Attestpflicht, Tag

Attestpflicht ab Tag eins: Koalition beschließt Krankmeldungs-Reform

05.07.2026 - 02:49:30 | boerse-global.de

Die neue Attestpflicht ab dem ersten Krankheitstag stößt auf breite Kritik von Ärzten, Krankenkassen und der Bevölkerung.

Attestpflicht ab Tag eins: Koalition beschließt neue Krankschreibungsregeln
Attestpflicht - Nahaufnahme der Hand eines Arztes, der ein Rezept ausfüllt, mit einem unscharfen Wartezimmer im Hintergrund. 05.07.2026 - Bild: über boerse-global.de

Arbeitnehmer müssen künftig bereits am ersten Tag ihrer Arbeitsunfähigkeit eine ärztliche Bescheinigung vorlegen. Die telefonische Krankschreibung, die während der Pandemie eingeführt wurde, soll entfallen.

Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) betonte, dass Patienten nicht zwingend sofort physisch in einer Praxis erscheinen müssten. Die Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung (AU) müsse jedoch ab dem ersten Tag vorliegen. Die Reform sorgt für heftige Debatten im Gesundheitswesen.

Warnungen vor Praxis-Kollaps

Der Hausärzteverband kritisiert den Vorstoß als reine Symbolpolitik. Die stellvertretende Vorsitzende des Bayerischen Hausärzteverbandes, Beate Reis-Berkowicz, spricht von bürokratischem Aktionismus ohne wissenschaftliche Grundlage. Nach Einschätzung des Verbandes drohen mindestens 30 Millionen zusätzliche Praxisbesuche pro Jahr.

Auch der rheinland-pfälzische Gesundheitsminister Clemens Hoch (SPD) lehnt die Verschärfungen ab. Er warnt vor einem bürokratischen Kollaps der Primärversorgung. Der Hausärzteverband in Rheinland-Pfalz schließt sich der Kritik an.

Telefonische Krankschreibung: Weniger relevant als gedacht

Ein zentraler Streitpunkt ist die Abschaffung der telefonischen AU. Laut einer Analyse für den Zeitraum von 2020 bis 2023 machte diese Form der Krankmeldung lediglich 0,8 bis 1,2 Prozent aller Bescheinigungen aus. DIW-Ökonom Daniel Graeber bezweifelt einen kausalen Zusammenhang mit dem hohen Krankenstand.

Graeber warnt sogar vor dem Gegenteil: Die Attestpflicht könnte die Fehlzeiten erhöhen. Erkrankte müssten überfüllte Wartezimmer aufsuchen, was das Risiko für Kreuzinfektionen erheblich steigere. Auch AOK-Vorstandschefin Carola Reimann sieht keine Belege für systematischen Missbrauch der telefonischen Regelung.

Sie weist darauf hin, dass der statistische Anstieg der Krankheitsfälle teilweise auf die Umstellung auf die elektronische Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung (eAU) im Jahr 2022 zurückgeht. Seither werden Krankmeldungen lückenloser erfasst.

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Teilkrankschreibung als Alternative?

DAK-Chef Andreas Storm bringt eine Teilkrankschreibung nach skandinavischem Vorbild ins Spiel. In Schweden und Norwegen können Beschäftigte während der Genesung mit reduzierter Arbeitszeit von 25 bis 75 Prozent tätig sein. Die DAK verzeichnete zuletzt durchschnittlich 19,5 Krankheitstage je Beschäftigtem pro Jahr.

Storm zufolge könnte eine Teilkrankschreibung den Kontakt zum Arbeitsplatz erhalten. Das senke den Krankenstand effektiver als reine Kontrollmaßnahmen. Gesundheitsministerin Warken (CDU) kündigte an, das Modell prüfen zu wollen.

Unionspolitiker wie Jens Spahn verweisen zudem auf die Videosprechstunde als digitale Alternative. Sie könnte die Attestpflicht ab dem ersten Tag umsetzbar machen, ohne dass Patienten physisch in die Praxis müssen.

Breite Ablehnung in der Bevölkerung

Innerhalb der Koalition regt sich Widerstand. Während CDU-Politiker die Reform als Frage der Fairness verteidigen, drängen SPD-Vertreter auf Nachbesserungen. SPD-Chef Lars Klingbeil und Bundestagspräsidentin Bärbel Bas kündigten Prüfungen an.

SPD-Generalsekretär Klüssendorf bezeichnet den Kompromiss als kleineres Übel. Damit ließen sich noch schärfere Forderungen wie unbezahlte Karenztage abwenden. Die Bevölkerung zeigt wenig Verständnis für die Pläne.

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Eine YouGov-Umfrage vom 3. Juli zeigt: 59 Prozent der Befragten lehnen die Attestpflicht ab dem ersten Tag ab. 58 Prozent sprechen sich gegen die Abschaffung der telefonischen Krankschreibung aus. Gewerkschaften wie DGB und IG Metall warnen vor dem Risiko des Präsentismus – also dem Erscheinen am Arbeitsplatz trotz Krankheit.

Langfristig könne das zu schwereren Erkrankungen und noch längeren Ausfallzeiten führen. Daten aus dem Jahr 2024 belegen: Langzeiterkrankungen von mehr als sechs Wochen sind bereits für rund 40 Prozent aller Fehltage verantwortlich.

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