ROUNDUP, Netto-Zuwachs

Erneut kein Netto-Zuwachs - Experte erwartet 'offensive Tarifrunde'

13.02.2024 - 11:57:06

Bei den anstehenden Tarifverhandlungen haben die Arbeitnehmer laut gewerkschaftlicher EinschÀtzung erheblichen Nachholbedarf.

Wegen der starken Inflation in den vergangenen Jahren seien die Reallöhne der TarifbeschĂ€ftigten auf den Stand von 2016 zurĂŒckgefallen, erklĂ€rte der Leiter des WSI-Tarifarchivs der gewerkschaftlichen Hans-Böckler-Stiftung, Thorsten Schulten, am Dienstag laut Mitteilung. Er erwarte daher eine "offensive Tarifrunde" mit zahlreichen ArbeitskĂ€mpfen.

Vor allem in den Jahren 2021 und 2022 habe es drastische Reallohnverluste gegeben. Im vergangenen Jahr sei die Kaufkraft der BeschÀftigten zwar weitgehend gesichert worden, stellte Schulten fest. "Um jedoch auch die massiven Reallohnverluste der beiden Vorjahre ausgleichen zu können, sind in den kommenden Tarifrunden krÀftige Reallohnsteigerungen notwendig."

Nach Auswertung der NeuabschlĂŒsse und zuvor vereinbarten Stufenerhöhungen seien die Tariflöhne im vergangenen Jahr um 5,5 Prozent gestiegen und damit doppelt so viel wie im Jahr zuvor. Da aber gleichzeitig die Inflation bei 5,9 Prozent gelegen habe, errechne sich auch fĂŒr 2023 ein RĂŒckgang der Reallöhne um durchschnittlich 0,4 Prozent. Allerdings könnten hier die nicht voll eingerechneten InflationsausgleichsprĂ€mien die finanzielle Bilanz vieler BeschĂ€ftigter besser aussehen lassen.

Die Forderungen hatten im vergangenen Jahr zwischen 8 und 15 Prozent mehr Geld gelegen, hĂ€ufig kombiniert mit Mindeststeigerungen, die vor allem den unteren Lohngruppen zugutekommen sollten. In einigen Runden konnte eine Lösung erst nach umfangreichen Warnstreiks gefunden werden. Die Forderung nach kĂŒrzeren Arbeitszeiten spielte vor allem in Ostdeutschland und in der Stahlindustrie eine Rolle.

Es sei 2024 wichtig, mit krĂ€ftigen Reallohnsteigerungen die schwache Konjunkturentwicklung in Deutschland zu stabilisieren, meinte Schulten. Dass die Inflationsrate nach EinschĂ€tzung der meisten Fachleute im laufenden Jahr auf zwei bis drei Prozent sinken wird, erleichtere zwar die Durchsetzung von realen LohnzuwĂ€chsen. Trotzdem erwartet Schulten eine "offensive Tarifrunde", die auch von ArbeitskĂ€mpfen geprĂ€gt sein dĂŒrfte. Die HĂ€rte der Verhandlungen werde davon abhĂ€ngen, inwieweit die Arbeitgeber das Interesse an ReallohnzuwĂ€chsen anerkennen.

Laut WSI-Tarifarchiv stehen im laufenden Jahr Verhandlungen ĂŒber die Entgelte von 12 Millionen BeschĂ€ftigten an. Das Tarifjahr sei bereits rein quantitativ ein Schwergewicht. Unter anderem stehen Verhandlungen in der Metall- und Elektroindustrie, der Chemie und im Bauhauptgewerbe an. Zum Jahresende laufen zudem die TarifvertrĂ€ge im öffentlichen Dienst von Bund und Kommunen aus. Besonders hoch sei dieser Nachholbedarf am Bau und bei der Deutschen Telekom, deren letzte LohnabschlĂŒsse noch aus der Zeit vor den hohen Inflationsraten stammten.

@ dpa.de