ROUNDUP, Scholz

Scholz mahnt bei Milei SozialvertrÀglichkeit von Reformen an

23.06.2024 - 17:31:29 | dpa.de

BERLIN - Ein selbst ernannter "Anarchokapitalist" im Kanzleramt: Bei einem einstĂŒndigen GesprĂ€ch mit dem argentinischen PrĂ€sidenten Javier Milei hat Bundeskanzler Olaf Scholz am Sonntag mahnende Worte an den exzentrischen Radikalreformer gerichtet, der im Wahlkampf auch schon mal mit heulender KettensĂ€ge auftrat.

(neu: Scholz-Zitate)

BERLIN (dpa-AFX) - Ein selbst ernannter "Anarchokapitalist" im Kanzleramt: Bei einem einstĂŒndigen GesprĂ€ch mit dem argentinischen PrĂ€sidenten Javier Milei hat Bundeskanzler Olaf Scholz am Sonntag mahnende Worte an den exzentrischen Radikalreformer gerichtet, der im Wahlkampf auch schon mal mit heulender KettensĂ€ge auftrat. Nach Angaben von Regierungssprecher Steffen Hebestreit unterstrich Scholz, dass SozialvertrĂ€glichkeit und der Schutz des gesellschaftlichen Zusammenhalts bei den harten Sparmaßnahmen des PrĂ€sidenten ein wichtiger Maßstab sein sollten.

Der ultraliberale Milei hĂ€lt allerdings nichts von sozialen Sicherungssystemen und Umverteilung. Steuern sind in seinen Augen Raub und BemĂŒhungen um soziale Gerechtigkeit fĂŒhrten immer zu mehr Ungerechtigkeit, so seine Überzeugung. "Der Staat ist nicht die Lösung, sondern das Problem", lautet eines seiner Mantras.

Das GesprĂ€ch dauerte wie geplant nur 60 Minuten. Eine zunĂ€chst angekĂŒndigte gemeinsame Pressekonferenz von Scholz und Milei war ebenso wie der Empfang mit militĂ€rischen Ehren kurzfristig abgesagt worden - auf Wunsch des argentinischen PrĂ€sidenten, wie es von deutscher Seite hieß. Der einzige gemeinsame öffentliche Auftritt blieb damit ein kurzer Fototermin bei der BegrĂŒĂŸung mit Handschlag vor dem Kanzleramt.

Scholz wies Kritik an dem Treffen mit Milei zurĂŒck. Der Kanzler sagte dem ARD-Hauptstadtstudio vor dem GesprĂ€ch mit dem Gast, es sei seine Aufgabe, "mit denen zu reden, die dort ihre Ämter haben". Weiter sagte Scholz: "Deutschland und Argentinien haben sehr gute Beziehungen ĂŒber viele Jahrzehnte lang. NatĂŒrlich treffe ich mich mit dem dort demokratisch gewĂ€hlten StaatsprĂ€sidenten."

"Weg mit Milei": Proteste vor dem Kanzleramt

Vor der Regierungszentrale protestierten mehrere Dutzend Demonstranten mit Plakaten wie "Weg mit Milei" und "Argentinien steht nicht zum Verkauf" gegen den Besuch. Sie skandierten "Milei, Abschaum- du bist die Diktatur."

Argentinien steckt in einer Rezession und leidet unter einem aufgeblĂ€hten Staatsapparat, geringer ProduktivitĂ€t der Industrie und einer großen Schattenwirtschaft, die dem Staat viele Steuereinnahmen entzieht. Der ultraliberale PrĂ€sident will das einst reiche Land mit einem radikalen Sparprogramm wieder auf Kurs bringen. Das hat allerdings seinen Preis: Die harten Maßnahmen wĂŒrgen die Wirtschaftsleistung ab. Der Internationale WĂ€hrungsfonds (IWF) rechnet mit einem RĂŒckgang um 2,8 Prozent im laufenden Jahr. Nach Angaben der Katholischen UniversitĂ€t Argentiniens leben knapp 56 Prozent der Menschen in Argentinien unter der Armutsgrenze und rund 18 Prozent in extremer Armut.

ZĂŒgiger Abschluss des EU-Mercosur-Abkommens gefordert

Scholz und Milei sprachen auch ĂŒber die wirtschaftlichen Beziehungen beider LĂ€nder. Beide machten sich laut Hebestreit fĂŒr den zĂŒgigen Abschluss der seit 25 Jahren andauernden GesprĂ€che ĂŒber eine Freihandelszone zwischen der EuropĂ€ischen Union und dem sĂŒdamerikanischen Staatenverbund Mercosur stark, dem neben Argentinien auch Brasilien, Uruguay und Paraguay angehören. Mit dem Abkommen wĂŒrde eine der weltweit grĂ¶ĂŸten Freihandelszonen mit mehr als 700 Millionen Einwohnern entstehen. Eine Grundsatzeinigung aus dem Jahr 2019 wird jedoch wegen anhaltender Bedenken - etwa beim Regenwaldschutz - nicht umgesetzt.

