ROUNDUP, Kiew

Kiew dringt auf Einsatz weitreichender Waffen

15.07.2024 - 06:00:03

Angesichts stĂ€ndiger russischer Raketen- und Luftangriffe möchte die Ukraine die Quelle des Übels ausschalten - MilitĂ€rflugplĂ€tze und Raketenabschussrampen auf russischem Staatsgebiet, bis tief ins Landesinnere.

Die Liste möglicher Ziele ist inzwischen lang, der Wunsch nach Vergeltung ist groß. Nur fehlt die Erlaubnis der USA, die vom Westen gelieferten weitreichenden Waffensysteme einzusetzen. Unterdessen meldet die Ukraine Explosionen in Odessa, Russland berichtet von weiteren ukrainischen Drohnenangriffen.

Bisher bleibt Washington bei den Waffensystemen hart, die USA haben der Ukraine noch keine Erlaubnis zu Angriffen mit diesen weitreichenden Waffen gegen Ziele auf russischem Staatsgebiet erteilt. Das teilte Ihor Schowka, der stellvertretende Leiter der PrÀsidialkanzlei von Wolodymyr Selenskyj, in einem Interview von "Voice of America" mit. Dennoch arbeite die Ukraine weiter mit den USA an dieser Frage und hoffe auf ein baldiges Einlenken.

"Alle wissen, wo die Gefahr liegt, wo die Raketen (gegen die Ukraine) gestartet werden." Schowka Ă€ußerte sich optimistisch: "Alle wichtigen Entscheidungen, die die USA frĂŒher getroffen haben, erfolgten Ă€ußerst leise - und das wird auch dieses Mal so sein."

Die Ukraine fordert schon seit einiger Zeit die Erlaubnis, die von den USA und anderen westlichen Partnern gelieferten weitreichenden Waffen, also Raketen oder Marschflugkörper, gegen Ziele auf russischem Staatsgebiet einsetzen zu dĂŒrfen. Bisher konnten die ukrainischen MilitĂ€rs lediglich Drohnen mit deutlich geringerer Sprengkraft einsetzen. Bei Treibstofflagern oder Raffinerien erzielten diese mehrfach Erfolge, aber gegen FlugplĂ€tze oder Raketenabschussbasen zeigten die unbemannten Flugkörper bisher wenig Wirkung.

Westliche Waffen dĂŒrfen bisher nur gegen Ziele in den besetzten Gebieten der Ukraine, einschließlich der Krim, sowie im Osten des Landes im unmittelbaren Grenzgebiet eingesetzt werden.

Den USA sei dieses Problem bekannt, betonte Schowka. Daher erwarte er auch eine baldige Zustimmung der USA, "so wie es auch frĂŒher bei anderen Fragen geschah, die wir mit der US-Regierung erörtert haben."

Explosionen in Odessa - Russland meldet Drohnenangriffe

Medienberichten zufolge kam es nachts nahe der ukrainischen Hafenstadt Odessa zu heftigen Explosionen. Der Gouverneur der MilitĂ€rverwaltung des Gebiets, Oleh Kiper, rief die Bewohner der Stadt und des Bezirks Odessa ĂŒber Telegram auf, in SchutzrĂ€umen zu bleiben, bis das Feuer gelöscht sei. Zuvor hatte die ukrainische Luftwaffe eine Bedrohung durch ballistische Raketenangriffe aus dem SĂŒden gemeldet. Informationen ĂŒber mögliche SchĂ€den oder Opfer gab es zunĂ€chst nicht.

Die russische Luftabwehr fing unterdessen nach Angaben des zustĂ€ndigen Gouverneurs sechs Drohnen ĂŒber der Region Brjansk ab und zerstörte sie. Die Region sĂŒdwestlich von Moskau grenzt an die Ukraine. Auch im russischen Gebiet Lipezk sĂŒdlich von Moskau wurde ein Drohnenangriff gemeldet. Eine Drohne sei auf dem GelĂ€nde eines elektrischen Umspannwerks abgestĂŒrzt, so der dortige Gouverneur. In beiden FĂ€llen gab es den Angaben nach keine Verletzten, die Arbeit des Umspannwerks sei nicht gestört. Die Angaben ließen sich zunĂ€chst nicht unabhĂ€ngig prĂŒfen.

Neue 3-Tonnen-Gleitbomben gegen Ziele in der Ukraine

Die russischen LuftstreitkrĂ€fte sind nach Angaben aus ukrainischen MilitĂ€rkreisen in jĂŒngster Zeit dazu ĂŒbergegangen, neuartige Gleitbomben gegen Ziele in der Ukraine einzusetzen. So seien Bomben mit einem Gewicht von drei Tonnen kleinen TragflĂ€chen und entsprechender Elektronik ausgestattet worden, um sie aus großer Entfernung von Flugzeugen abzuwerfen und dann ins Ziel zu lenken.

"Dazu nutzen sie Kampfflugzeuge vom Typ Suchoi Su-34, die von FlugplĂ€tzen starten, die wir zerstören mĂŒssten, um unsere Menschen zu schĂŒtzen", wurde Andrij Jermak, Leiter des PrĂ€sidialbĂŒros in Kiew, von der Agentur Unian zitiert. Doch dafĂŒr fehle wiederum die Erlaubnis, westliche Waffen einzusetzen, klagte er. "Nur eine solche Erlaubnis kann viele Menschenleben schĂŒtzen."

Ein russischer Kampfpilot hob im GesprĂ€ch mit der Staatsagentur Tass die Zielgenauigkeit der aufgerĂŒsteten, eigentlich veralteten Bomben, hervor. Die maximale Abweichung betrage zehn Meter, behauptete der namentlich nicht genannte Pilot. Zudem könnten die Bomben von keiner Flugabwehr in ihrem Anflug gestoppt werden, "weder mit Patriots noch mit Geparden".

Merz: Ukraine auch mit Kampfjets unterstĂŒtzen

CDU-Chef Friedrich Merz sprach sich unterdessen fĂŒr eine stĂ€rkere UnterstĂŒtzung der Ukraine zur Abwehr des russischen Angriffskriegs aus - und fĂŒr die Lieferung von Kampfflugzeugen.

Merz sagte im ARD-Format "Frag selbst": "Mir erscheint einigermaßen plausibel zu sein, der Ukraine jetzt zu helfen, wenigstens die Hoheit ĂŒber den eigenen Luftraum zurĂŒckzugewinnen. Denn diese Raketenangriffe, die jetzt in immer grĂ¶ĂŸerer Zahl stattfinden, gegen die Infrastruktur, gegen Strom- und Wasserversorgung, gegen KrankenhĂ€user, Altenheime, die wird man vom Boden aus allein nicht unter Kontrolle bekommen können. Und deswegen ist ja auch die Lieferung von Kampfflugzeugen an die Ukraine in vielen LĂ€ndern der Welt schon beschlossene Sache, auch in Europa. Wir sollten da als Deutsche nicht zurĂŒckstehen."

Einige Nato-Staaten wollen Tempo bei der AusrĂŒstung der Ukraine mit westlichen Kampfflugzeugen. Der Transfer von F-16-Jets sei bereits im Gange, kĂŒndigten die USA, die Niederlande und DĂ€nemark in einer gemeinsamen ErklĂ€rung am Rande des Nato-Gipfels in Washington vergangene Woche an. Damit könnten die Maschinen noch in diesem Sommer zur Abwehr des russischen Angriffskriegs zum Einsatz kommen. Bei der Lieferung geht es um F-16-Jets aus amerikanischer Produktion, die von DĂ€nemark und den Niederlanden bereitgestellt werden.

@ dpa.de