Kasselerinnen, Hannah

Kasselerinnen Hannah und Greta radeln durch Afrika

30.05.2024 - 09:25:02 | dpa.de

Zwei Schwestern ziehen nach dem Abi aus Kassel mit Fahrrad und Zelt los - Ziel: SĂŒdafrika. FĂŒr besonders mutig halten sie das nicht. Nach drei Jahren geht aber nicht nur den Reifen mal die Luft aus.

Hannah (links) und Greta Schröder an einem Strand in Ghana. - Foto: Hannah Schröder/dpa
Hannah (links) und Greta Schröder an einem Strand in Ghana. - Foto: Hannah Schröder/dpa

Die Vorurteile war Hannah Schröder irgendwann so sehr leid, dass sie nicht mehr zugab, dass sie den ganzen Weg bis an die SĂŒdspitze Afrikas radeln wollten. Erst einmal bis Portugal, sagte die damals 20-JĂ€hrige dann immer, kurz nachdem sie und ihre 19-jĂ€hrige Schwester Greta an einem verregneten Julitag vor fast drei Jahren mit den RĂ€dern die hessischen Kinderzimmer hinter sich gelassen hatten. «Weil jeder so negativ reagiert hat, als wir gesagt haben, dass wir bis nach SĂŒdafrika fahren! Jeder hat gesagt: "Nein, das ist nicht möglich." Es war aber klar: Wir fahren einfach immer weiter, bis wir keine Lust mehr haben.»

Die Lust ist ihnen mehr als 10.000 Kilometer weiter sĂŒdlich noch nicht abhandengekommen. Mit dem Rad, aber auch mal mit dem GĂŒterzug oder per Anhalter, wenn es sein muss, bahnen sich die Schwestern, heute 23 und 22, ihren Weg an der WestkĂŒste Afrikas entlang, mittlerweile bis nach Kamerun. Mehr als 110.000 Menschen schauen ihnen mittlerweile auf Instagram dabei zu, wo sie fast tĂ€glich mal strahlend, mal frustriert, oft staubig und verschwitzt von ihrem Abenteuer erzĂ€hlen.

Die Sahara im Sandsturm durchquert

Um einen Streckenrekord geht es nicht – andere Radreisende ziehen an ihnen vorbei, wĂ€hrend die jungen Frauen auch mal monatelang ein Land erkunden oder, wenn das Visum auszulaufen droht, auch mal auf einem Lastwagen mitfahren. Sie durchquerten die Sahara im Sandsturm und den Dschungel im Regen, schleppten RĂ€der und GepĂ€ck durch knietiefen Schlamm und brusthohes Wasser, wurden in Guinea vom Unwetter fast in einen Fluss gespĂŒlt und im Norden Ghanas von 30 MĂ€nnern mit Gewehren und Macheten nachts im Busch fĂŒr Terroristen gehalten.

«Das war ein Moment, in dem wir extrem Angst hatten», sagt Hannah. «Aber dann hat sich superschnell herausgestellt, dass wir keine Terroristen sind, wir haben mit ihnen darĂŒber gelacht und sie haben uns eine gute Nacht gewĂŒnscht und gesagt, dass wir das nĂ€chste Mal bei ihnen im Dorf schlafen sollen, weil da alles sicher sei. Das war ein superschönes GesprĂ€ch und dann hatten sie auch keine Angst mehr, wer da im Busch schlĂ€ft.»

Hannah hatte dreimal Malaria – Greta blieb verschont, liegt wĂ€hrend des VideogesprĂ€chs mit der Deutschen Presse-Agentur aber mit Magendarm im Hotelbett in Nigerias Hauptstadt Abuja. Ein Hotel ist seltener Luxus - meist zelten die jungen Frauen, die sich nach eigenen Angaben nur von ihrem Ersparten durchschlagen, wild in Feldern, Ruinen oder Rohbauten. In Dörfern dĂŒrfen sie oft in Höfen oder Hinterzimmern von LĂ€den schlafen oder werden gleich von Familien unter ihre Fittiche genommen.

