Deutschlands, SeehÀfen

Deutschlands SeehÀfen und warum sie so wichtig sind

20.03.2024 - 05:39:17

60 Prozent des Außenhandels laufen ĂŒber die deutschen SeehĂ€fen. Die KĂŒstenlĂ€nder finden deshalb, dass sich der Bund deutlich mehr an der nationalen Aufgabe Hafen beteiligen muss.

  • Die deutschen HĂ€fen sollen mit einer Hafenstrategie gestĂ€rkt werden. - Foto: Christian Charisius/dpa

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  • Container werden auf dem Terminal Tollerort der Hamburger Hafen und Logistik AG (HHLA) umgeschlagen. - Foto: Christian Charisius/dpa

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Die deutschen HÀfen sollen mit einer Hafenstrategie gestÀrkt werden. - Foto: Christian Charisius/dpaContainer werden auf dem Terminal Tollerort der Hamburger Hafen und Logistik AG (HHLA) umgeschlagen. - Foto: Christian Charisius/dpa

Der gesamtdeutsche Außenhandel lĂ€uft in großen Teilen ĂŒber die SeehĂ€fen der Nord- und Ostsee sowie ĂŒber Hamburg mit dem grĂ¶ĂŸten Hafen des Landes. Obwohl es ganz Deutschland betrifft, liegt die ZustĂ€ndigkeit fĂŒr die sehr teure Infrastruktur allein bei den LĂ€ndern. Das finden die ungerecht. Die Bundesregierung hat nun ihre Nationale Hafenstrategie beschlossen. Darin werden den HĂ€fen wichtige Aufgaben zugewiesen. Ob es damit besser wird? Der aktuelle Zustand:

Warum sind die deutschen HĂ€fen so wichtig fĂŒr das Land?

Ohne die deutschen HĂ€fen dĂŒrfte einerseits die exportorientierte Wirtschaft in weiten Teilen kollabieren, andererseits mĂŒsste die Bevölkerung auf zahlreiche auch lebensnotwendige Waren verzichten, mindestens aber deutlich mehr bezahlen. Deutschland wickelt rund 60 Prozent seines Im- und Exports ĂŒber den Seeweg ab. Im vergangenen Jahr waren dies nach Angaben des Statistischen Bundesamts rund 267,8 Millionen Tonnen GĂŒter, darunter Energie, Lebensmittel, Kleidung, Technik und Medikamente.  Im Vergleich zu 2022 ging der deutsche Außenhandel im vergangenen Jahr wegen der schwierigen geopolitischen Lage und der schwachen Dynamik des Welthandels zurĂŒck - beim Export um 2,0 Prozent und beim Import um 10,1 Prozent, wie die Statistiker feststellten.

Welche HĂ€fen sind die wichtigsten in Deutschland?

Der mit Abstand grĂ¶ĂŸte und wichtigste Hafen des Landes liegt in Hamburg. In ihm wurden nach Angaben der Statistiker im vergangenen Jahr mit 99,6 Millionen Tonnen so viele Waren umgeschlagen wie in allen anderen relevanten SeehĂ€fen Deutschlands zusammen. Danach folgte Bremerhaven mit 39,2 Millionen Tonnen, Wilhelmshaven in Niedersachsen mit 29,8 Millionen Tonnen und Rostock in Mecklenburg-Vorpommern mit 23,9 Millionen Tonnen.

Wie stehen die deutschen HÀfen im europÀischen Vergleich da?

Es geht so. Die mit Abstand grĂ¶ĂŸten HĂ€fen der sogenannten Nordrange - sie bezeichnet die wichtigsten kontinentaleuropĂ€ischen HĂ€fen an der Nordsee, ĂŒber die etwa 80 Prozent des europĂ€ischen Im- und Exports abgewickelt werden - sind Rotterdam in den Niederlanden und Antwerpen-BrĂŒgge in Belgien. Auch sie mussten beim SeegĂŒterumschlag im Vergleich zu 2022 einen RĂŒckgang um 6,1 beziehungsweise 5,5 Prozent hinnehmen, liegen aber deutlich vor Hamburg als Nummer drei. Gut ablesbar ist das auch am Containerumschlag: WĂ€hrend in Hamburg im vergangenen Jahr 7,7 Millionen Standardcontainer (TEU) ĂŒber die Kaikanten gingen - der schlechteste Wert seit 2009 - waren es in Rotterdam 13,4 Millionen TEU und in Antwerpen-BrĂŒgge rund 12,5 Millionen TEU.

