EuropĂ€er verhandeln mit Iran ĂŒber Atomprogramm
20.06.2025 - 08:04:46(Aktualisierung: ErgÀnzt: Telefonat USA und Frankreich)
GENF/TEL AVIV/TEHERAN (dpa-AFX) - WĂ€hrend der Krieg zwischen Israel und Iran in die zweite Woche geht, wollen sich drei europĂ€ische AuĂenminister heute bei einem Treffen mit ihrem iranischen Kollegen in Genf um Deeskalation bemĂŒhen. Ein Ziel von Johann Wadephul (Deutschland), Jean-NoĂ«l Barrot (Frankreich) und David Lammy (GroĂbritannien) ist es, den Iran zum Einlenken bei seinem Atomprogramm zu bewegen und von Kernwaffen fernzuhalten.
Auch die EU-AuĂenbeauftragte Kaja Kallas will an dem Treffen mit dem iranischen AuĂenminister Abbas Araghtschi teilnehmen. Bei den EuropĂ€ern dĂŒrfte die Hoffnung mitschwingen, einen diplomatischen Impuls zu setzen - unter dem Eindruck der noch offenen Entscheidung darĂŒber, ob die USA aktiv in den Krieg eintreten oder nicht.
Trump: Entscheidung ĂŒber Kriegseintritt innerhalb von zwei Wochen
Trump hatte seine Sprecherin Karoline Leavitt erklĂ€ren lassen, er wolle innerhalb der nĂ€chsten zwei Wochen darĂŒber entscheiden, ob die USA als wichtigster VerbĂŒndeter Israels in den Krieg gegen den Iran eingreifen werden. Dies geschehe vor dem Hintergrund, dass es eine "betrĂ€chtliche Chance" fĂŒr Verhandlungen gebe, die in naher Zukunft mit dem Iran stattfinden könnten, sagte er am Vortag der geplanten Verhandlungen in Genf.
Erneut gegenseitige Angriffe
Unterdessen setzen Israel und der Iran ihre gegenseitigen Angriffe fort. Die israelische Luftwaffe griff in der Nacht nach eigenen Angaben mit 60 Kampfflugzeugen erneut Dutzende Ziele an, darunter im Raum Teheran militĂ€rische Anlagen zur Herstellung von Raketen sowie das Hauptquartier einer Forschungseinrichtung des iranischen "Atomwaffenprojekts". Die Angaben konnten zunĂ€chst nicht unabhĂ€ngig ĂŒberprĂŒft werden.
Zeitgleich seien insgesamt vier von Iran auf Israel abgefeuerte Drohnen abgefangen worden, teilte die Armee auf Telegram weiter mit. Am Morgen griff der Iran zudem erneut mit Raketen an. Laut dem Rettungsdienst wurden fĂŒnf Menschen beim Einschlag eines Geschosses neben mehreren Wohnblocks in Beerscheba leicht verletzt. An den HĂ€usern entstanden Medien zufolge starke SchĂ€den.
Das US-MilitĂ€r unterstĂŒtzt Israel bei seiner Verteidigung, beteiligt sich bislang aber nicht an den Angriffen auf den Iran, wie in Washington betont wird. Trump habe deutlich gemacht, dass er immer diplomatische Mittel bevorzuge, sagte seine Sprecherin. Er scheue sich aber auch nicht, nötigenfalls StĂ€rke zu zeigen. Der Iran und die Welt sollten wissen, dass das US-MilitĂ€r das stĂ€rkste der Welt sei.
AuĂenminister der USA und GroĂbritanniens beraten sich - auch mit Frankreich
Unmittelbar vor den heutigen europĂ€ischen Verhandlungen mit dem Iran in der Schweiz tauschte sich der britische AuĂenminister Lammy in Washington noch mit seinem US-Kollegen Marco Rubio aus. Die beiden AuĂenminister seien sich darin einig gewesen, dass der Iran niemals Atomwaffen haben dĂŒrfe, teilte eine Sprecherin des US-AuĂenministeriums mit. AuĂerdem gab es laut US-AuĂenministerium ein Telefonat zwischen Rubio und dem französischen AuĂenminister Barrot - ebenfalls zur Situation in Nahost. Man wolle weiter eng kooperieren, um sicherzustellen, dass der Iran niemals Nuklearwaffen entwickelt oder in den Besitz kommt, hieĂ es im Anschluss.
ErklĂ€rtes Kriegsziel der Atommacht Israel ist es, den Iran an der Entwicklung von Atomwaffen zu hindern und gegen sein Raketenarsenal vorzugehen. Dabei dementiert Teheran seit Jahren, den Bau von Kernwaffen anzustreben - und pocht auf das Recht, Atomkraft fĂŒr friedliche Zwecke zu nutzen. Israels Regierungschef Benjamin Netanjahu zeigt sich jedoch unbeirrt.
