Gefahr fĂŒr Ukraine nach Waffenlieferstopp der USA steigt
02.07.2025 - 12:17:20(Aktualisierung: Reaktion aus Kiew und Moskau)
WASHINGTON/KIEW (dpa-AFX) - Die Ukraine ist in der Nacht einmal mehr zum Ziel schwerer russischer Angriffe aus der Luft geworden - umso schwerer wiegen die jĂŒngsten Nachrichten aus den USA. Demnach stoppt Washington die Lieferung einiger bereits zugesagter Waffen an das von Russland angegriffene Land. Waffen, die die Ukraine bitter nötig hĂ€tte.
In der Nacht zum Mittwoch haben russische Truppen nach Angaben der ukrainischen Luftwaffe 114 Drohnen und 4 umfunktionierte Raketen des Flugabwehrsystems S-300 fĂŒr ihre Attacken eingesetzt. EinschlĂ€ge gab es in den Regionen Charkiw, Cherson, Dnipropetrowsk und Donezk.
Seit Wochen versucht das russische MilitĂ€r, die Flugabwehr der Ukrainer zu ĂŒberlasten. Mitunter mehrfach in der Woche werden in groĂen Wellen Raketen und Drohnen gegen das Nachbarland geschickt. In einigen NĂ€chten stieg die Anzahl der eingesetzten auf weit ĂŒber 400. In der Hauptstadt Kiew wurden so allein im Juni mehr als 40 Menschen getötet. Weil die Flugabwehrsysteme fĂŒr eine Abdeckung der FlĂ€che nicht ausreichen, ist die ukrainische Flugabwehr gezwungen, die vorhandenen Systeme in den StĂ€dten konzentrieren.
US-Lieferstopp aus Angst vor eigenen EngpÀssen
Unter diesen UmstĂ€nden ist die Nachricht des teilweisen Lieferstopps, die Kiew nun aus den USA erreichte, umso bitterer. Betroffen seien Raketen und Munition, berichteten "Politico" und der Sender NBC News unter Berufung auf mit der Angelegenheit vertraute Person beziehungsweise Verteidigungsbeamte und Kongressmitglieder. Hintergrund der Entscheidung aus dem Pentagon ist demnach die Sorge vor zu geringen US-WaffenbestĂ€nden. Zuvor habe es eine ĂberprĂŒfung der BestĂ€nde gegeben, berichteten die Medien ĂŒbereinstimmend.
Das WeiĂe Haus bestĂ€tigte auf Anfrage keine Details. In einem Statement der stellvertretenden Sprecherin des WeiĂen Hauses, Anna Kelly, hieĂ es aber: "Diese Entscheidung wurde getroffen, um die Interessen Amerikas in den Vordergrund zu stellen, nachdem das Verteidigungsministerium die militĂ€rische UnterstĂŒtzung und Hilfe unserer Nation fĂŒr andere LĂ€nder auf der ganzen Welt ĂŒberprĂŒft hatte." Das US-Verteidigungsministerium Ă€uĂerte sich auf Anfrage zunĂ€chst nicht.
Flugabwehr wird löchrig
Unter den vorenthaltenen Waffensystemen sind den NBC News zufolge auch Dutzende Patriot-Raketen, die der Ukraine noch vom ehemaligen US-PrĂ€sidenten Joe Biden zugesagt wurden. Diese braucht das Land dringend fĂŒr die Abwehr russischer Luftangriffe. Zuletzt hatten US-Medien die VorrĂ€te fĂŒr die ĂŒber 30 Patriot-StartgerĂ€te auf unter 200 Abfangraketen geschĂ€tzt.
Bei einem Treffen mit US-PrĂ€sident Donald Trump versuchte der ukrainische Staatschef Wolodymyr Selenskyj vergangene Woche in Den Haag, diesen zum Verkauf weiterer Patriot-Systeme an sein Land zu ĂŒberreden. Ein Ergebnis brachte das GesprĂ€ch nicht. Trump erklĂ€rte spĂ€ter, dass die USA nicht so viele der Flugabwehrkomplexe habe und sie selbst benötige.
Die Trump-Regierung hatte die US-MilitĂ€rhilfe fĂŒr die Ukraine bereits Anfang MĂ€rz vorerst eingestellt. Zur BegrĂŒndung hieĂ es damals aus dem WeiĂen Haus, dass Trumps Fokus auf Frieden liege. Nun sind den Berichten zufolge Lieferungen betroffen, die noch von der VorgĂ€nger-Regierung unter Joe Biden genehmigt worden waren.
Welche Hilfe kann Europa leisten?
Unter diesen UmstĂ€nden wird fĂŒr die Ukraine die Hilfe aus Europa, speziell aus Deutschland noch wichtiger. Dem Institut fĂŒr Weltwirtschaft (IfW) in Kiel zufolge haben die EuropĂ€er die USA bereits beim Umfang der MilitĂ€rhilfe ĂŒberholt. "Zum ersten Mal seit Juni 2022 hat Europa damit die USA bei der gesamten MilitĂ€rhilfe ĂŒbertroffen - mit insgesamt 72 Mrd. EUR gegenĂŒber 65 Mrd. EUR aus den Vereinigten Staaten", hieĂ es Mitte Juni vom IfW. BerĂŒcksichtigt wurden Lieferungen bis einschlieĂlich April. Inzwischen dĂŒrfte sich diese Tendenz verstĂ€rkt haben.
Gerade auf Deutschland kommt es unter diesen UmstĂ€nden an. Doch welche Möglichkeiten gibt, die Flugabwehr zu verstĂ€rken? Berlin hat neben den US-Patriot-Systemen aus dem Bundeswehrbestand auch die Eigenproduktion Iris-T an Kiew ĂŒbergeben. Laut Bundesregierung stehen inzwischen sechs solcher Systeme in der Ukraine. Diese haben sich beim Schutz von StĂ€dten bewĂ€hrt.
Allerdings haben sie ihre BeschrĂ€nkungen. Sie sind auf kurze und mittlere Entfernungen ausgelegt. FĂŒr die Abwehr von Drohnen sind zudem auch die von Deutschland gelieferten Flugabwehrkanonenpanzer Gepard geeignet. Ballistische Raketen können allerdings bisher nur mit Patriot-Systemen abgefangen werden.
Reaktion aus Kiew - und aus Moskau
In Kiew wurde nach Bekanntwerden des Lieferstopps der stellvertretende Leiter der US-Botschaft John Ginkel ins AuĂenministerium einbestellt. Die ukrainische VizeauĂenministerin Marjana Bez betonte, dass jede Verzögerung der Waffenhilfen Russland nur dazu anhalte, weiter auf Krieg und Terror zu setzen, statt Frieden zu suchen.
Moskau reagierte hingegen erfreut und siegesgewiss. Die Entscheidung hÀnge wohl mit den leeren Waffenarsenalen in den USA zusammen, sagte Kremlsprecher Dmitri Peskow. "Aber in jedem Fall, je weniger Waffen die Ukraine bekommt, desto nÀher ist das Ende der militÀrischen Spezialoperation", sagte er. Mit "militÀrischer Spezialoperation" bezeichnet Moskau euphemistisch seinen seit drei Jahren wÀhrenden Angriffskrieg gegen die Ukraine.

