Abnehmspritze, GLP-1-Medikamente

Abnehmspritze verändert Einkauf: Weniger Chips, mehr Proteinprodukte in Deutschland möglich

Veröffentlicht am: 06.10.2026 um 03:30 Uhr | dpa, AD HOC NEWS

GLP-1-Medikamente könnten das Einkaufsverhalten in Deutschland verändern. Studien deuten auf weniger Snacks und Softdrinks, zugleich aber auf eine stärkere Nachfrage nach Obst, Gemüse und proteinreichen Produkten hin.

  • GLP-1-Medikamente helfen beim Abnehmen, indem sie den Appetit zügeln und das Sättigungsgefühl steigern. Wird nun weniger eingekauft? (Symbolbild) - Bild: Fabian Sommer/dpa
    GLP-1-Medikamente helfen beim Abnehmen, indem sie den Appetit zügeln und das Sättigungsgefühl steigern. Wird nun weniger eingekauft? (Symbolbild) - Bild: Fabian Sommer/dpa
  • Seit diesem Herbst sind Abnehmmedikamente nun auch als Tablette in deutschen Apotheken verfügbar. (Archivbild) - Bild: Annette Riedl/dpa
    Seit diesem Herbst sind Abnehmmedikamente nun auch als Tablette in deutschen Apotheken verfügbar. (Archivbild) - Bild: Annette Riedl/dpa
GLP-1-Medikamente helfen beim Abnehmen, indem sie den Appetit zügeln und das Sättigungsgefühl steigern. Wird nun weniger eingekauft? (Symbolbild) - Bild: Fabian Sommer/dpa Seit diesem Herbst sind Abnehmmedikamente nun auch als Tablette in deutschen Apotheken verfügbar. (Archivbild) - Bild: Annette Riedl/dpa

GLP-1-Medikamente wie Ozempic und Wegovy könnten in Deutschland nicht nur den Appetit, sondern auch Einkaufsgewohnheiten und Sortimente im Lebensmittelhandel verändern.

Weniger Snacks, zunächst begrenzter Markteffekt

Nach einer YouGov-Studie reduzierten 1,7 Millionen Haushalte mit mindestens einem GLP-1-Nutzer ihre Einkaufsmengen innerhalb eines Jahres im Schnitt um drei Prozentpunkte stärker als Haushalte ohne Nutzer. Für den Lebensmittelhandel ergäbe sich daraus ein möglicher Umsatzrückgang von rund 325 Millionen Euro jährlich.

Gemessen am gesamten Markt für Produkte des täglichen Bedarfs entspräche das zunächst 0,16 Prozent. Größer könnte der Effekt ausfallen, wenn künftig mehr Menschen die Medikamente nutzen. Laut YouGov interessieren sich bereits 2,8 Millionen Haushalte in Deutschland für eine Behandlung.

Tablette könnte Nachfrage erhöhen

Die Medikamente enthalten Wirkstoffe, die das körpereigene Hormon GLP-1 nachahmen. Sie steigern das Sättigungsgefühl und zügeln den Appetit. Seit etwa drei Jahren sind Abnehmspritzen in Deutschland erhältlich; ab diesem Herbst soll auch eine Tablettenform in Apotheken verfügbar sein.

Für 48 Prozent der Interessierten würde eine Tablette statt einer Spritze die Wahrscheinlichkeit erhöhen, mit einer Behandlung zu beginnen. Nach Angaben der Boston Consulting Group berichten zudem 70 Prozent der GLP-1-Nutzer, dass sich auch andere Mitglieder ihres Haushalts bei den Ernährungsgewohnheiten verändert hätten.

Chips verlieren, Proteinprodukte gewinnen

In Deutschland sank der YouGov-Studie zufolge die eingekaufte Menge von Kartoffel-Knabbergebäck pro Nutzer-Haushalt um 25 Prozent. Fünf Prozent der Haushalte kauften demnach gar keine Chips mehr. In den Niederlanden gingen die Mengen bei Eistee um etwa 30 Prozent und bei fruchtigen Erfrischungsgetränken um 24 Prozent zurück. In Italien kauften GLP-1-Nutzer deutlich weniger Wein.

