Sorge vor Krieg zwischen Israel und der Hisbollah nimmt zu
28.06.2024 - 15:49:22In Israel decken sich Menschen bereits mit Wasser und Lebensmitteln ein, im Libanon herrscht vor allem Resignation. Viele Menschen in dem instabilen und wirtschaftlich schwer angeschlagenen Land haben das GefĂŒhl, nicht noch eine weitere Krise ertragen zu können. Im Libanon gibt es derzeit weder einen PrĂ€sidenten noch eine voll handlungsfĂ€hige Regierung.
Warum die Situation so hochexplosiv ist, erklĂ€rte das US-Portal "Politico" unter Berufung auf US-Geheimdienstinformationen: Sollte es im Gaza-Krieg zwischen Israel und der mit der Hisbollah verbĂŒndeten Hamas zu keiner Einigung auf eine Waffenruhe kommen, werde es in den nĂ€chsten Wochen wahrscheinlich zur groĂangelegten militĂ€rischen Konfrontation zwischen Israel und der Hisbollah kommen. In einen solchen Krieg könnten auch die USA als wichtigster VerbĂŒndeter Israels hineingezogen werden. Möglich ist zudem, dass sich der Iran aufseiten der Hisbollah einschaltet.
Was hat die Hisbollah mit dem Gaza-Krieg zu tun
Auslöser des Gaza-Krieges waren die Massaker und Geiselnahmen von palĂ€stinensischen Terrororganisationen wie der Hamas am 7. Oktober in Israel. Die libanesische Hisbollah handelt nach eigenen Aussagen aus SolidaritĂ€t mit der Hamas. Die "Libanon-Front" sei eine "UnterstĂŒtzungsfront", wie Hisbollah-Chef Hassan Nasrallah immer wieder betonte. Sie sei Teil des Kampfes, der ĂŒber das Schicksal PalĂ€stina, des Libanons und der Region entscheide.
Seit fast neun Monaten gibt es zwischen Israel und der libanesischen Schiitenmiliz nahezu tÀglich Gefechte. Zuletzt wurden diese heftiger. "Israel tötet immer hÀufiger hochrangige MilitÀrkommandeure der Hisbollah", schrieb die US-Denkfabrik Washington Institute. Am Donnerstagabend feuerte die Hisbollah Dutzende Raketen auf den Norden Israels - laut der Schiitenmiliz eine Antwort auf die Tötung eines ihrer KÀmpfer zuvor.
Die vom Iran unterstĂŒtzte Hisbollah-Miliz rĂŒckt nach Angaben der Denkfabrik fĂŒr ihre Raketenangriffe auf Israel immer weiter in den SĂŒden des Libanons vor. Eine UN-Resolution schrieb nach dem letzten Krieg zwischen Israel und der Hisbollah im Jahr 2006 vor, dass Hisbollah-KĂ€mpfer hinter dem Litani-Fluss 30 Kilometer von der Grenze zu Israel entfernt bleiben mĂŒssen und sich nicht sĂŒdlich dieser Linie aufhalten dĂŒrfen.
Die Hisbollah verfĂŒgt ĂŒber ein Arsenal von rund 150 000 Raketen. Im Kriegsfall könnte sie tĂ€glich Tausende von Raketen in Richtung Israel abfeuern. Eine Art Raketenhagel könnte Israels Raketenabwehr ĂŒberfordern.
Die Ausweitung des Konflikts wÀre laut Washington Institute tödlich und kostspielig. Es rÀumt aber ein: "Ein weiterer Krieg scheint zunehmend unvermeidlich".
US-Beamte seien zunehmend besorgt, dass Israel in den kommenden Wochen verstĂ€rkt Luftangriffe und sogar eine Bodenoffensive im Libanon durchfĂŒhren könnte, meldete der US-Sender NBC.
