RKI-Protokolle veröffentlicht - Rufe nach Corona-Aufarbeitung
25.03.2024 - 17:10:46"Das RKI hat unabhÀngig von politischer Weisung gearbeitet", sagte der SPD-Politiker am Montag in Köln zu einem Bericht des Online-Magazins "Multipolar", das teils geschwÀrzte Protokolle des RKI-Krisenstabs von Januar 2020 bis April 2021 veröffentlicht hat. Aus Teilen der Opposition wurden Rufe nach einem Untersuchungsausschuss laut.
In einem Protokoll vom 16. MĂ€rz 2020 ist laut dem Bericht von einer vorbereiteten neuen GefahreneinschĂ€tzung des RKI die Rede: "Es soll diese Woche hochskaliert werden. Die Risikobewertung wird veröffentlicht, sobald (Passage geschwĂ€rzt) ein Signal dafĂŒr gibt." Das Magazin "Multipolar" leitete daraus ab, dass die VerschĂ€rfung der Risikobewertung als Grundlage fĂŒr spĂ€tere Corona-BeschrĂ€nkungen nicht auf einer fachlichen EinschĂ€tzung des Instituts beruht habe, sondern auf der politischen Anweisung eines externen Akteurs. Dessen Name sei im Protokoll geschwĂ€rzt.
Lauterbach sagte, der "geschwĂ€rzte Mitarbeiter" sei ein Mitarbeiter des RKI. "Es gab also keine politische Weisung, auf die das RKI hier reagiert hĂ€tte." Wenn es in den Papieren SchwĂ€rzungen gebe, betreffe dies meistens Mitarbeiter, die vor der Ăffentlichkeit geschĂŒtzt werden mĂŒssten. Wie das Ministerium erlĂ€uterte, machte das RKI am 17. MĂ€rz 2020 die neue GefahreneinschĂ€tzung fĂŒr die Bevölkerung in einer Pressekonferenz bekannt. Sie wurde von "mĂ€Ăig" auf "hoch" gesetzt.
Zur BegrĂŒndung war eine sehr starke Zunahme nachgewiesener Infektionen genannt worden - auch wenn es damals insgesamt zunĂ€chst weniger FĂ€lle gegeben habe als etwa bei der Grippe, wie es hieĂ. Zunehmend hĂ€tten GesundheitsĂ€mter berichtet, Kontaktpersonen nicht nachverfolgen zu können. Die Lage habe sich je nach Region unterschieden. Das Ministerium wies am Montag darauf hin, dass das RKI eine fachliche Bewertung vorgenommen habe, die im damaligen Zusammenhang zu sehen sei. So habe die Weltgesundheitsorganisation WHO fĂŒnf Tage zuvor, am 11. MĂ€rz 2020, die Pandemie ausgerufen. "Multipolar" schrieb, die Hochstufung sei "ohne jede Andeutung in den vorhergehenden Protokollen" erfolgt.
Lauterbach betonte, die Leistung des RKI in den frĂŒhen Phasen der Pandemie sei "ausgezeichnet" gewesen. In Deutschland seien sehr viel weniger Leute gestorben als in anderen LĂ€ndern mit vergleichbar alter Bevölkerung. Der Minister sprach sich fĂŒr eine wissenschaftliche Aufarbeitung des Krisenmanagements beispielsweise in dem gerade beim Kanzleramt eingerichteten Expertenrat "Gesundheit und Resilienz" aus. Eine politische Debatte, wo kleine Gruppen versuchten, das Thema zu nutzen und damit Politik gegen den Staat zu machen, wĂŒrde "uns nicht nach vorne bringen".
FDP-Bundesvize Vorsitzende Wolfgang Kubicki forderte Lauterbach auf, sĂ€mtliche Protokolle des RKI-Krisenstabs ohne SchwĂ€rzungen zu veröffentlichen. "FrĂŒher oder spĂ€ter wird er ohnehin gezwungen werden, entweder gerichtlich oder politisch, dies zu tun", sagte Kubicki der Deutschen Presse-Agentur. Es werde immer deutlicher, dass das RKI fĂŒr die Gesundheitspolitik des damaligen Ministers Jens Spahn (CDU) und wohl auch von Lauterbach "als wissenschaftliche Fassade gedient hat".
Die AfD und das BĂŒndnis Sahra Wagenknecht forderten eine parlamentarische AufklĂ€rung. "Eine Enquete-Kommission reicht nicht aus", sagte Wagenknecht der dpa. "Notwendig ist ein Untersuchungsausschuss, um die Zeit mit den gröĂten GrundrechtseinschrĂ€nkungen in der Geschichte der Bundesrepublik zu beleuchten." Der AfD-Gesundheitspolitiker Martin Sichert rief zu UnterstĂŒtzung dafĂŒr auf, einen Untersuchungsausschuss einzurichten. "Die Ăffentlichkeit hat ein Recht darauf zu erfahren, was damals wirklich passierte."
Der GrĂŒnen-Gesundheitsexperte Janosch Dahmen sagte der dpa: "Besonders die sehr konsequenten MaĂnahmen wĂ€hrend der ersten Welle, als es noch keine Impfung und zu wenig SchutzausrĂŒstung gab, haben sehr viele Menschenleben gerettet." Er wandte sich gegen eine Enquete-Kommission oder einen Untersuchungsausschuss. "Als Arzt und Politiker finde ich es vor dem Hintergrund der unzĂ€hligen Opfer falsch, die Aufarbeitung der Pandemie nun fĂŒr die anstehenden WahlkĂ€mpfe instrumentalisieren zu wollen."
"Multipolar" setzte die Herausgabe der Protokolle nach eigenen Angaben nach einem Antrag nach dem Informationsfreiheitsgesetz juristisch durch. Das Portal, das sich selbst auf die Fahne geschrieben hat, unterschiedliche Perspektiven zu gesellschaftlichen und politischen Fragen darzustellen, wird von Kritikern in die NĂ€he verschwörungserzĂ€hlerischer Publikationen gerĂŒckt.
Das RKI erklĂ€rte, die Protokolle seien Zusammenfassungen von Diskussionen und Entscheidungen innerhalb des Krisenstabs. "Diese Diskussionen spiegeln den offenen wissenschaftlichen Diskurs wider, in dem verschiedene Perspektiven angesprochen und abgewogen werden.". Einzelne ĂuĂerungen spiegelten dabei nicht zwangslĂ€ufig die dann abgestimmte Position des RKI wider. Das Institut hatte die Dokumente im Rahmen eines gerichtlichen Verfahrens herausgegeben, wie eine Sprecherin auf dpa-Anfrage sagte. Ob es sich bei den online gestellten Unterlagen, um die Originaldokumente handelt, kann das RKI nach Angaben der Sprecherin "nicht bewerten."