Wie steht es um die deutsche Handelsflotte?

Eigentlich ganz gut. Nach Angaben des Deutschen Reederverbands liegt Deutschland bei der Containerschifffahrt weltweit auf Platz eins - noch vor China. Deutscher Branchenprimus ist dabei die Hamburger Reederei Hapag-Lloyd. Mit 266 Containerschiffen, einem Transportvolumen von jĂ€hrlich 11,9 Millionen TEU und 16 300 BeschĂ€ftigten ist sie die derzeit fĂŒnftgrĂ¶ĂŸte Reederei der Welt. Vor ihr liegen MSC (Schweiz), Maersk (DĂ€nemark), CMA CGM (Frankreich) und Cosco (China). Die gesamte Handelsflotte Deutschlands umfasste laut Reederverband im vergangenen Jahr 1800 Schiffe, womit Deutschland weiterhin die siebtgrĂ¶ĂŸte Schifffahrtsnation der Welt ist. Die ersten drei PlĂ€tze belegen Griechenland, China und Japan.

Wo ist also das Problem?

Reedereien klagen vor allem ĂŒber hohe Kosten in deutschen HĂ€fen, ĂŒber den Automatisierungsgrad der Terminals und das Abfertigungstempo. In Hamburg behindert zudem die in die Jahre gekommene KöhlbrandbrĂŒcke die Erreichbarkeit einzelner Terminals mit besonders großen Containerfrachtern. Hinzu kommt, dass einzelne Reedereien ihr Flottenmanagement Ă€ndern und ihre Schiffe die HĂ€fen nicht mehr wie an einer Perlenkette anlaufen lassen. Stattdessen steuern sie verstĂ€rkt von ihnen selbst definierte Knotenpunkte an - in der Regel HĂ€fen und Terminals, an denen sie selbst beteiligt sind - und verteilen die Waren von dort auf kleineren Schiffen weiter. Deutsche HĂ€fen mĂŒssen dabei nicht zwangslĂ€ufig zum Zuge kommen.

Was wollen die deutschen HĂ€fen?

Die HĂ€fen fĂŒr die Zukunft zu rĂŒsten und vor allem auf eine KlimaneutralitĂ€t vorzubereiten, ist extrem teuer, beispielsweise allein der Ersatz der Hamburger KöhlbrandbrĂŒcke wird derzeit auf rund 4,5 bis 5 Milliarden Euro taxiert. Die Hafenwirtschaft und die KĂŒstenlĂ€nder Hamburg, Schleswig-Holstein, Niedersachsen, Bremen und Mecklenburg-Vorpommern fordern deshalb vom Bund seit Langem eine deutliche Aufstockung der Bundesmittel zur Finanzierung der SeehĂ€fen. Allein fĂŒr die Infrastruktur fallen demnach pro Jahr aufgrund gestiegener Kosten 400 Millionen Euro an. Bislang zahlt der Bund lediglich 38 Millionen Euro pro Jahr fĂŒr alle HĂ€fen zusammen.

Welche Zukunftsaufgaben kommen auf die HĂ€fen zu?

Die Hafenwirtschaft weist darauf hin, dass die HĂ€fen fĂŒr den per Gesetz vorgesehenen Ausbau der erneuerbaren Energien dringend erweitert werden mĂŒssen. «FĂŒr das Erreichen dieser Ausbauziele fehlt es in Europa in den HĂ€fen an UmschlagkapazitĂ€t fĂŒr Windenergie», hieß es zuletzt beim Zentralverband der deutschen Seehafenbetriebe (ZDS) «Das gilt insbesondere fĂŒr Deutschland, wo seit Jahren nicht in den Ausbau der nötigen SchwerlastflĂ€chen investiert wurde.» Das Problem betrifft insbesondere die Windkraft auf See, da die Turbinen hier besonders groß und schwer sind und oft auch in den HĂ€fen vormontiert werden mĂŒssen. «Ohne mehr FlĂ€chen in den HĂ€fen, kein erfolgreicher Ausbau der Windenergie und keine erfolgreiche Energiewende», so der ZDS.

