Misstrauen gegen Trump: Kapitalflucht aus USA nach Europa
23.06.2025 - 05:45:37Europas Börsen haben die US-MĂ€rkte in der ersten HĂ€lfte 2025 erstmals seit vielen Jahren ĂŒberholt - dank US-PrĂ€sident Donald Trump. Internationale Investoren haben nach Angaben von Investment-Managern und Ăkonomen hohe MilliardenbetrĂ€ge von den US-MĂ€rkten abgezogen und nach Europa verlagert. Hauptgrund der Kapitalflucht aus den Vereinigten Staaten sind demnach Zolldrohungen und erratische Kurswechsel Trumps. Damit haben die internationalen Geldströme zumindest vorerst die Richtung gewechselt. Denn in den Vorjahren flossen immense Summen in die USA.
EuropĂ€ische Hauptgewinner sind die Börsen in Deutschland, Spanien und Italien mit jeweils zweistelligen Kursgewinnen. Der Dax hat seit Jahresbeginn trotz der jĂŒngsten EinbuĂen um etwa 16 Prozent zugelegt. Die US-AktienmĂ€rkte hingegen verzeichneten nur magere Anstiege von weniger als zwei Prozent.Â
Investorengelder schwappen zurĂŒck nach EuropaÂ
«Zahlreiche Indizien deuten auf eine deutliche Bewegung von Investorengeldern aus den USA in Richtung Europa, aber auch in andere Regionen wie Japan hin», sagt Ludovic Subran, bei der Allianz als Chief Investment Officer der Hauptverantwortliche fĂŒr die Geldanlagen. Der MĂŒnchner Dax-Konzern zĂ€hlt mit knapp 2,5 Billionen Euro angelegten Kapitals zu den internationalen GröĂen der Zunft.
Zuvor war ĂŒber Jahre das groĂe Geld aus aller Welt an die US-FinanzmĂ€rkte geströmt. Eine Folge ist, dass Aktien in den USA gemessen an den Unternehmensgewinnen teuer sind, in Europa jedoch vergleichsweise gĂŒnstig.  «Kumuliert wird die Nettoposition an Portfolioinvestitionen in die USA per Ende 2024 mit rund 17 Billionen Dollar beziffert», sagt Vincenzo Vedda, Global Chief Investment Officer bei DWS, dem Vermögensverwalter der Deutschen Bank. Auch die DWS ist mit gut einer Billion verwaltetem Vermögen ein Schwergewicht.
Die «Wiederentdeckung» Europas
«Dies hat sich jetzt geĂ€ndert», sagt Vedda. «Aus einer krĂ€ftigen Ăbergewichtung der USA durch die Fondsmanager noch zum Jahresende 2024 ist so eine deutliche Untergewichtung geworden.» Vedda nennt zwei Trends: «Erstens, die Wiederentdeckung Europas und seiner Aktien. Das Interesse kam dabei sowohl aus Asien wie auch den USA, aber auch die EuropĂ€er selbst haben ihren âHeimatmarktâ wiederentdeckt.»Â
Zweitens verspĂŒrten nach Veddas Worten etliche Anleger den Drang, «das US-Exposure zu reduzieren und stĂ€rker zu diversifizieren.» Wesentlicher Treiber sei neben der politischen Entwicklung in den USA und dem Umstand, dass etliche Investoren zuvor ein sehr groĂes Ăbergewicht in den USA aufgebaut hatten, auch die Sorge um eine weitere Dollar-AbschwĂ€chung gewesen.
Internationale Zahlungsbilanzen liegen noch nicht vor, aber publik sind die Zu- und AbflĂŒsse bei ETF-Aktienfonds. BayernLB-Chefvolkswirt JĂŒrgen Michels verweist auf Daten des US-Finanzinformationsdienstleisters Morningstar. Demnach flossen im ersten Quartal 2025 26 Milliarden. Euro in europĂ€ische Aktienfonds, nachdem es zuvor zwölf Quartale - also drei Jahre lang - NettoabflĂŒsse gegeben hatte. Im April und Mai strömten netto dann weitere von 22 Milliarden Euro in europĂ€ische Fonds.Â
Schwindendes Vertrauen in die USA ...
