Reformkandidat gegen Hardliner
05.07.2024 - 09:19:29(Aktualisierung: nach Auftakt)
TEHERAN (dpa-AFX) - Im Iran lĂ€uft die Stichwahl um das PrĂ€sidentenamt. Rund 61 Millionen Menschen sind aufgerufen, zwischen dem im Land als gemĂ€Ăigt geltenden Politiker Massud Peseschkian und dem Hardliner Said Dschalili zu wĂ€hlen. Staatsoberhaupt und ReligionsfĂŒhrer Ajatollah Ali Chamenei eröffnete am Morgen in Teheran die Wahl. Aus ihr soll der Nachfolger des bisherigen Amtsinhabers Ebrahim Raisi hervorgehen, der bei einem HubschrauberunglĂŒck ums Leben kam.
Die Wahllokale sind bis 16.30 Uhr deutscher Zeit geöffnet, VerlÀngerung ist möglich. Mit ersten Ergebnissen wird Samstag gerechnet.
Von insgesamt 80 Bewerbern hatte der sogenannte WĂ€chterrat, ein mĂ€chtiges islamisches Kontrollgremium, nur sechs als Kandidaten zugelassen. Zwei von ihnen zogen sich zurĂŒck. Anders als in vielen anderen LĂ€ndern ist der PrĂ€sident im Iran nicht das Staatsoberhaupt. Die eigentliche Macht konzentriert sich auf den ReligionsfĂŒhrer Chamenei.
Reformkandidat gegen Hardliner
Der Reformkandidat Peseschkian ist 69 Jahre alt und stammt aus dem Nordwesten Irans. Im Wahlkampf warb der bisher eher unscheinbare Politiker fĂŒr neues Vertrauen zwischen Regierung und Volk, das nach gescheiterten Reformversuchen, politischer Repression und einer Wirtschaftskrise von der Politik maĂlos enttĂ€uscht ist. Wie viele Politiker des Reformlagers forderte er eine Verbesserung der Beziehungen zum Westen.
Im Wahlkampf kritisierte Peseschkian etwa die Internetzensur sowie das repressive Vorgehen der SittenwĂ€chter gegen Frauen, die in der Ăffentlichkeit gegen die Kopftuchpflicht verstoĂen. Gleichzeitig bekundete der frĂŒhere Gesundheitsminister seine LoyalitĂ€t gegenĂŒber ReligionsfĂŒhrer Chamenei. In den TV-Debatten bezeichnete er sich selbst als wertkonservativen Politiker, der Reformen fĂŒr notwendig hĂ€lt. Kritiker halten ihm vor, dass er diese angesichts einer Mehrheit von Hardlinern im Parlament gar nicht erst umsetzen könnte.
Dschalili auf der anderen Seite gehörte frĂŒh zum engsten Machtzirkel und arbeitete im BĂŒro des ReligionsfĂŒhrers. Unter dem umstrittenen frĂŒheren PrĂ€sidenten Mahmud Ahmadinedschad war Dschalili ChefunterhĂ€ndler bei den Atomverhandlungen. Der Hardliner genieĂt breite UnterstĂŒtzung von radikalen und loyalen SystemanhĂ€ngern. Er gilt als eiserner Verfechter der Ideologie der Islamischen Revolution im Iran.
Wenig Wahlstimmung, viel Frustration
Bei der ersten Runde am vergangenen Freitag erreichte die Wahlbeteiligung nach offiziellen Daten mit rund 40 Prozent ein Rekordtief. Darin spiegelt sich die groĂe EnttĂ€uschung vor allem der jungen Generation, die den Glauben an groĂe innenpolitische VerĂ€nderungen verloren hat. Der Tod der jungen Kurdin Jina Masa Amini im Herbst 2022 entfachte landesweite Proteste gegen das islamische Herrschaftssystem. Chamenei beklagte die niedrige Wahlbeteiligung, wies aber die Lesart zurĂŒck, dass dies Ausdruck fĂŒr die Ablehnung des politischen Systems sei.
Peseschkian kam vor einer Woche auf rund 10,4 Millionen (rund 42,5 Prozent), Dschalili auf 9,4 Millionen Stimmen (38,7 Prozent). FĂŒr den konservativen Drittplatzierten, ParlamentsprĂ€sident Mohammed Bagher Ghalibaf, stimmten etwa 3,4 Millionen Landesbewohner. Er sprach dann Dschalili seine UnterstĂŒtzung aus. Damit geht das konservative Lager mit einem leichten Vorteil in die Runde. Reformkandidat Peseschkian mĂŒsste fĂŒr einen Sieg vor allem NichtwĂ€hler umstimmen.
Irans politisches System vereint seit der Revolution von 1979 republikanische und auch theokratische ZĂŒge. Freie Wahlen gibt es jedoch nicht: Das Kontrollgremium des WĂ€chterrats prĂŒft Kandidaten stets auf ihre Eignung. Eine grundsĂ€tzliche Kritik am System wird nicht geduldet, wie die Niederschlagung von Protesten in den vergangenen Jahren zeigte.