Die israelische Zeitung "Haaretz" berichtete am Donnerstag, die USA hĂ€tten Israel gewarnt, dass auch ein begrenztes Bodenmanöver im SĂŒden des Nachbarlandes, um die Hisbollah von der Grenze zurĂŒckzudrĂ€ngen, einen groĂflĂ€chigen Krieg mit der Schiitenmiliz auslösen könne.
In Israel wÀchst der Druck
Ohne einen formellen Waffenstillstand zwischen Israel und der Hamas ist es jedoch unwahrscheinlich, dass die Hisbollah vollstĂ€ndig aufgibt. Die indirekten Verhandlungen zwischen der Hamas und Israels Regierung, bei denen die USA, Ăgypten und Katar vermitteln, stecken in einer Sackgasse.
WĂ€hrend die Hisbollah keine Eile habe, ZugestĂ€ndnisse zu machen, wĂ€chst in Israel nach Angaben des Washington Institutes der Druck, die Bewohner des Nordens zu Beginn des neuen Schuljahres Ende September zurĂŒckkehren zu lassen.
In Ortschaften beiderseits der Grenze haben rund 150 000 Menschen die Kampfzone verlassen oder wurden von dort evakuiert. Ohne eine diplomatische Lösung könne dies Israel dazu veranlassen, seine EinsÀtze gegen die Hisbollah verstÀrken, um eine Pufferzone zu etablieren, schreibt die Denkfabrik. In Ortschaften beiderseits der Grenze hat der gegenseitige Beschuss schwere Zerstörungen angerichtet.
Nach Informationen der "Financial Times" hat Israels MilitĂ€r weite Teile des SĂŒdlibanon verwĂŒstet und "eine neue RealitĂ€t" geschaffen. An der Grenze seien ganze Stadtviertel dem Erdboden gleichgemacht und Ackerland zerstört worden, berichtete die Zeitung am Donnerstag unter Berufung auf Satellitenbilder, Regierungsstatistiken und GesprĂ€che mit lokalen Beamten. Nahezu tĂ€gliches Bombardement aus der Luft und Artilleriebeschuss hĂ€tten einen GroĂteil der fĂŒnf Kilometer nördlich der Blauen Linie gelegenen Gebiete unbewohnbar gemacht.
Deeskalationsversuche der USA fruchten bisher nicht
Die USA versuchen, eine Eskalation zu verhindern - bislang ohne Erfolg. Ein Plan der Regierung von PrĂ€sident Joe Biden sieht laut dem Washington Institute vor, dass sich die Hisbollah von der Grenze zurĂŒckzieht und zugleich mehrere Tausend Soldaten der libanesischen Armee in dem Gebiet eingesetzt werden. Zugleich sollen die Truppen der UN-Beobachtermission Unifil, die dem VorrĂŒcken der Hisbollah derzeit wenig entgegenzusetzen haben, durch zusĂ€tzliche Beobachter etwa aus Deutschland unterstĂŒtzt werden.
USA bereiten Evakuierung ihrer BĂŒrger vor
Die USA bereiteten sich fĂŒr den Fall eines groĂangelegten Kriegs bereits auf die Evakuierung ihrer Landsleute aus dem Libanon vor, zitierte der US-Sender NBC mit den PlĂ€nen vertraute US-Quellen. Das Pentagon habe ein zusĂ€tzliches Kriegsschiff sowie eine Marineexpeditionseinheit zur VerstĂ€rkung der US-Truppen in der Region ins Mittelmeer verlegen lassen, in Vorbereitung auf eine mögliche Evakuierung von amerikanischen Landsleuten, berichtete der Sender weiter. Der Schritt diene auch zur Abschreckung, um eine Eskalation des Konflikts zu verhindern.
Das AuswĂ€rtige Amt in Berlin hat am Mittwoch erneut alle Deutschen aufgefordert, den Libanon zu verlassen und von Reisen in das Land abzusehen. Die Sicherheitslage in der Region sei hoch volatil. Eine weitere Eskalation könne auch dazu fĂŒhren, dass der Flugverkehr auf dem internationalen Rafic-Hariri-Flughafen in Beirut eingestellt wird.