Aus Sicht der Windkraftbranche sind bis zu 200 Hektar zusĂ€tzliche SchwerlastflĂ€chen in den deutschen SeehĂ€fen nötig. «Das entspricht der FlĂ€che eines Parkplatzes mit 260 000 Pkw oder 270 Fußballfeldern», hat die Stiftung Offshore-Windenergie vorgerechnet. Die Windenergie auf See soll bis 2045 von derzeit 8,4 auf 70 Gigawatt Leistung ausgebaut und damit ein RĂŒckgrat der Energiewende werden. Das bedeutet Tausende neue WindrĂ€der. Die Stiftung sieht die SeehĂ€fen als die zentralen Drehkreuze fĂŒr Ausbau und Betrieb: «Ob als BasishĂ€fen fĂŒr den Bau und den spĂ€teren RĂŒckbau der Windparks, als ServicehĂ€fen fĂŒr den Betrieb und auch die Wartung, als Lagerplatz oder als Produktionsstandort - sie nehmen vielfĂ€ltige Funktionen im Bereich der Offshore-Windenergie ein.» 

Die Nationale Hafenstrategie ist da - Was macht der Bund jetzt?

Mit seiner neuen Strategie weist der Bund den HĂ€fen wichtige Zukunftsaufgaben zu: im Bereich der Energiewende, der Transformation der Industrie, der Versorgungs- und Produktionssicherheit, der neuen Sicherheitsarchitektur im Rahmen der NATO und auch im Kampf gegen Drogen- und Waffenschmuggel. Die deutschen HĂ€fen sollen national und international wettbewerbsfĂ€hig sein und frei von kritischen AbhĂ€ngigkeiten agieren, wie es in der Strategie heißt. «Mit 139 Maßnahmen wollen wir dafĂŒr sorgen, dass unsere HĂ€fen resilient und digital werden», sagte Verkehrsminister Volker Wissing (FDP).

Und was macht der Bund vorerst nicht?

ZusĂ€tzlich Geld ausgeben. Die ZustĂ€ndigkeiten seien klar verteilt, sagte der Minister. «Die ZustĂ€ndigkeit fĂŒr die HĂ€fen liegt bei den LĂ€ndern. Der Bund ist zustĂ€ndig fĂŒr die Verkehrsanbindung.» Der Bund habe in den vergangenen zehn Jahren jeweils eine halbe Milliarde im Jahr investiert. «Klar ist: Wenn es Projekte gibt, die wir gemeinsam vorantreiben wollen, die im Bundesinteresse auch liegen, dann stehen wir auch dazu, finanzielle Mittel bereitzustellen. Wir wollen aber so vorgehen, dass wir sagen: Erst brauchen wir die PlĂ€ne, dann können wir die Finanzfragen klĂ€ren.» Bei der Hafenstrategie gehe es nicht einfach um die Zuweisung von Finanzmitteln. 

Kann es so funktionieren?

Der Zentralverband der deutschen Seehafenbetriebe (ZDS) und der Bundesverband Öffentlicher BinnenhĂ€fen (BÖB) haben da eine klare Meinung: Der Hafenstrategie der Bundesregierung fehle eine zentrale Voraussetzung: nĂ€mlich das Geld. «FĂŒr die Hafenwirtschaft in Deutschland ist das eine große EnttĂ€uschung.»  Und auch die VerbĂ€nde der Windenergiebranche sind nicht zufrieden: «Die Energiewende ist politisch durch den Bund beschlossen und stellt eine nationale Aufgabe dar, die ohne den Ausbau der notwendigen HafenkapazitĂ€ten deutlich ausgebremst zu werden droht. » Die KĂŒstenlĂ€nder wiederum sind zumindest sind skeptisch. «Um ins Handeln zu kommen», mĂŒsse es jetzt einen erhöhten Ausgleich fĂŒr die besonderen finanziellen Belastungen durch die SeehĂ€fen geben, heißt es in einer ErklĂ€rung der LĂ€nder Hamburg, Bremen, Niedersachsen, Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern.

@ dpa.de