regierung rief den Notstand aus. Die USA und andere LĂ€nder boten Hilfe an oder kĂŒndigten die Entsendung von Rettungsteams an.
Es bebte an einem Feiertag
Die Beben, die laut der US-Erdbebenwarte USGS eine StĂ€rke von 7,2 und 7,5 hatten, ereigneten sich gegen 18.00 Uhr Ortszeit an einem Feiertag. Viele Menschen waren daher zu Hause oder verbrachten die Zeit im Freien. Am 24. Juni erinnert Venezuela an die Schlacht von Carabobo gegen die spanische Kolonialmacht im Jahre 1821. «Es sind intensive Rettungsarbeiten zugange, um die Leben zu retten, die Gott uns retten lĂ€sst», sagte die PrĂ€sidentin.Â
Die bislang gemeldeten 32 Toten seien nicht aus La Guaira. Sie sprach von einer Tragödie und einem Erdbeben «noch nie dagewesenen AusmaĂes» in dem sĂŒdamerikanischen Land. Vergleichbare ErdstöĂe hatte es zuletzt im Jahr 1900 gegeben.
Viele Opfer befĂŒrchtet
Eine Modellrechnung der US-Erdbebenwarte legte nahe, dass die Opferzahl noch weiter steigt. Offizielle Zahlen zu Vermissten gab es zunĂ€chst nicht. Aber auf Internetseiten, die nach den Beben eingerichtet wurden sowie in sozialen Medien kursierten Listen mit den Namen von Menschen, die von ihren Familien gesucht werden. Demnach galten Stunden nach der Katastrophe rund 9.000 Personen als vermisst - verifizieren lassen sich diese Daten allerdings nicht.Â
Nach den Beben fiel vielerorts der Strom aus, auch das Mobilfunknetz funktionierte zeitweise nicht, wie Bewohner berichteten. Der Zugverkehr in dem Land wurde eingestellt, der internationale Flughafen wurde wegen SchĂ€den geschlossen. Auch die U-Bahn in Caracas stellte den Betrieb ein. Schulen blieben auch geschlossen. Das erdölreiche Land erlebt turbulente politische Zeiten. Im Januar hatte das US-MilitĂ€r den venezolanischen Machthaber NicolĂĄs Maduro gefangengenommen und in die USA gebracht. RodrĂguez ist geschĂ€ftsfĂŒhrend im Amt.Â
Zwei schwere Erdbeben innerhalb einer Minute
Zwischen beiden ErschĂŒtterungen lagen laut USGS nur 39 Sekunden. Das erste Beben ereignete sich am Mittwoch um 18.04 Uhr (Ortszeit; 0.04 Uhr MESZ Donnerstag), 24 Kilometer östlich von San Felipe im Nordwesten des Landes in einer Tiefe von 21,9 Kilometern. Das zweite, stĂ€rkere Erbeben ereignete sich wenige Kilometer weiter nördlich in nur rund zehn Kilometern Tiefe. Wegen der geringen Tiefe dĂŒrften die Auswirkungen des zweiten Bebens gröĂer sein.
Allein in den relativ nahe gelegenen StĂ€dten Puerto Cabello und San Felipe leben nach USGS-Angaben zusammen etwas mehr als 400.000 Menschen. Auch dort war vom Einsturz von GebĂ€uden und erheblichen SchĂ€den die Rede. Die automatische Modellrechnung der US-Erdbebenwarte basierend auf der StĂ€rke des Bebens und der NĂ€he einiger StĂ€dte legte eine sehr hohe Wahrscheinlichkeit von mehr als 1000 Todesopfern nahe.Â
Die Millionenstadt Caracas, aus der nach den Beben die ersten Bilder und Berichte kamen, lag dabei nicht besonders nah am Epizentrum, sondern rund 200 Kilometer östlich davon. Dort und in mehreren Bundesstaaten im Norden Venezuelas kam es zu teils groĂen SchĂ€den, wie RodrĂguez sagte. Es habe bereits 20 Nachbeben gegeben. In Videos und Fotos in örtlichen Medien waren eingestĂŒrzte HĂ€user zu sehen.
Trump: Werden fĂŒr unsere neuen Freunde da sein
US-PrĂ€sident Donald Trump sicherte dem Land schnelle Hilfe zu. Er habe alle US-Behörden angewiesen, sich darauf vorzubereiten, schnell zu helfen, schrieb er auf seiner Plattform Truth Social. Die beiden Erdbeben seien von «massivem AusmaĂ» gewesen und hĂ€tten zu einer «verheerenden Zahl Toter» gefĂŒhrt, schrieb Trump. Er machte dabei keine Angaben dazu, auf welche Informationen sich seine Aussage zur Opferzahl stĂŒtzte.
