Cum-Ex-Skandal: Steueranwalt zu Haft verurteilt
30.01.2024 - 15:32:03Im milliardenschweren Steuerskandal um Cum-Ex-AktiengeschĂ€fte muss ein frĂŒherer Spitzen-Jurist ins GefĂ€ngnis. Das Landgericht Frankfurt verurteilte einen ehemaligen Steueranwalt der Kanzlei Freshfields Bruckhaus Deringer zu einer Haftstrafe von dreieinhalb Jahren wegen Beihilfe zur schweren Steuerhinterziehung in vier FĂ€llen. Damit wurde erstmals ein Steueranwalt einer GroĂkanzlei fĂŒr seine juristische Beratung bei Cum-Ex-GeschĂ€ften strafrechtlich belangt.
Der Anwalt hatte ab 2006 die inzwischen insolvente Maple Bank bei Cum-Ex-Deals mit Gutachten beraten. Er habe eine zentrale Position eingenommen und von Anfang an die nötigen Strukturen verantwortet, sagte der Vorsitzende Richter Werner Gröschel zur UrteilsbegrĂŒndung. Damit habe er einen «aberwitzig hohen Steuerschaden» mitverursacht und «ganz erhebliche kriminelle Energie» gezeigt.
Ein mitangeklagter Ex-Maple-Banker wurde ferner zu einer BewÀhrungsstrafe von zwei Jahren verurteilt wegen Steuerhinterziehung. Bei ihm wird Vermögen von gut 1,9 Millionen Euro abgeschöpft. Er hatte schon zu Prozessauftakt ein GestÀndnis abgelegt und die Cum-Ex-Deals als «zu schön, um wahr zu sein» bezeichnet. Gegen das Urteil können Rechtsmittel eingelegt werden.
Gutachten gaben Cum-Ex Anstrich von LegalitÀt
Bei Cum-Ex-Deals, die ihre Hochphase zwischen 2006 und 2011 hatten, nutzten Banken und andere Investoren eine GesetzeslĂŒcke. Sie lieĂen sich eine einmal gezahlte Kapitalertragssteuer auf Dividenden mit Hilfe von Banken mehrfach erstatten. Dazu wurden um den Dividendenstichtag Aktien mit und ohne AusschĂŒttungsanspruch zwischen Beteiligten hin- und hergeschoben. Am Ende erstatteten FinanzĂ€mter Steuern, die gar nicht gezahlt worden waren.
Cum-Ex gilt als gröĂter Steuerskandal der Bundesrepublik, es entstand ein Steuerschaden von geschĂ€tzt mindestens zehn Milliarden Euro. In den Skandal sind zahlreiche Banken verwickelt. Lange war unklar, ob Cum-Ex-Deals illegal waren. Erst 2012 wurde das Steuerschlupfloch geschlossen. 2021 entschied der Bundesgerichtshof, dass die GeschĂ€fte als Steuerhinterziehung zu werten sind.
Viele Banken stĂŒtzten sich zuvor bei der EinschĂ€tzung von Cum-Ex-Deals auf Gutachten von Kanzleien wie Freshfields als eine Art Freifahrtschein. Nach Ansicht der Generalstaatsanwaltschaft Frankfurt handelte es sich im konkreten Fall um «GefĂ€lligkeitsgutachten», die den GeschĂ€ften einen legalen Anstrich gaben. Zudem habe der frĂŒhere Top-Jurist den Steuerbehörden falsche Angaben gemacht. «Wir hĂ€tten die GeschĂ€fte ohne die Gutachten nicht durchgefĂŒhrt», hatte der verurteilte Maple-Banker im Prozess ausgesagt.
Steuerschaden von 388 Millionen Euro
Aufseiten der Maple Bank habe es durchaus Bedenken gegeben zu den GeschĂ€ften, die unter dem Namen «German-Pair-Strategie» liefen, sagte Richter Gröschel. Die Rede sei von einem «intuitiv-betrĂŒgerischen» System gewesen, aber nach der rechtlichen EinschĂ€tzung des frĂŒheren Freshfields-Anwalts habe die Maple Bank den Deals zugestimmt.
Die Bank mit kanadischen Wurzeln hatte bei Cum-Ex ein groĂes Rad gedreht und damit laut Anklage einen Steuerschaden von 388 Millionen Euro verursacht - bis sie 2016 selbst in die Pleite stĂŒrzte, weil wegen einer SteuerrĂŒckstellung zu Cum-Ex die Ăberschuldung drohte.
Schon im November 2022 waren vier frĂŒhere Maple-Banker, darunter der Ex-Deutschlandchef, am Landgericht Frankfurt zu teils langen Haftstrafen verurteilt worden. Das Verfahren gegen den frĂŒheren Freshfields-Steuerrechtler sowie weitere Banker wurde abgetrennt.
Der frĂŒhere Top-Jurist, der das Urteil mit betroffener Miene verfolgte, Ă€uĂerte sich nicht. Er hatte ein spĂ€tes GestĂ€ndnis abgelegt, was beim StrafmaĂ laut Gröschel eingeschrĂ€nkt berĂŒcksichtigt wurde. Er habe damals als junger aufstrebender Anwalt mit einer «gewissen NaivitĂ€t» gehandelt. Mit dem Urteil blieb das Gericht unter der Forderung der Generalstaatsanwaltschaft, die auf fĂŒnfeinhalb Jahre Haft plĂ€diert hatte.
Viele groĂe Banken auf der Kundenliste von Freshfields
Freshfields hatte nicht nur die Maple-Bank zu Cum-Ex beraten. Auf der Kundenliste der GroĂkanzlei standen viele groĂe Namen der Finanzwelt. Bei der Aufarbeitung geriet die Kanzlei selbst ins Visier der Ermittler. Ab 2017 durchsuchten sie die BĂŒros von Freshfields in Frankfurt. Der Insolvenzverwalter der Maple Bank verklagte die Kanzlei auf 95 Millionen Euro, am Ende gab es einen Vergleich ĂŒber 50 Millionen. Freshfields rĂ€umte spĂ€ter ein, die Beratung zu Cum-Ex sei kein Ruhmesblatt gewesen. Man habe sie vor Jahren gestellt.
Gerhard Schick, Vorstand der BĂŒrgerbewegung Finanzwende, sprach von einem wichtigen Urteil. Die klare Botschaft an Juristen, «die heute an den nĂ€chsten Steuertricks arbeiten», laute, «dass dieser Staat nicht wehrlos ist und dass man im GefĂ€ngnis landen kann, wenn man hilft, den Staat und damit uns alle auszurauben.»
Das Urteil habe fachliche Signalwirkung. «Nicht nur diejenigen sind strafrechtlich verantwortlich, die selbst die Finanztransaktionen getĂ€tigt haben, sondern auch diejenigen, die an den betrĂŒgerischen GeschĂ€ften als juristische Berater mitgewirkt haben.»Â


