Betriebsrat in der Krise: Mitbestimmung bei NotfÀllen und EilfÀllen
17.06.2026 - 02:40:00 | boerse-global.de
Doch wann darf der Chef ohne Zustimmung handeln? Die Rechtslage ist komplex.
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Notfall oder Eilfall? Der entscheidende Unterschied
Ein echter Notfall liegt vor, wenn höhere Gewalt oder plötzliche Gefahren sofortiges Handeln erzwingen. Dann darf die GeschĂ€ftsleitung vorlĂ€ufige Anordnungen treffen â ohne vorherige Zustimmung des Betriebsrats. Das dient der Abwendung unmittelbarer SchĂ€den fĂŒr Betrieb oder Belegschaft.
Anders der Eilfall: Hier bleibt Zeit fĂŒr eine ordnungsgemĂ€Ăe Einbindung der Arbeitnehmervertreter. Die Mitbestimmungsrechte sind uneingeschrĂ€nkt zu beachten. Wer sie umgeht, riskiert die Rechtswirksamkeit betrieblicher MaĂnahmen.
Experten raten, die Mitbestimmung als festen Bestandteil einer unternehmerischen Resilienz-Strategie zu begreifen.
Thermo Fisher: Treffen verboten, Standort in Gefahr
In Bremen eskaliert der Streit beim Technologiekonzern Thermo Fisher. Die GeschĂ€ftsleitung untersagte ein geplantes Treffen zwischen Betriebsrat und politischen Vertretern. Hintergrund: Die Produktion von Massenspektrometern soll nach BrĂŒnn verlagert werden. Rund 100 der 520 ArbeitsplĂ€tze am Bremer Standort sind betroffen.
Trotz hoher Gewinne im vergangenen Jahr fĂŒrchten die Arbeitnehmervertreter eine langfristige SchlieĂung.
DHL Leipzig: Verdeckter Stellenabbau?
Auch am DHL Hub in Leipzig gibt es Konflikte. Die Gewerkschaft DPVKOM und Teile der Belegschaft werfen dem Unternehmen einen verdeckten Stellenabbau vor. Seit Anfang 2024 sollen rund 1.000 Stellen weggefallen sein.
DHL spricht dagegen von natĂŒrlicher Fluktuation und sinkenden Sendungsmengen. Der Betriebsrat bewertet die Situation als strukturierten Abbauprozess.
Siempelkamp streicht jedes dritte Stellen in Krefeld
Im Maschinenbau kĂŒndigte die Siempelkamp Maschinen- und Anlagenbau GmbH an, rund 127 Stellen in Krefeld zu streichen â etwa ein Drittel der dortigen Belegschaft. Grund: Flaute am Weltmarkt und Wettbewerbsdruck.
Vorsorge ist alles: Rahmen-Betriebsvereinbarungen
Um im Ernstfall handlungsfĂ€hig zu bleiben, gewinnen Rahmen-Betriebsvereinbarungen nach § 88 BetrVG an Bedeutung. Sie fungieren als vorbereitete Regelwerke fĂŒr Krisenszenarien und können Teil der Resilienzplanung nach dem KRITIS-Dachgesetz sein.
Statt unter Zeitdruck neue Verhandlungen zu fĂŒhren, greifen Unternehmen auf vordefinierte Prozesse zurĂŒck.
Commerzbank: Betriebsrat kĂŒndigt Widerstand an
Bei der Commerzbank signalisierte der Betriebsrat Mitte Juni Widerstand gegen eine mögliche Ăbernahme durch Unicredit. Die Arbeitnehmervertreter warnen: Bestehende Personalvereinbarungen wĂŒrden bei einer Fusion hinfĂ€llig. Sie kĂŒndigten an, geplante Synergieeffekte durch die Einstellung jeglicher konstruktiven Zusammenarbeit zu erschweren.
Volkswagen: Vorstand sieht Existenzgefahr
Die angespannte Lage spiegelt sich auch bei Volkswagen wider. Laut Medienberichten bewertet eine Mehrheit der Vorstandsmitglieder die aktuelle Situation des Konzerns als existenzgefÀhrdend und fordert einen radikalen Strategiewechsel.
Hellweg und BayWa melden Insolvenz
Im Einzelhandel belasten Insolvenzen die Branche. Die Baumarktketten Hellweg und BayWa Bau- und GartenmÀrkte meldeten Mitte Juni Insolvenz in Eigenverwaltung an. Rund 4.200 Mitarbeiter sind betroffen.
Wenn betriebsbedingte KĂŒndigungen drohen, mĂŒssen Arbeitnehmervertreter vorbereitet sein. Dieser kostenlose Ratgeber hilft Ihnen dabei, bei Sozialplan-Verhandlungen das Beste fĂŒr die Belegschaft herauszuholen. Gratis-Ratgeber fĂŒr gerechte SozialplĂ€ne sichern
EU-Plan âEU Inc.â: Umgehung der Mitbestimmung?
ZusĂ€tzliche regulatorische Dynamik kommt von europĂ€ischer Ebene. Ein im MĂ€rz 2026 vorgelegter Verordnungsentwurf fĂŒr eine neue digitale Gesellschaftsform namens âEU Inc.â sorgt fĂŒr Kritik. Die Hans-Böckler-Stiftung warnt: Die Form könnte genutzt werden, um die paritĂ€tische Mitbestimmung in AufsichtsrĂ€ten zu umgehen. Eine EinfĂŒhrung ist fĂŒr 2027 geplant.
FĂŒr Ende Juni ist zudem ein fachlicher Austausch zur Personalanpassung in der Krise angekĂŒndigt. Themen: betriebsbedingte KĂŒndigungen, Massenentlassungsanzeigen und der Interessenausgleich zwischen Arbeitgebern und BetriebsrĂ€ten.