Auf der Gewinnerseite könnten Obst, Gemüse und proteinreiche Lebensmittel stehen. In den USA gaben GLP-1-Nutzer laut BCG rund 15 Prozent mehr für Obst und Gemüse sowie elf Prozent mehr für proteinreiche Lebensmittel aus. In Deutschland berichtet Arla von stark gestiegenem Absatz bei proteinreichen Milchprodukten: Der Umsatz mit Hüttenkäse sei im ersten Halbjahr um mehr als 40 Prozent gewachsen, bei Skyr habe das Plus 62 Prozent betragen.

Hersteller reagieren mit neuen Rezepturen

Frosta berichtet von einer überdurchschnittlichen Entwicklung kleinerer Packungsgrößen. Das könne auf eine bewusstere Portionierung hindeuten, lasse sich aber nicht eindeutig auf GLP-1-Medikamente zurückführen. BCG zufolge geben Nutzer trotz geringerer Nahrungsaufnahme nicht unbedingt weniger für Lebensmittel aus, weil die Nachfrage nach gesünderen, funktionalen und teilweise höherpreisigen Produkten steige.

Intersnack setzt unter anderem auf Linsen-, Ofen- und Protein-Chips mit einem Proteingehalt von mehr als 20 Prozent. Auch Dr. Oetker will Produkte mit hohem Protein- und Ballaststoffgehalt stärker hervorheben. Arla betont zugleich, Nutzer wollten nicht als Sondergruppe behandelt werden, sondern Teil des allgemeinen Trends zu proteinreicher Ernährung sein.

Unternehmen wie Ferrero, Coca-Cola, Pepsi und Mondelez äußerten sich auf Anfrage nicht dazu, ob sie Produkte oder Portionsgrößen anpassen wollen. Viele Hersteller gehen davon aus, dass GLP-1-Medikamente keine völlig neuen Bedürfnisse schaffen, sondern bestehende Ernährungstrends beschleunigen.

Ein Markt mit wachsender Reichweite

GLP-1-Medikamente wirken, indem sie das Sättigungsgefühl verstärken und die Magenentleerung verlangsamen. In Deutschland werden solche Wirkstoffe bislang vor allem mit der Behandlung von Typ-2-Diabetes und Adipositas verbunden. Die mögliche Einführung einer Tablettenform könnte die Nutzung vereinfachen, weil die wöchentliche Injektion als Zugangshürde entfällt.

Die gesundheitspolitische Bedeutung reicht über die Verkaufszahlen hinaus. In Deutschland haben etwa 15 Prozent der Kinder und Jugendlichen Übergewicht, sechs Prozent gelten als adipös. Für Minderjährige sind einzelne GLP-1-Präparate zugelassen, allerdings nur unter bestimmten Voraussetzungen und als Ergänzung zu einer leitliniengerechten Lebensstiltherapie. Die Kosten einer Behandlung gegen Adipositas müssen Familien in der Regel selbst tragen.

Folgen für Handel und Ernährung

Veränderte Einkaufsdaten würden zunächst vor allem einzelne Warengruppen treffen: stark verarbeitete Snacks, Süßigkeiten und zuckerhaltige Getränke könnten an Bedeutung verlieren, während Obst, Gemüse und proteinreiche Produkte zulegen. Der Wandel wäre damit weniger ein vollständiger Rückgang der Lebensmittelausgaben als eine Verschiebung innerhalb des Warenkorbs.

Für Händler und Hersteller entsteht daraus ein Anpassungsdruck bei Packungsgrößen, Rezepturen und Vermarktung. Die Entwicklung dürfte zugleich bestehende Trends zu proteinreicher Ernährung und kleineren Portionen beschleunigen. Wie dauerhaft die Veränderungen sind, hängt davon ab, wie viele Menschen die Medikamente langfristig nutzen und ob sich nach dem Absetzen das Essverhalten wieder verändert.

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