Millionen, Extra-Besuche

Ärzte warnen: 30 Millionen Extra-Besuche durch Attestpflicht

Veröffentlicht: 09.07.2026 um 07:52 Uhr, Redaktion boerse-global.de

Die geplante Abschaffung der telefonischen Krankschreibung stößt auf breiten Widerstand von Ärzten und Politikern. Experten bezweifeln die Wirksamkeit der Maßnahme gegen hohe Fehlzeiten.

Bundesregierung plant Attestpflicht ab Tag eins: Heftige Kritik
Millionen - Nahaufnahme der Hand eines Arztes, der ein Rezept ausstellt, mit einem unscharfen Hintergrund eines überfüllten Wartezimmers. 09.07.2026 - Bild: über boerse-global.de

Die Bundesregierung will die Krankschreibungsregeln verschärfen – und erntet heftige Kritik von Ärzten, Gewerkschaften und Teilen der eigenen Koalition. Geplant ist die Abschaffung der telefonischen Krankschreibung und eine allgemeine Attestpflicht ab dem ersten Krankheitstag.

Bundeskanzler Merz begründet den Kurs mit der Notwendigkeit, den Krankenstand in Deutschland zu senken. Das bisherige Regel-Ausnahme-Prinzip soll umgekehrt werden: Grundsätzlich ist eine ärztliche Bescheinigung ab Tag eins erforderlich, Arbeitgeber können aber individuelle Ausnahmen zulassen.

Jens Spahn (CDU) verteidigte die Neuregelung am 7. Juli als Frage der Fairness gegenüber den arbeitenden Kollegen.

Ärzte warnen vor „drohender Katastrophe“

Die medizinischen Fachverbände schlagen Alarm. Die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) rechnet bei einer Umsetzung mit rund 30 Millionen zusätzlichen Praxisbesuchen pro Jahr. Allein für Baden-Württemberg kalkuliert die Kassenärztliche Vereinigung mit drei Millionen Extra-Besuchen.

Die Vorsitzende des Hausärztinnen- und Hausärzteverbandes, Buhlinger-Göpfarth, spricht von einer „drohenden Katastrophe für die medizinische Versorgung“. Auch aus der Ärzteschaft in Nordrhein kommt Kritik.

Dabei ist die telefonische Krankschreibung derzeit nur für etwa ein Prozent der Fälle verantwortlich. Sie kann kaum für den Anstieg der Fehlzeiten verantwortlich sein. Die Telemedizin verzeichnete zuletzt Zuwächse: 2024 wurden rund 2,7 Millionen Videosprechstunden durchgeführt.

Zweifel an der Wirksamkeit

Daten von Krankenkassen stellen den Nutzen einer verschärften Attestpflicht infrage. Nach Angaben des Betriebskrankenkassen-Dachverbandes (BKK) sind nicht kurze Erkrankungen die Kostentreiber, sondern Langzeitfälle.

Anzeige

Die geplante Attestpflicht ab Tag 1 könnte 30 Millionen Extra-Arztbesuche bringen. Was bedeutet das für Sie? Unser Ratgeber zeigt Ihre Rechte, einen Muster-Widerspruch und drei Strategien, um gesund zu Hause zu bleiben – ohne Praxis-Marathon. Jetzt kostenlosen Ratgeber anfordern

Psychische Erkrankungen machen zwar nur 5,4 Prozent der Fälle aus – dauern dann aber im Schnitt mehr als fünf Wochen. Das Krankengeldvolumen belief sich zuletzt auf 21,6 Milliarden Euro.

Die Statistik des Bundesgesundheitsministeriums zeigt: 70,8 Prozent der Krankheitsfälle dauern eine Woche oder kürzer, verursachen aber nur 23,2 Prozent der Ausfalltage. Langzeiterkrankungen von mehr als sechs Wochen machen lediglich 3,3 Prozent der Fälle aus – aber fast 40 Prozent der Fehltage.

AOK-Vorsitzende Carola Reimann bezeichnet die Pläne daher als „reine Symbolpolitik“. Ein OECD-Vergleich ordnet Deutschland bei der verlorenen Arbeitszeit mit 6,8 Prozent auf Rang sieben ein.

Politischer Streit und arbeitsrechtliche Hürden

Auch innerhalb der Koalition ist das Vorhaben umstritten. Ricarda Lang (Grüne) warnte am 8. Juli vor den Plänen: Sie könnten zu mehr statt weniger Krankheitstagen führen. Auch aus der SPD und vom Arbeitnehmerflügel der CDU (CDA) kommt Widerspruch.

CDA-Vorsitzender Dennis Radtke warnt vor einer „Atmosphäre des Misstrauens“ gegenüber Beschäftigten. Es bestehe das Risiko des sogenannten Präsentismus: Arbeitnehmer erscheinen trotz Krankheit zur Arbeit, infizieren Kollegen oder riskieren langwierigere Erkrankungen.

Anzeige

Präsentismus-Risiko durch Misstrauenskultur: Wer krank zur Arbeit geht, gefährdet Kollegen und sich selbst. Unser Ratgeber hilft Ihnen, die neue Regelung rechtssicher zu handhaben – mit Checkliste und Muster-Widerspruch. Ratgeber jetzt sichern

Arbeitsrechtliche Experten weisen darauf hin, dass die Neuregelung nicht alle Beschäftigten treffen würde. Das Günstigkeitsprinzip schützt bestehende Arbeitsverträge mit späterer Vorlagepflicht. Betriebliche Lösungen und Einzelvereinbarungen bleiben möglich.

Während Unternehmerverbände die Pläne als klares Signal begrüßen, zeigen sich einzelne Industriebetriebe skeptisch. Vertreter von Unternehmen wie ebm-papst oder Ziehl-Abegg geben zu bedenken: Eine frühe Attestpflicht senke die Fehlzeiten nicht zwangsläufig. Ärztliche Krankschreibungen würden oft für einen längeren Zeitraum ausgestellt, als eine kurzzeitige Genesung ohne Arztbesuch gedauert hätte.

Disclaimer zu unseren Artikeln: Keine Anlageberatung, keine Kauf oder Verkaufsempfehlung. Angaben zu Kursen, Unternehmen und Märkten ohne Gewähr; Änderungen jederzeit möglich. Börsengeschäfte können zu hohen Verlusten führen. Unsere Beiträge werden ganz oder teilweise automatisiert mit Unterstützung von AI erstellt und geprüft.

de | wirtschaft | 69728386 |