«Wir schließen nicht mal unsere FahrrĂ€der an»

«Wir hatten vorher schon recht viel Vertrauen in die Menschheit, aber jetzt durch diese Reise ist es wirklich so unfassbar tief geworden. Wir machen uns keine Sorgen mehr», sagt Greta. «Man findet immer Menschen, die einem helfen oder gute Laune machen mit irgendeiner Kleinigkeit.» «Wir schließen nicht mal unsere FahrrĂ€der an. Wir haben nachts immer unsere Sachen draußen, egal ob wir in Dörfern schlafen oder mitten in der Wildnis», fĂŒgt Hannah hinzu. «Noch nie ist irgendwas weggekommen und wir sind jetzt seit drei Jahren unterwegs.»

Auf die Idee, nach Afrika zu reisen, kamen die Schwestern durch die Geschichten ihres Vaters, der als junger Mann mit dem Auto nach Ghana gefahren war. Das Fahrrad kam spĂ€ter dazu, um möglichst gĂŒnstig zu reisen und viele Menschen kennenzulernen. Mittlerweile kennen die beiden jede noch so kleine Schraube an ihren nach Kinderbuchfiguren benannten Drahteseln Nulli und Priesemut. 

Immer wieder treffen sie auch andere Radreisende. «In Marokko sind es sehr viele, aber viele fahren nur bis zum Senegal. Ich schĂ€tze, vom Senegal bis SĂŒdafrika sind jetzt gerade vielleicht etwa 50 unterwegs», sagt Hannah. Außer ihnen seien nach ihrem Wissen im Moment nur zwei weitere allein reisende Frauen auf der Strecke unterwegs. Organisiert sind die Radreisenden per Whatsapp-Chat. FĂŒr den Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Club ist das PhĂ€nomen kein Thema. «Der ADFC hĂ€lt sich aus GrĂŒnden des Klimaschutzes bei der Empfehlung von Fernreisen mit dem Rad zurĂŒck», teilt eine Sprecherin mit.

Fehlende PrivatsphÀre

Die Schwestern sorgen sich auf andere Art um die Nachhaltigkeit ihrer Reise. «Die letzten Monate hatten wir so große Zweifel wie noch nie. Das liegt vor allem daran, dass wir unseren eigenen Anforderungen und Prinzipien nicht mehr gerecht werden können», schrieben sie auf Instagram. Dort zeigen sie nicht nur die traumhaften Fotos ihrer Fahrt. Immer wieder geht es auch um die belastenden Seiten: Neben der körperlichen Anstrengung etwa auch die fehlende PrivatsphĂ€re, da sie ĂŒberall auffallen und umringt werden. Die MĂ€dchen wollen nicht nur durch die Landschaft fahren - ihre Reise sehen sie als ein Geben und Nehmen. 

«Der grĂ¶ĂŸte Punkt ist einfach, dass wir nicht mehr so viel Energie haben. Dadurch können wir mit Leuten nicht mehr so interagieren wie wir gerne wĂŒrden, und brauchen dann eher Zeit fĂŒr uns, haben die aber auch nicht», erklĂ€rt Greta. «Wir versuchen immer zuzuhören, zu lernen, nicht mit geschlossenen Augen durch das Land fahren. Wir wollen jede Situation wahrnehmen und zuhören, auch egal, wie schwer es ist. Das ist das Mindeste, was wir machen können, von diesen Menschen zu lernen und zu hören, was sie brauchen, was sich verĂ€ndern soll. Wenn das aufhört, wie es das gerade tut, wenn wir nicht mehr die Energie dafĂŒr haben, dann wollen wir nicht mehr weiter reisen», sagt Hannah.

Deshalb steht nun eine Pause an: Den Sommer ĂŒber lassen die Schwestern die RĂ€der in Kamerun stehen und fliegen Anfang Juni (7.6.) von Douala in Kamerun nach Deutschland. Weitergehen soll es diesmal erst nach der Regenzeit, ungefĂ€hr im Oktober. 

«Die LĂ€nder, die jetzt kommen, sind die unsichersten auf unserer Reise. Und die FahrrĂ€der gehen immer weiter kaputt, wir sind nur am Reparieren. Das ist psychisch so anstrengend», sagt Hannah. «Ich glaube, wenn wir nach Hause fahren und unser sicheres Bett haben, unsere sozialen Batterien wieder aufladen und dann wieder zurĂŒckkommen, dann können wir die Reise wieder so genießen, wie wir sie genießen wollen und wieder so reisen, wie wir reisen wollen.»

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