Auf einer Linie waren Scholz und Milei auch mit Blick auf den russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine. Beide seien sich einig gewesen, "dass Russland es in der Hand hat, den Angriffskrieg gegen die Ukraine zu beenden", erklÀrte Hebestreit.

Exzentriker gibt sich zahm

Der Staatschef der zweitgrĂ¶ĂŸten Volkswirtschaft SĂŒdamerikas, die zur G20-Staatengruppe der wichtigsten Industrie- und SchwellenlĂ€nder gehört, gilt als Exzentriker und wird oft mit dem frĂŒheren US-PrĂ€sidenten Donald Trump verglichen. Parlamentarier tituliert er gerne als "Ratten" und der Staat ist fĂŒr ihn die Wurzel allen Übels. Bei seinem zweitĂ€gigen Besuch in Deutschland gab er sich allerdings eher zahm.

Er war bereits am Samstag in Deutschland eingetroffen und hatte in Hamburg fĂŒr seine marktradikalen Reformen die Medaille der liberalen Friedrich August von Hayek-Gesellschaft erhalten - in Anwesenheit der AfD-Politikerin Beatrix von Storch und des Vorsitzenden der rechtskonservativen Werteunion, Hans-Georg Maaßen. "Sie bringen den Kapitalismus aus der Defensive", sagte der Vorsitzende des Ökonomen-Verbandes, Stefan Kooths, in seiner Laudatio.

Milei verteidigte seine Reformen mit den Worten. "Es war immer klar, dass das nicht ohne HĂ€rten ĂŒber die BĂŒhne gehen wird, aber das haben wir den Leuten immer klar kommuniziert", sagte Milei bei seinem recht langatmigen Vortrag vor der Hayek-Gesellschaft. "Wir haben gesagt, dass es kein Geld gibt, dass es hart werden wird, dass der Anfang schwer werden wird, aber dass wir schließlich gute Ergebnisse erzielen werden."

"Es lebe die Freiheit, verdammt noch mal"

Wer sich in Hamburg allerdings eine flammende Rede des Enfant terrible der argentinischen Politik erhofft hatte, dĂŒrfte enttĂ€uscht worden sein. Rund eine Stunde referierte Milei ĂŒber seine Begeisterung fĂŒr die wirtschaftswissenschaftliche Denkrichtung der Österreichischen Schule, seinen Aufstieg vom TV-Experten ĂŒber HinterbĂ€nkler im Parlament bis hin zum Staatschef und seine Zukunftsvision fĂŒr Argentinien.

Der 53-JĂ€hrige changiert bei seinen öffentlichen Auftritten stets zwischen den Extremen. Mal gibt er die exzentrische Rampensau, rennt ĂŒber die BĂŒhne, brĂŒllt und gestikuliert. Dann wieder hĂ€lt er knochentrockene ökonomische FachvortrĂ€ge. Zumindest am Ende seines Diskurses in Hamburg versöhnte er die rund 200 geladen GĂ€ste mit seiner typischen Abschiedsformel: "Es lebe die Freiheit, verdammt noch mal."

Milei besucht Denkmal fĂŒr die ermordeten Juden Europas

In Berlin besuchte er auch das Holocaustmahnmal. Auf einem vom PrĂ€sidialamt veröffentlichten Foto war zu sehen, wie er andĂ€chtig ĂŒber die grauen Stelen neben dem Brandenburger Tor blickt. Der argentinische PrĂ€sident ist zwar katholisch aufgewachsen, aber seit Jahren sehr am Judentum interessiert. Bei einem Besuch in Israel betete er an der Klagemauer, er pilgerte zum Grab des berĂŒhmten Rabbis Menachem Mendel Schneerson in New York und vertraut in spirituellen Dingen auf den Rat eines jĂŒdisch-orthodoxen Geistlichen. Milei gilt als entschlossener VerbĂŒndeter Israels und unterstĂŒtzt im Gaza-Krieg die Politik der Regierung von MinisterprĂ€sident Benjamin Netanjahu vorbehaltlos.

Vor Scholz haben bisher nur vier Staats- und Regierungschefs Milei seit dessen Amtsantritt vor einem halben Jahr empfangen: Israels MinisterprĂ€sident Benjamin Netanjahu, Italiens Regierungschefin Giorgia Meloni, El Salvadors PrĂ€sident Nayib Bukele und Papst Franziskus als Staatsoberhaupt des Vatikans. Die fĂŒr argentinische PrĂ€sidenten ĂŒblichen Reisen in die wichtigen NachbarlĂ€nder wie Brasilien und Chile ließ Milei wegen ideologischer Differenzen ausfallen. In den USA war er zwar bereits mehrfach - aber ohne Termin im Weißen Haus. Stattdessen traf er sich mit Tesla-Boss Elon Musk und Ex-PrĂ€sident Trump.

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