Netanjahu: Können alle Atomanlagen im Iran erreichen
Israel habe die notwendigen FĂ€higkeiten, um alle Atomanlagen im Iran zu erreichen, antwortete Netanjahu dem israelischen TV-Sender Kan auf die Frage, ob ein erfolgreicher Angriff auf die wichtige unterirdische Atomanlage Fordo auch ohne Hilfe der USA möglich wĂ€re. Viele Experten sind dagegen der Auffassung, dass Israel auf die UnterstĂŒtzung des US-VerbĂŒndeten angewiesen wĂ€re, um dem Fordo-Komplex einen vernichtenden Schlag zu versetzen.
Unter den westlichen Staaten verfĂŒgen nach allem, was bekannt ist, nur die USA mit ihren sogenannten Bunkerbrecher-Bomben ĂŒber ausreichend schlagkrĂ€ftige Waffen, um die tief in einem Berg gelegene Anlage zur Urananreicherung zu zerstören.
Seit Tagen richtet sich denn auch der Fokus auf die Frage, wie sich die USA verhalten werden. Zum Raketenarsenal des Irans sagte Netanjahu, Israel habe etwa die HĂ€lfte aller Abschussrampen getroffen. Letztlich sei es nicht so wichtig, wie viele Raketen der Iran habe, sondern wie viele Abschussrampen, sagte der rechtskonservative Regierungschef dem Sender Kan.
Deutschland verlangt vom Iran eindeutige Signale
Wadephul hatte am Wochenende bei einer Reise nach Saudi-Arabien, Katar und Oman fĂŒr eine konzertierte Aktion der EuropĂ€er mit arabischen Nachbarstaaten des Irans geworben, die zur Deeskalation fĂŒhren soll. Unter anderem verlangte er, Teheran mĂŒsse sich zum Atomwaffensperrvertrag bekennen und eindeutig Abstand von einer nuklearen Bewaffnung und einem Programm zur Entwicklung ballistischer Raketen nehmen, die Israel und Europa bedrohen könnten. Der Atomwaffensperrvertrag verbietet es LĂ€ndern, die keine Atomwaffen haben, sich diese zu verschaffen. Bislang hat nur Nordkorea den Vertrag aufgekĂŒndigt.
Merz mahnt bei Netanjahu diplomatische Lösung an
Am Mittwochabend mahnte auch Kanzler Friedrich Merz (CDU) in einem Telefonat mit Netanjahu eine diplomatische Lösung an. Merz habe VerstĂ€ndnis fĂŒr die Bedrohungslage Israels geĂ€uĂert und darauf gepocht, dass das iranische Atomprogramm eingestellt und der Konflikt unter Kontrolle gebracht werden mĂŒsse, hieĂ es aus deutschen Regierungskreisen.
Nach Aussagen eines Ex-Kommandeurs der mĂ€chtigen Revolutionsgarden, der Elitestreitmacht im Iran, hatte die StaatsfĂŒhrung in Teheran bereits im MĂ€rz mit einem Krieg gerechnet. In Erwartung dessen sei vor dem GroĂangriff des Erzfeindes Israel hochangereichertes Uran in Sicherheit gebracht worden. "Wir haben vorher alle Materialien weggeschafft", sagte der frĂŒhere Kommandeur und Generalmajor Mohsen Resai in einem TV-Interview.
Netanjahu: Umsturz im Iran muss von Bevölkerung ausgehen
Einen Umsturz im Iran verfolgt Israels MinisterprÀsident Netanjahu nach eigenen Aussagen indes nicht als unmittelbares Kriegsziel. "Der Sturz des Regimes ist zuallererst eine Angelegenheit des iranischen Volkes", sagte er dem Sender Kan. Deswegen habe er dies nicht als Kriegsziel ausgerufen. Ein Umsturz im Iran könne aber ein Ergebnis des Krieges sein, so Netanjahu.
Spekuliert wird, dass Israel mit seinen gezielten Angriffen auf Machtsymbole der Islamischen Republik womöglich einen Umsturz im Iran herbeifĂŒhren will. Verteidigungsminister Israel Katz betonte zuletzt, dass im Laufe des Krieges weitere Symbole des staatlichen Machtapparats angegriffen wĂŒrden. "So brechen Diktaturen zusammen", schrieb Katz auf der Plattform X. Zuletzt griff Israel wĂ€hrend einer Live-Sendung etwa den iranischen Staatssender IRIB an.
Wie Europa und die USA bisher im Atomkonflikt verhandelt haben
Deutschland, Frankreich und GroĂbritannien verhandeln seit Jahren mit dem Iran im sogenannten E3-Format ĂŒber dessen Atomprogramm. Trump rief den Iran in der jĂŒngeren Vergangenheit immer wieder zu Verhandlungen ĂŒber ein Ende der Urananreicherung auf. Es gab GesprĂ€chsrunden von iranischen und amerikanischen UnterhĂ€ndlern in Oman und in Rom.
Eine Resolution der internationalen Atomenergieagentur IAEA stellte am 12. Juni fest, dass der Iran nicht sein gesamtes Atomprogramm offengelegt habe. Am 13. Juni begann Israel mit Angriffen auf iranische Ziele. Eine fĂŒr den 15. Juni vorgesehene weitere Runde von AtomgesprĂ€chen zwischen dem Iran und den USA wurde daraufhin abgesagt.

