Milliardenschwere EntschĂ€digung fĂŒr Kohleausstieg im Osten
04.06.2024 - 16:26:54 | dpa.de(neu: Mehr Details und Hintergrund.)
BERLIN (dpa-AFX) - Das ostdeutsche Bergbauunternehmen Leag bekommt eine milliardenschwere EntschĂ€digung fĂŒr den geplanten schrittweisen Kohleausstieg bis 2038. Die EU-Kommission gab grundsĂ€tzlich grĂŒnes Licht fĂŒr eine EntschĂ€digung bis zu einer Höhe von 1,75 Milliarden Euro. Wirtschafts- und Klimaschutzminister Robert Habeck (GrĂŒne) sprach am Dienstag in Berlin von einem wichtigen Schritt vor allem fĂŒr die Menschen der Region. Damit seien EntschĂ€digungsgelder fĂŒr die soziale Absicherung der BeschĂ€ftigten im Ăbergang und fĂŒr die Tagebaufolgekosten gesichert.
Die klimaschĂ€dliche Kohleverstromung in Deutschland sollte eigentlich erst nach 2038 auslaufen. Damit die staatlichen Gelder flieĂen können, mĂŒssen die WettbewerbshĂŒter in BrĂŒssel grĂŒnes Licht geben. Die EU-Kommission habe die Regelung nun in einer "vorlĂ€ufigen" beihilferechtlichen Bewertung im Grundsatz bestĂ€tigt, teilte das Wirtschaftsministerium mit.
Darum geht es im Kern
Konkret geht es um 1,2 Milliarden Euro an "Fixkosten" fĂŒr Rekultivierungskosten sowie Sozialkosten wie Sozialvereinbarungen. Das soll fĂŒr einen sozialvertrĂ€glichen Abbau von Jobs sorgen. Das passiert unabhĂ€ngig davon, wann die Leag wirklich aus der Kohleverstromung aussteigt. Der Rest von bis zu 550 Millionen Euro ist laut Ministerium an Voraussetzungen gebunden.
Bei den möglichen EntschĂ€digungen von bis 550 Millionen Euro geht es um mögliche entgangene Gewinne der Leag durch den Ausstieg - das hĂ€ngt aber davon ab, ob die Kraftwerke ĂŒber 2038 rentabel gewesen wĂ€ren.
Habeck sprach von einer "spitzen" Abrechnung, abhĂ€ngig zum Beispiel von kĂŒnftigen Preisen fĂŒr Strom und CO2. Er habe befĂŒrchtet, dass es weniger Geld geben wĂŒrde. Mit Blick auf BrĂŒssel sagte der Minister, erste Signale hĂ€tten ihn nicht sehr zuversichtlich gestimmt.
Im MĂ€rz 2021 hatte die EU-Kommission eine Untersuchung gestartet, ob das Vorhaben Deutschlands fĂŒr die EntschĂ€digung mit EU-Wettbewerbsregeln vereinbar ist. Die nun gefundene vorlĂ€ufige Einigung sollte eine solide Grundlage fĂŒr Deutschland sein, um die von der Kommission geĂ€uĂerten Zweifel aus dem Jahr 2021 auszurĂ€umen, teilte die Behörde mit. Habeck sagte, die technische Umsetzung brauche noch Zeit.
Leag investiert in Windkraft und Photovoltaik
Der Energiekonzern Leag will im Zuge des Ausstiegs aus der Kohle krĂ€ftig in den Ausbau erneuerbarer Energien investieren und das Unternehmen umbauen. Bis 2030 soll mit Photovoltaik- und Windkraftanlagen in der Lausitz eine Leistung von 7 Gigawatt erzielt werden. Kraftwerke sollen mit Wasserstoff betrieben werden. Leag-Chef Thorsten Kramer sagte, die EntschĂ€digung sei ein essenzieller Baustein fĂŒr die weitere erfolgreiche Transformation des Unternehmens zu einem "grĂŒnen Powerhouse".
