Attestpflicht, Millionen

Attestpflicht: 30 Millionen Extra-Arztbesuche durch neue Regel geplant

Veröffentlicht: 09.07.2026 um 10:58 Uhr, Redaktion boerse-global.de

Die geplante Pflicht zur Ă€rztlichen Bescheinigung ab Tag eins stĂ¶ĂŸt auf breite Kritik aus Politik und Ärzteschaft.

Streit um Attestpflicht: KoalitionsplÀne zur Krankschreibung unter Beschuss
Attestpflicht - Eine Hand hĂ€lt ein deutsches Formular fĂŒr eine ArbeitsunfĂ€higkeitsbescheinigung, mit verschwommenem Stethoskop im Hintergrund. 09.07.2026 - Bild: ĂŒber boerse-global.de

Ab dem ersten Krankheitstag soll kĂŒnftig ein Attest Pflicht sein. Doch Kritiker aus Politik, Ärzteschaft und Gewerkschaften laufen Sturm.

GrĂŒne warnen vor „wenig zielfĂŒhrenden“ Reformen

Ricarda Lang von den GrĂŒnen meldete sich heute zu Wort. Sie bezeichnete die Vorhaben der schwarz-roten Koalition als wenig zielfĂŒhrend. Eine strikte Attestpflicht ab dem ersten Tag löse keine wirtschaftlichen Probleme. Im Gegenteil: Sie könne sogar zu mehr Krankheitstagen fĂŒhren. Lang forderte die Union auf, direkt mit HausĂ€rzten zu sprechen.

Die KassenĂ€rztliche Bundesvereinigung (KBV) rechnet mit drastischen Folgen. Bundesweit kĂ€men rund 30 Millionen zusĂ€tzliche Arztbesuche pro Jahr auf die Praxen zu. Allein in Baden-WĂŒrttemberg wĂ€ren es etwa drei Millionen mehr. Ein Ökonom des DIW warnte zudem vor höheren Ansteckungsrisiken in vollen Wartezimmern.

ÄrzteverbĂ€nde sehen „politischen Aktionismus“

Der Bayerische HausĂ€rzteverband hĂ€lt die PlĂ€ne fĂŒr reinen Aktionismus. Die telefonische Krankschreibung machte 2025 gerade mal 0,8 bis 1,2 Prozent aller ArbeitsunfĂ€higkeitsbescheinigungen aus. Aus medizinischer Sicht sei die Debatte völlig ĂŒberzogen.

Gesundheitsministerin Warken und andere BefĂŒrworter verweisen dagegen auf die Videosprechstunde als Lösung. Doch die Kritiker bleiben skeptisch.

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Union selbst uneins – Wirtschaft gespalten

Innerhalb der Union rumort es. Dennis Radtke, Chef des CDU-ArbeitnehmerflĂŒgels CDA, warnte am Dienstag vor einem generellen Misstrauen gegenĂŒber Erkrankten. Friedrich Merz und Jens Spahn verteidigten das Vorhaben dagegen. Spahn sprach von einer Frage der Fairness.

Die Wirtschaft reagiert gespalten. Der Unternehmerverband UBW begrĂŒĂŸt die PlĂ€ne als Signal gegen Missbrauch. Firmen wie ebm-papst oder Ziehl-Abegg setzen weiter auf Vertrauenskultur und individuelle Absprachen. Bosch, Zeiss und Stihl halten sich bislang bedeckt.

SPD fordert flexible Lösungen

SPD-GeneralsekretĂ€r KlĂŒssendorf schlĂ€gt einen anderen Weg vor. Die Attestpflicht sollte per Betriebsvereinbarung geregelt werden können. So ließen sich die spezifischen BedĂŒrfnisse von Unternehmen und BeschĂ€ftigten besser berĂŒcksichtigen. Auch SPD-Chef Klingbeil fordert eine pragmatische Lösung.

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Das eigentliche Problem: Langzeiterkrankungen

Die Zahlen des BKK Dachverbands zeigen, wo der finanzielle Schuh wirklich drĂŒckt. Das Krankengeld ab dem 43. Krankheitstag kostet 21,6 Milliarden Euro. Die Anzahl der Krankengeldtage stieg in zehn Jahren um 24,4 Prozent.

Hauptursachen sind psychische Erkrankungen und Probleme des Muskel-Skelett-Systems. Kurze AusfĂ€lle durch ErkĂ€ltungen sind finanziell kaum relevant. Gewerkschaften wie ver.di und IG Metall fordern daher, die Ursachen fĂŒr Langzeiterkrankungen anzugehen. Der DGB warnt zudem vor PrĂ€sentismus: Arbeitnehmer kommen aus Sorge vor BĂŒrokratie krank zur Arbeit.

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