Winterkorn betroffen: DieselaffÀre hat Karriere beschÀdigt
04.09.2024 - 16:26:17Jetzt spricht «Mr. Volkswagen»: In seiner ersten Einlassung als Angeklagter vor Gericht hat Martin Winterkorn die VorwĂŒrfe gegen ihn zurĂŒckgewiesen und sieht seine erfolgreiche Karriere durch die DieselaffĂ€re beschĂ€digt. «Der Vorwurf der Staatsanwaltschaft, ich hĂ€tte in meiner Aufgabe als Vorstandsvorsitzender gebotene Handlungen unterlassen, Kunden und AktionĂ€re getĂ€uscht und geschĂ€digt und mich damit strafbar gemacht, trifft mich - am Ende meines beruflichen Weges - ganz erheblich», sagte er vor dem Landgericht Braunschweig.
In seinem Eingangsstatement verneinte der 77-JĂ€hrige sĂ€mtliche VorwĂŒrfe der Anklage. Das sei nicht die Haltung, die er in fast 15 Jahren als Vorstandsvorsitzender an der Spitze von Audi und Volkswagen eingenommen habe. «Das entspricht auch nicht meinem VerstĂ€ndnis, wie man in dieser Funktion seine Pflichten erfĂŒllt», sagte Winterkorn. Ihm werden in dem Strafprozess gewerbsmĂ€Ăiger Betrug, Marktmanipulation und uneidliche Falschaussage vorgeworfen.Â
Es gilt die Unschuldsvermutung
Winterkorn soll VW-KĂ€ufer ĂŒber die Beschaffenheit der Autos getĂ€uscht haben. Zudem werfen ihm die AnklĂ€ger vor, in den entscheidenden Septembertagen 2015 den Kapitalmarkt vorsĂ€tzlich nicht rechtzeitig ĂŒber Risiken durch Strafzahlungen informiert haben. 2017 soll er dann vor dem Untersuchungsausschuss des Bundestags uneidlich falsch dazu ausgesagt haben. Bis zu einer rechtskrĂ€ftigen Verurteilung die Unschuldsvermutung.
Die Abgasmanipulationen waren im September 2015 durch Nachforschungen von US-Umweltbehörden und Wissenschaftlern aufgeflogen und hatten VW in die schwerste Krise der Firmengeschichte gestĂŒrzt. Winterkorn trat zurĂŒck und verschwand immer mehr aus der Ăffentlichkeit. Die Auftritte wurden weniger, ĂuĂerungen gab es praktisch nie.Â
Winterkorn wieder in der Offensive?
Neun Jahre nach dem Auffliegen des Skandals scheint Winterkorn im Jahr 2024 trotz sichtbarer gesundheitlicher BeeintrĂ€chtigung wieder in die Offensive zu gehen. Schon bei seinem ersten Gerichtsauftritt als Zeuge im Investorenprozess zur DieselaffĂ€re im Februar wies er eine persönliche strafrechtliche Verantwortung zurĂŒck. Passagen seines Statements vor dem Oberlandesgericht Braunschweig wiederholte er nun als Angeklagter: «Ich habe diese Funktion damals weder gefordert noch gefördert oder ihren Einsatz auch nur geduldet».Â
Ein seinem etwas mehr als einstĂŒndigen Vortrag referierte Winterkorn seinen Karriereweg bis an die Konzernspitze. Er beschrieb ausfĂŒhrlich seinen komplexen Aufgabenbereich als Vorstandsvorsitzender und die damit verbundene Taktung. «SpielrĂ€ume oder gar freie Stunden gab es nur selten». Eine seiner Kernbotschaften lautete, dass er sich vor allem um strategische Entscheidung, die weit in die Zukunft reichten, kĂŒmmerte - nicht um die operativen Dinge.Â
Wie ein amtierender Konzernchef
Fast in der Manier eines amtierenden Konzernchefs betonte er die Entwicklung und Bilanz unter seiner FĂŒhrung. Mitarbeiterzahl verdoppelt, jĂ€hrlichen Verkauf von Autos von 6,2 auf 9,1 Millionen gesteigert. Konzerngewinn von 2,75 Milliarden Euro auf 13,8 Milliarden Euro hochgeschraubt. «Das ist das FĂŒnffache», betonte Winterkorn. «Die Entwicklung und der Einsatz einer unerlaubten Softwarefunktion in den MotorsteuergerĂ€ten kleiner Dieselmotoren beschĂ€digt diese ansonsten erfolgreiche Bilanz», sagte er.Â
Vor allem die amerikanischen Verfahren hĂ€tten ihn viel Zeit und Kraft gekostet. Versuche diese bis zu einer Entscheidung in Deutschland zurĂŒckzustellen, seien bisher gescheitert. Anfang 2020 habe er dann von dem Haftbefehl gegen ihn durch US-Behörden erfahren. «Das hat mich sehr getroffen, weil ich bisher keine Chance sehe, mich aus Deutschland heraus erfolgreich gegen die dort erhobenen VorwĂŒrfe zu verteidigen», sagte Winterkorn. Dies sei nur vor einem Gericht in den USA möglich, er habe Deutschland aber seitdem nicht mehr verlassen.Â
«Wir werden das klÀren»
Mit seinem RĂŒcktritt habe er Verantwortung ĂŒbernommen. «Ich halte es aber fĂŒr fernliegend, mir einen strafrechtlichen Vorwurf zu machen, wie es die Staatsanwaltschaft Braunschweig mit ihren Anklagen versucht», sagte Winterkorn. Die These der AnklĂ€ger, er hĂ€tte schon im Mai 2014 Kenntnis von der zur Betrugs-Software gehabt, wies er als falsch zurĂŒck. Er sei kein Motorenentwickler, kein Spezialist fĂŒr Abgasreinigung und auch kein Software-Experte. Er habe damals nicht verstanden, worin die technischen Probleme lagen.Â
Mit Blick auf die vorgeworfene Marktmanipulation sagte Winterkorn: «Diese Entwicklung war nicht vorhersehbar und fĂŒr mich auch nicht vorstellbar.» Er hĂ€tte es nicht hingenommen, den Kapitalmarkt nicht oder nicht rechtzeitig zu informieren. Und er hĂ€tte auch nicht geschwiegen, um den Kurs der Aktie zu beeinflussen. Zum Vorwurf der Falschaussage im Bundestag ergĂ€nzte er: «Wir werden das klĂ€ren. Ich habe damals die Wahrheit gesagt und nicht wider besseren Wissen die Abgeordneten belogen.» Am kommenden Donnerstag (12.9.) geht der Prozess weiter.Â


