Deutschland, Arbeitsmarkt

Umfrage: Arbeitnehmer mehr an Jobwechsel interessiert

18.08.2023 - 05:06:09

Der FachkrÀftemangel und der Abgang der Babyboomer prÀgen den Arbeitsmarkt. Zugleich gewinnen Gehalt und Unternehmenskultur an Bedeutung. Einer Umfrage zufolge loten viele BeschÀftigte nun ihre Chancen aus.

Die Wechselbereitschaft von BeschÀftigten in Deutschland hat einer Umfrage zufolge in den vergangenen Jahren deutlich zugenommen. 63 Prozent waren zuletzt an einem Wechsel interessiert.

Das geht aus einer Umfrage hervor, die die Beratungs- und PrĂŒfungsgesellschaft Ernst & Young (EY) heute veröffentlichte. Zwar schauen sich nur sechs Prozent der Befragten aktiv und 20 Prozent gelegentlich nach einem neuen Job um. 37 Prozent wĂ€ren jedoch nicht abgeneigt, sollte sich eine Gelegenheit ergeben.

37 Prozent beschĂ€ftigten sich gar nicht mit einem Wechsel. Das sind so wenige wie nie seit Beginn der Erhebung 2015. Zum Vergleich: Vor zwei Jahren war ein Jobwechsel fĂŒr mehr als die HĂ€lfte kein Thema. 2017 lag der Anteil sogar bei 82 Prozent. EY fĂŒhrt die Umfrage alle zwei Jahre durch.

Laut Arbeitsmarktexperte Enzo Weber vom Institut fĂŒr Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) mĂŒssen derartige AbsichtserklĂ€rungen in Umfragen allerdings mit Vorsicht betrachtet werden: «Bis zu einem Jobwechsel muss noch ein bisschen was ĂŒberwunden werden.» Zuerst mĂŒsse man sich ĂŒberhaupt bewerben. «Und dann stellt sich die Frage: Springt man auch wirklich? Oder schaut man sich nur um und wechselt erst dann, wenn es wirklich eine ganz brillante Stelle ist.»

Das spiegelt sich auch in einer weiteren Zahl der Umfrage wider: Nur 19 Prozent der Befragten sehen sich in fĂŒnf Jahren tatsĂ€chlich bei einem neuen Arbeitgeber. 59 Prozent gehen hingegen davon aus, dass sie bis dahin noch beim selben Unternehmen arbeiten werden - entweder auf derselben oder einer besseren Position.

Mehr Bewegung auf Arbeitsmarkt

Weber zufolge gab es in der Corona- und Energiekrisen wenige Wechsel, aber der Trend dreht sich: «Das IAB-Linkedin-Branchenwechsel-Radar zeigt, dass Bewerbungen ĂŒber verschiedene Branchen derzeit anziehen. Der Arbeitsmarkt kommt wieder stĂ€rker in Bewegung.» Es handle sich bislang aber eher um eine Erholung nach den Krisen, in denen viele Arbeitnehmer auf Sicherheit gesetzt hĂ€tten.

Warum sich so viele BeschĂ€ftigte fĂŒr einen Jobwechsel interessieren, wurde in der EY-Erhebung nicht abgefragt. Allerdings haben demzufolge drei von vier Arbeitnehmern in der Vergangenheit bereits einmal den Job gewechselt. Als hĂ€ufigste GrĂŒnde nannten sie ein zu niedriges Gehalt (34 Prozent), das FĂŒhrungsverhalten der Vorgesetzten (29 Prozent) sowie eine schlechte Unternehmenskultur (23 Prozent). In diesen Punkten zeigen sich auch deutliche Unterschiede zwischen den Altersgruppen: Vor allem die Bezahlung und das FĂŒhrungsverhalten der Chefetage nehmen fĂŒr JĂŒngere eine grĂ¶ĂŸere Rolle ein.

So gaben 32,4 Prozent der Befragten zwischen 21 und 35 Jahren an, in ihrem relativ kurzen Berufsleben schon einmal aus Unzufriedenheit mit dem Verhalten des Vorgesetzten gekĂŒndigt zu haben. Bei den 51- bis 65-JĂ€hrigen waren es mit 27,8 Prozent weniger - und das, obwohl diese Gruppe schon deutlich lĂ€nger beruflich tĂ€tig ist. Das Gehalt spielte bei 41,4 Prozent der jungen Arbeitnehmer beim Jobwechsel eine Rolle. Bei den BeschĂ€ftigten mittleren Alters nannten es 37 Prozent, in der Gruppe der Ă€ltesten Arbeitnehmer nur 26 Prozent.

IAB-Forscher Weber hĂ€lt dies aber nicht fĂŒr eine Eigenart der jungen Generation. «Als die Über-50-JĂ€hrigen jung und in einem Alter waren, wo man flexibel ist und auch öfter mal etwas Neues macht, stand der Arbeitsmarkt in Deutschland richtig schlecht da.» In diesem Umfeld habe man nicht auf Verbesserungen spekuliert, sondern sei froh gewesen, wenn man seinen Job behalten habe. Mittlerweile gebe es aber die grĂ¶ĂŸte ArbeitskrĂ€fteknappheit seit dem Wirtschaftswunder. «Nun treffen also ein sehr starker Arbeitsmarkt und flexiblere Arbeitsbedingungen nach Corona aufeinander - zum Vorteil derjenigen, die in diesen Arbeitsmarkt hineingeboren wurden».

Fast alle suchen FachkrÀfte

EY-Arbeitsdirektor Jan-Rainer Hinz zufolge ist das vor allem fĂŒr die Unternehmen eine schwierige Situation: Talente und FachkrĂ€fte, die offensichtlich immer hĂ€ufiger zu einem Wechsel bereit seien, mĂŒssten gehalten werden. Zugleich mĂŒsse man neue Mitarbeiter von den VorzĂŒgen des eigenen Unternehmens ĂŒberzeugen. Neben der Bezahlung dĂŒrften daher auch die Art der FĂŒhrung, die Firmenkultur und das VerhĂ€ltnis zu Kolleginnen und Kollegen nicht außer Acht gelassen werden.

Der Arbeitsmarkt hatte sich trotz Pandemie und dem russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine in den vergangenen Jahren robust gezeigt. Zuletzt stieg die Arbeitslosenzahl aber wieder - und die Zahl der offenen Stellen sank laut IAB auf hohem Niveau etwas. Dennoch gibt es derzeit kaum eine Branche, die nicht hÀnderingend Personal und FachkrÀfte sucht.

Das IAB rechnet damit, dass dem Arbeitsmarkt bis 2035 bis zu sieben Millionen ArbeitskrĂ€fte verloren gehen - wenn nicht gegengesteuert wird. Das liegt vor allem daran, dass sich die Babyboomer-Generation allmĂ€hlich aus der Arbeitswelt verabschiedet. «Um diese Entwicklung aufzuhalten, mĂŒssen alle Hebel in Bewegung gesetzt werden. Aktuell sind noch zu viele Potenziale ungenutzt», sagt Weber. Es gelte etwa, Ältere im Job zu halten, die berufliche Entwicklung von Frauen zu stĂ€rken, Zuwanderer anzuziehen und besser zu integrieren sowie die Arbeitslosigkeit abzubauen.

@ dpa.de

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