«Wir werden fĂŒr unsere neuen und groĂartigen Freunde da sein», schrieb Trump - wohl mit Blick auf die Ăbergangsregierung in Caracas. Weiter erklĂ€rte er in Bezug auf das wahrscheinliche AusmaĂ der Folgen: «Die ersten Berichte sind nicht gut!!!»
US-AuĂenminister Marco Rubio erklĂ€rte kurze Zeit spĂ€ter, die Regierung bringe sofort Such- und Rettungsmannschaften sowie humanitĂ€re und medizinische Hilfe auf den Weg. Auch andere LĂ€nder sagten sofort Hilfe zu.Â
Fotos und Videos zeigen AusmaĂ der SchĂ€denÂ
Allein in der Stadt Tucacas an der KaribikkĂŒste wĂŒrden 15 Menschen unter den TrĂŒmmern eines eingestĂŒrzten fĂŒnfstöckigen GebĂ€udes vermutet, sagte der Gouverneur des Bundesstaates FalcĂłn, VĂctor Clark, dem Fernsehsender VTV. Rund 22 Verletzte wĂŒrden dort in Kliniken medizinisch versorgt.Â
In sozialen Netzwerken kursierten Videos von beschĂ€digten GebĂ€uden und anderen SchĂ€den, unter anderem am Flughafen. Von der Nachrichtenagentur dpa verifizierte Videos aus den sozialen Netzwerken vom internationalen Flughafen zeigen die ErschĂŒtterungen und herabstĂŒrzende Decken- und GebĂ€udeteile. Menschen fliehen aus den FlughafengebĂ€uden ins Freie.
«Ich hatte noch nie so viel Angst»
Bewohner von Caracas berichteten von schweren SchĂ€den und schilderten ihre EindrĂŒcke. «Ich habe noch nie in meinem Leben so viel Angst gehabt, es war fĂŒrchterlich», berichtete eine 57-JĂ€hrige der Deutschen Presse-Agentur. «Bei uns in der NĂ€he sind zwei HochhĂ€user eingestĂŒrzt, am NachbargebĂ€ude fehlen WĂ€nde», ergĂ€nzte sie. Ihr Hochhaus sei aber weitgehend verschont geblieben. In ihrer Wohnung seien Möbel umgestĂŒrzt und Bilder von den WĂ€nden gefallen, alles sei voller Scherben. Nach den Beben sei stundenlang der Strom ausgefallen, auch das Mobilfunknetz habe nicht funktioniert.
Von heftigen ErschĂŒtterungen erzĂ€hlte auch ein Bewohner aus der NĂ€he der Stadt Maracay, die rund 100 Kilometer vom Epizentrum entfernt ist. «Ich saĂ im Auto und der Wagen hat sich hin und her bewegt als handele es sich um ein Blatt Papier», sagte er der dpa. Mindestens zwei HĂ€user in der Umgebung seien eingestĂŒrzt, darunter ein relativ neues. «Ich habe schon Erdbeben erlebt, aber noch keins wie dieses», ergĂ€nzte der Mann.
Innenminister: «ĂuĂerst alarmierende Situation»
«Wir haben es mit einer Ă€uĂerst alarmierenden Situation zu tun», sagte Innenminister Diosdado Cabello im staatlichen Fernsehen. Er rief die Menschen dazu auf, an sicheren Orten zu bleiben. Nach schweren Erdbeben seien normalerweise Nachbeben zu erwarten, die bereits beschĂ€digte GebĂ€ude zum Einsturz bringen könnten, warnte der Minister. Um Explosionen zu verhindern, hĂ€tten die Behörden angeordnet, die Gaszufuhr zu unterbrechen. Auch der Schulbetrieb und viele nicht notwendige AktivitĂ€ten sollten laut Regierung zunĂ€chst ausgesetzt werden.
Die venezolanische FriedensnobelpreistrĂ€gerin und OppositionsfĂŒhrerin MarĂa Corina Machado, die sich derzeit nicht in Venezuela aufhĂ€lt, schrieb auf der Plattform X: «Mein Herz, meine unendliche Umarmung und meine Gebete gelten in diesen Stunden der Not jeder venezolanischen Familie. Mögen StĂ€rke, Ruhe und SolidaritĂ€t in dieser schwierigen Zeit unter uns herrschen.»
