Ampel-Koalition geht auf Bauern zu: 'Wir ziehen nichts durch'
11.01.2024 - 16:24:40(neu: mehr Details und Hintergrund)
BERLIN (dpa-AFX) - Nach tagelangen Protesten gegen die geplanten Agrar-KĂŒrzungen geht die Ampel-Koalition auf die Bauern zu. Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) Ă€uĂerte am Donnerstag VerstĂ€ndnis fĂŒr die Proteste und bot den Landwirten einen Dialog an. Die Spitzen der Koalitionsfraktionen luden die Vorsitzenden der acht BauernverbĂ€nde fĂŒr Montag zu einem GesprĂ€ch nach Berlin ein.
SPD-Chef Rolf MĂŒtzenich machte deutlich, dass er die Diskussion ergebnisoffen fĂŒhren wolle. Ănderungen beim geplanten Abbau der Steuererleichterungen fĂŒr den Agrar-Diesel schloss er nicht grundsĂ€tzlich aus. "Wir ziehen nichts durch, sondern wir diskutieren", betonte er. "Wir nehmen alle Argumente auf und am Ende entscheiden wir."
Rund 500 Demonstranten empfangen Scholz
Die Ampel-Regierung hat mit ihren PlĂ€nen fĂŒr den Abbau der SteuervergĂŒnstigungen fĂŒr Agrardiesel einen Proteststurm der Bauern ausgelöst, der auch durch ZugestĂ€ndnisse der Regierung nicht gestoppt werden konnte. Am Donnerstag bekam der Kanzler beim Besuch eines neuen Bahnwerks in Cottbus auch direkt zu spĂŒren.
Die Polizei leitete vor seiner Rede eine Kolonne mit Traktoren am Veranstaltungsort vorbei. Dabei war lautes Hupen zu hören. Viele der rund 500 Demonstranten trugen grĂŒne Westen mit der Aufschrift "Ohne uns kein Essen". "Wir leben ja in aufgeregten Zeiten, ein bisschen haben wir das auch gehört", kommentierte Scholz die Proteste. "Und auch das gehört zur Demokratie dazu, dass man sich seine Meinung sagt."
LandesbauernprÀsident: Dialogangebot "leider viel zu spÀt"
Scholz traf sich am Rande der Veranstaltung mit Brandenburgs LandesbauernprÀsident Henrik Wendorff. Nach Angaben der Landwirte machte er dabei das Angebot im Dialog zu bleiben, machte aber keine ZugestÀndnisse.
"Es ist erkannt worden, dass jetzt - leider viel zu spĂ€t - in einen Dialog eingetreten wird, den wir schon lange, lange erwartet haben", sagte Wendorff nach dem GesprĂ€ch mit dem Kanzler. Scholz habe ihm gesagt, er werde mit Bundesagrarminister Cem Ăzdemir (GrĂŒne) sprechen. Mit dem Angebot eines Dialogs zur Suche nach Lösungen werde er aber die Landwirte nicht von heute auf morgen von den StraĂen bekommen. "Das reicht nicht."
Einladung der Fraktionschefs fĂŒr Haupttag der Proteste
Die Proteste der Bauern sollen ihren Höhepunkt am Montag mit einer Demo in Berlin haben. Am Rande wollen sich die Spitzen der Ampel-Fraktionen mit den BauernverbĂ€nden treffen. Eine Einladung dazu verschickten die Fraktionschefs Rolf MĂŒtzenich (SPD), Britta HaĂelmann (GrĂŒne) und Christian DĂŒrr (FDP) bereits am Mittwochnachmittag.
"Bei den aktuellen Demonstrationen wird deutlich, dass es Ihrem Berufsstand jedoch nicht nur um finanzielle Belastungen geht, sondern auch um fehlende Planungssicherheit und wirtschaftliche Perspektiven fĂŒr die landwirtschaftlichen Betriebe", heiĂt es in dem Schreiben, das der Deutschen-Presse-Agentur vorliegt. "Uns ist es wichtig, zu diesen Fragen mit Vertreterinnen und Vertretern der Landwirtschaft in direktem Dialog zu bleiben."
MĂŒtzenich: Schauen uns alle VorschlĂ€ge der Regierung an
MĂŒtzenich machte mit Blick auf das Treffen seine Kompromissbereitschaft deutlich. "Wir schauen uns jetzt alle VorschlĂ€ge der Bundesregierung an. Das ist nicht nur Tradition, sondern wohlverstandenes Eigeninteresse", sagte er. "Am Ende werden Entscheidungen in einer Demokratie von denjenigen getroffen, die der SouverĂ€n fĂŒr vier Jahre mit diesem Mandat ausgestattet hat. Und dafĂŒr stehe ich auch ein."
Das parlamentarische Verfahren zur SchlieĂung des Milliardenlochs im Bundeshaushalt 2024 beginnt erst anschlieĂend. Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) hatte noch am Montag gesagt, dass die Regierung trotz der Proteste zu ihren KĂŒrzungsvorschlĂ€gen stehe. MĂŒtzenich erinnerte nun daran, dass der Bundestag dabei das letzte Wort habe.
Positive Reaktion auf GesprÀchsangebot
Die Arbeitsgemeinschaft bĂ€uerliche Landwirtschaft (AbL) begrĂŒĂte in einer ersten Reaktion die Initiative der Ampel. Ihr Vorsitzender Martin Schulz rief die Regierung und die Fraktionsspitzen dazu auf, "das Ruder in der Agrarpolitik endlich herumzureiĂen".
Der Bauernverband gibt sich mit der von der Regierung vorgenommene EntschĂ€rfung der SubventionskĂŒrzungen weiterhin nicht zufrieden. PrĂ€sident Joachim Rukwied setzt nun auf das noch bevorstehende parlamentarische Verfahren. "Jetzt ist es an der Bundesregierung und an den Fraktionen im Deutschen Bundestag, diese Proteste zu beenden", sagte er der dpa. "Ein fauler Kompromiss, wie er derzeit auf dem Tisch liegt, kann keine Lösung sein - denn der wird keinen Traktor von der StraĂe holen."
Esken macht Bauern keine Hoffnung
Die SPD-Vorsitzende Saskia Esken machte den Bauern keine Hoffnung darauf, dass sich die Regierungskoalition noch bewegen wird. "Wir haben uns jetzt darauf verstĂ€ndigt, diese Subvention beim Agrardiesel Schritt fĂŒr Schritt abzuschmelzen - da sollten wir auch bei bleiben", sagte Esken im RTL/ntv-"FrĂŒhstart". Es gehe darum, klimaschĂ€dliche Subventionen abzubauen. Dies gelte unter dem Eindruck des Haushalts, es sei aber auch ein generelles Ziel der Koalition.

