Deutsche Wirtschaft geht ohne RĂŒckenwind ins Jahr 2024
30.01.2024 - 14:44:13(Aktualisierung: 5. Absatz mit IWF)
WIESBADEN (dpa-AFX) - Die Hoffnung auf eine baldige Konjunkturerholung in Deutschland schwindet. Nach einem RĂŒckgang der Wirtschaftsleistung zum Jahresende 2023 geht Europas gröĂte Volkswirtschaft ohne RĂŒckenwind in die kommenden Monate. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) sank nach vorlĂ€ufigen Daten im vierten Quartal 2023 im Vergleich zum Vorquartal preis-, kalender- und saisonbereinigt um 0,3 Prozent. Das Statistische Bundesamt bestĂ€tigte am Dienstag eine erste SchĂ€tzung. Im europĂ€ischen Vergleich rangiert Deutschland damit auf einem der hinteren PlĂ€tze.
Thomas Gitzel, Chefvolkswirt der VP Bank, sieht aktuell keine Anzeichen fĂŒr eine unmittelbare konjunkturelle Trendwende. "Vielmehr ist zu erwarten, dass sich die deutsche Wirtschaft auch in den kommenden Quartalen zwischen Rezession und Stagnation bewegen wird."
Nach vorlĂ€ufigen Angaben der Statistiker gab es zum Jahresende 2023 vor allem bei den Bauinvestitionen und Investitionen der Unternehmen in AusrĂŒstungen wie Fahrzeuge und Maschinen im Vergleich zum Vorquartal ein deutliches Minus.
"FĂŒr das erste Quartal 2024 zeichnet sich erneut ein RĂŒckgang der Wirtschaftsleistung ab", sagte Commerzbank DE000CBK1001-Chefvolkswirt Jörg KrĂ€mer. DafĂŒr spreche der AbwĂ€rtstrend der Industrieproduktion, der jĂŒngste RĂŒckgang der AuftragseingĂ€nge sowie das niedrige Niveau des Ifo-GeschĂ€ftsklimas. "Nach einem Ende der Rezession ist kein krĂ€ftiger Aufschwung in Sicht."
Aussichten eingetrĂŒbt
Die Aussichten fĂŒr das laufende Jahr hatten sich zuletzt eingetrĂŒbt. Viele Volkswirte senkten ihre Prognosen und gehen von einem Wachstum von teils deutlich weniger als einem Prozent aus. Die Deutsche Industrie- und Handelskammer (DIHK) rechnet bestenfalls mit einer Stagnation. Der Internationale WĂ€hrungsfonds (IWF) stellte am Dienstag ein Wirtschaftswachstum von 0,5 Prozent fĂŒr Deutschland in Aussicht. Im Oktober hatte das IWF-Expertenteam noch einen Zuwachs von 0,9 Prozent erwartet. Einige Volkswirte schlieĂen auch einen RĂŒckgang des Bruttoinlandsproduktes im Gesamtjahr 2024 nicht aus.
Sorgen bereiten zurzeit auch die Angriffe von Huthi-Rebellen im Jemen auf Schiffe mit angeblich israelischer Verbindung im Roten Meer. GroĂe Reedereien meiden die wichtige Handelsroute deswegen zunehmend. Die Krise im Roten Meer "kann sich auch auf die Preise auswirken. Dies fĂŒhrt fĂŒr die betroffenen Unternehmen zu Verzögerungen und lĂ€ngeren Lieferfristen", sagte ein Sprecher des Bundeswirtschaftsministeriums der "Bild" (Dienstag).
Nachfrage in nahezu allen Wirtschaftsbereichen gesunken
Nach Angaben von Ifo-Konjunkturchef Timo WollmershĂ€user klagen die Firmen in nahezu allen Wirtschaftsbereichen ĂŒber eine rĂŒcklĂ€ufige Nachfrage. ZusĂ€tzlich werde die Wirtschaft durch eine Reihe von Sonderfaktoren belastet. "Dazu zĂ€hlen der hohe Krankenstand, die Streiks bei der Deutschen Bahn sowie der auĂergewöhnlich kalte und schneereiche Januar. Aber erste Lichtblicke gibt es beim privaten Konsum."
Die Stimmung in der deutschen Wirtschaft hatte sich zu Beginn des Jahres verschlechtert. Das Ifo-GeschĂ€ftsklima fiel im Januar den zweiten Monat in Folge. Auch die Kauflaune der Menschen trĂŒbte sich nach Angaben des Konsumforschungsinstituts GfK und des NĂŒrnberg Instituts fĂŒr Marktentscheidungen (NIM) zuletzt wieder ein. Hoffnungen auf eine nachhaltige Erholung des Konsumklimas mĂŒssten weiter in die Zukunft verschoben werden. Krisen und Kriege sowie eine anhaltend hohe Inflation verunsicherten Verbraucher und verhinderten eine Verbesserung der Konsumstimmung, hieĂ es.
Im vergangenen Jahr fiel der Privatkonsum in Deutschland als wichtige KonjunkturstĂŒtze aus. Zugleich bekamen Exporteure die SchwĂ€che des Welthandels zu spĂŒren, gestiegene Immobilienzinsen bremsten den Bau aus. Die Wirtschaftsleistung sank verglichen mit dem Vorjahr preisbereinigt um 0,3 Prozent. Deutschland rutschte damit in eine leichte Rezession. Auch hier bestĂ€tigten die Statistiker vorlĂ€ufige Daten.
Wirtschaftsweise fĂŒr Lockerung der Schuldenbremse
Kritisch sehen manche Volkswirte die Schuldenbremse, sie erschwere wichtige Investitionen in Klimaschutz und Infrastruktur. Die "Wirtschaftsweisen" plĂ€dieren fĂŒr eine umfassende Lockerung. "Wir wollen die FlexibilitĂ€t erhöhen und SpielrĂ€ume schaffen, so dass man zukunftsorientierte öffentliche Ausgaben tĂ€tigen kann, ohne dabei die TragfĂ€higkeit der Staatsfinanzen auszuhöhlen", sagte die Vorsitzende des SachverstĂ€ndigenrats zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung, Monika Schnitzer.
Im Euroraum stagnierte die Wirtschaftsleistung nach vorlÀufigen Daten des europÀischen Statistikamtes im vierten Quartal 2023 bezogen auf das Vorquartal. Zu den wachstumsstÀrksten LÀndern, die bislang Zahlen vorlegten, zÀhlten Spanien mit einem Wirtschaftswachstum von 0,6 Prozent zum Jahresende und Portugal mit einem Plus von 0,8 Prozent. Im Nachbarland Frankreich stagnierte das Bruttoinlandsprodukt, in Italien wurde ein leichtes Plus von 0,2 Prozent verzeichnet. In Irland schrumpfte das BIP dagegen um 0,7 Prozent./mar/DP/jsl
--- Von Friederike Marx, dpa ---