«Die Verunsicherung durch die US-Politik und schwindendes Vertrauen in die USA dĂŒrfte eine groĂe Rolle fĂŒr diese Entwicklung gespielt haben», sagt der Ăkonom. So gab es im einen auffĂ€llig starken Netto-Mittelabfluss aus allen US-Fonds im April - nachdem Trump seinen «Liberation Day» verkĂŒndet und die gröĂten US-Zollerhöhungen seit den Tagen der Weltwirtschaftskrise 1930 angekĂŒndigt hatte.
⊠und etwas mehr Optimismus in Europa
«Das gestiegene Interesse nach europĂ€ischen Aktien ist aber auch von mehr Zuversicht ĂŒber die Perspektiven in Europa getragen», meint Michels. Dazu hat nach EinschĂ€tzung des BayernLB-Chefvolkswirts das Fiskalpaket der neuen Bundesregierung beigetragen. «Vor diesem Hintergrund scheinen Investoren nicht mehr bereit, den historisch auĂergewöhnlich hohen Bewertungsaufschlag von US-Aktien gegenĂŒber europĂ€ischen Aktien zu akzeptieren.»
Italien solider als die USA?
AuffĂ€llig sind nicht nur die AktienmĂ€rkte: Die USA zahlen derzeit deutlich höhere Zinsen von etwa 4,4 Prozent fĂŒr zehnjĂ€hrige Staatsanleihen als Italien mit 3,5 Prozent. Traditionell sind eher die italienischen Anleihen höher verzinst - der Risikoaufschlag fĂŒr die hohe Verschuldung des Landes.
Derlei kam zwar auch in der Vergangenheit schon vor, wie die befragten Fachleute sagen. «Dennoch deutet der jĂŒngste Anstieg der US-Zinsen im Vergleich zu Italien darauf hin, dass MĂ€rkte zunehmend besorgt ĂŒber die US-Staatsverschuldung sind. Gleichzeitig hat sich die fiskalpolitische Situation in Italien deutlich verbessert», sagt Allianz-Chefinvestor Subran.Â
US-Staatsverschuldung steigt rasant
Denn die Verbindlichkeiten der Vereinigten Staaten haben sich in den vergangenen zehn Jahren nahezu verdoppelt: von 18,1 Billionen Dollar im Herbst 2015 auf 35,4 Billionen im Herbst 2024, wie den Daten des US-Finanzministeriums zu entnehmen ist. Trump trieb schon in seiner ersten Amtszeit trotz damals noch gut laufender US-Konjunktur die Verschuldung in die Höhe, Nachfolger Joe Biden bekĂ€mpfte die Corona-Pandemie mit Krediten.Â
«Nichtsdestotrotz wird der US-Dollar mittelfristig weiterhin die dominierende WĂ€hrung bleiben und US-Anlagen das RĂŒckgrat der globalen Finanzwelt bleiben, nicht zuletzt aus Mangel an Alternativen», sagt der Chief Investment Officer der Allianz.
PrÀsident Taco
Da Trump seine ursprĂŒnglichen Zolldrohungen bislang nur in abgeschwĂ€chter Form in die Tat umgesetzt hat, hat auch die Furcht der FinanzmĂ€rkte vor eskalierenden Handelskriegen der USA mit dem Rest der Welt wieder etwas nachgelassen. Der US-PrĂ€sident hat sich mit seiner Neigung, nach martialischen Drohungen schnell wieder den TeilrĂŒckzug anzutreten, in der Finanzwelt den Spottnamen «Taco» eingehandelt: «Trump always chickens out», Trump kneift immer.Â
In geringerem Umfang aber könnte sich der Trend auch in der zweiten JahreshĂ€lfte fortsetzen, so die ĂŒbereinstimmende EinschĂ€tzung. «Wir denken, dass der Drang internationaler Investoren, ihre Portfolien etwas weniger US-lastig auszurichten, anhalten dĂŒrfte», meint DWS-Chefinvestor Vedda.