Kohleausstieg im Osten bis 2038 vereinbart
FĂŒr das Rheinische Revier haben sich die Politik und der Energiekonzern RWE DE0007037129 auf einen um acht Jahre auf 2030 vorgezogenen Kohleausstieg verstĂ€ndigt. Ein frĂŒherer Ausstieg auch in den ostdeutschen Braunkohlerevieren aber ist umstritten. Die Koalition auf Bundesebene aus SPD, GrĂŒnen und FDP hatte in ihrem Koalitionsvertrag vereinbart, den Kohleausstieg "idealerweise" von 2038 auf 2030 vorzuziehen.
Habeck hatte vor einiger Zeit gesagt, ein auf 2030 vorgezogener Ausstieg auch im Osten mĂŒsse im Konsens vereinbart werden. "Das wird nicht par ordre du mufti entschieden werden, sondern es muss in einer breiten Allianz als guter Plan empfunden werden."
In einem Papier des Ministeriums von Montag wurde mit Blick auf die ostdeutschen Kohlereviere betont, der gesetzlich vereinbarte Ausstieg aus der Kohleverstromung bis 2038 habe Bestand. "Die Bundesregierung wird keine politischen BemĂŒhungen unternehmen, um diese gesetzliche Frist zu verĂ€ndern." Das bekrĂ€ftigte Habeck am Dienstag.
Leag-Vorstandschef Kramer sagte: "Ich gehe davon aus, dass wir die Jahre, die vorgesehen sind fĂŒr die Leag, auch erfĂŒllen werden." Die Kraftwerke wĂŒrden abgeschaltet, wenn es ausreichende Alternativen fĂŒr die Versorgungssicherheit gebe. "Wir haben keine Glaskugel", so Kramer. Wind und Sonne lieĂen sich anders als die Verstromung etwa durch Braunkohle nicht steuern.
Habeck rechnet mit frĂŒherem Ausstieg
Das Bundeswirtschaftsministerium hĂ€lt einen schnelleren, marktgetriebenen Kohleausstieg auch im Osten fĂŒr möglich - vor dem Hintergrund einer Reform des europĂ€ischen Emissionshandels. "Hin zu 2030 soll dann damit die Braunkohleverstromung zunehmend unwirtschaftlicher werden", sagte Habeck - wobei dies von vielen Faktoren abhĂ€nge.
Im Ministerium wird verwiesen auf den fortschreitenden Ausbau der erneuerbaren Energien sowie auf den geplanten Bau neuer Gaskraftwerke, die auf Wasserstoff umgestellt werden sollen - und die gesetzliche Möglichkeit, den Kohleausstieg auf 2035 vorzuziehen. Habeck sagte, er glaube, dass ein Kohleausstieg in den ostdeutschen Revieren frĂŒher passieren könne als 2038.
Der Minister hatte am Montag angekĂŒndigt, dass der Bund SpielrĂ€ume bei staatlichen Förderprogrammen in den bisherigen Kohleregionen erweitern will. Damit soll der Strukturwandel beschleunigt werden. Ermöglicht werden sollen nun auch direkte Investitionen in Unternehmensansiedlungen.
EntschĂ€digung fĂŒr RWE bereits unter Dach und Fach
Im Dezember hatte die EU-Kommission eine milliardenschwere EntschĂ€digungszahlung fĂŒr den vorzeitigen Ausstieg des Energiekonzerns RWE aus der Braunkohleförderung und -verstromung in Nordrhein-Westfalen genehmigt. RWE erhĂ€lt demnach bis 2030 gestaffelt insgesamt rund 2,6 Milliarden Euro. Die Ausgleichszahlung stelle zwar eine staatliche Beihilfe dar, hatte die EU-Kommission in BrĂŒssel mitgeteilt. Sie sei aber notwendig, damit RWE seine Braunkohlekraftwerke auslaufen lassen könne. RWE will Braunkohlekraftwerke bis Ende MĂ€rz 2030 betreiben, schlieĂt einen anschlieĂenden Reservebetrieb auf Rechnung des Bundes aber nicht aus.
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