HandwerksprÀsident warnt vor Erfolg extremistischer Parteien
05.07.2024 - 05:00:38HandwerksprĂ€sident Jörg Dittrich warnt vor Wahlerfolgen extremistischer Parteien. «Das Spiel mit den Ăngsten einer Gesellschaft ist aus Sicht der Wirtschaft und der Betriebe Ă€uĂerst gefĂ€hrlich, denn bisher haben wir unseren Wohlstand auf der Grundlage von Kompromissen erarbeitet», sagte Dittrich der Deutschen Presse-Agentur. «Wenn jedoch Ressentiments geschĂŒrt und rĂŒckwĂ€rtsgewandte Themen in den Vordergrund gestellt werden, sollten wir besorgt sein. Als Exportnation leben wir von Weltoffenheit, und das betrifft nicht nur die notwendige Zuwanderung in Ostdeutschland, sondern auch den Wert eines starken Euro, der uns Wohlstand gebracht hat.»Â
Der PrĂ€sident des Zentralverbands des Deutschen Handwerks sagte weiter: «Die Sorge besteht darin, dass Menschen glauben, wir könnten Dinge rĂŒckgĂ€ngig machen. Stattdessen mĂŒssen wir voranschreiten und nicht in die Vergangenheit zurĂŒckfallen. In diesem Kontext sehe ich die bevorstehenden Wahlen: Werden wir es schaffen, die Menschen davon zu ĂŒberzeugen, positive VerĂ€nderungen mitzugestalten? Oder werden Populisten gewinnen, die einfache Antworten bieten, die keine echten Probleme lösen, sondern nur weiter anheizen?»
Im September werden die Landtage in Sachsen, ThĂŒringen und Brandenburg neu gewĂ€hlt. Umfragen zufolge könnte die rechtspopulistische AfD stĂ€rkste Partei werden, es drohen schwierige Regierungsbildungen.Â
HandwerksprÀsident sieht AbstiegsÀngste
Dittrich sagte, er nehme in der Gesellschaft eine starke Angst vor dem Abstieg wahr. «Der eigene Wohlstand scheint bedroht. Gleichzeitig gibt es ein groĂes Beharrungsvermögen, da jede Gesellschaftsgruppe sagt: âBei uns darf sich nichts verĂ€ndern.â Diese beiden scheinbar widersprĂŒchlichen Pole â Angst vor dem Abstieg und Wunsch nach Besitzstandswahrung und StabilitĂ€t â mĂŒssen in den Blick genommen und zusammengefĂŒhrt werden.»
Die Lösung sei ganz sicher nicht, Dinge zurĂŒckzudrehen - «sondern wir mĂŒssen sie weiterdrehen. Denn: Wenn wir das an Wohlstand behalten wollen, was wir haben, wird das unter den verĂ€nderten Bedingungen nur klappen, wenn auch wir uns bewegen und verĂ€ndern. Zukunftswohlstand gibt es nur durch VerĂ€nderungen und Transformationen. Dieses Narrativ und VerstĂ€ndnis sehe ich im politischen Raum jedoch nicht ausreichend. Im Gegenteil: Die Politik scheut sich, die groĂen Themen anzupacken, und versichert immer wieder, dass alles so wohlbehalten bleibt, wie es war. Dabei sollte Politik die Speerspitze einer positiven VorwĂ€rtsbewegung sein.» Als ein groĂes Thema hatte Dittrich eine grundlegende Reform der Sozialversicherungssysteme genannt.
Osten wie Brennglas
Ostdeutschland sei wie ein «Brennglas», sagte Dittrich, der aus Dresden kommt. «Die Leute dort haben eine riesige VerĂ€nderungsleistung erbracht, was fĂŒr die, die es durchlebt haben, eine sehr groĂe Kraftanstrengung war. Das hat in dieser Dimension im Westen nicht stattgefunden. Man sagt ja: "Es ist schwer, die Schmerzen von anderen nachzuempfinden." Aber man sollte zumindest versuchen nachzufĂŒhlen, was fĂŒr eine tiefe ZĂ€sur der Zusammenbruch eines ganzen Gesellschaftssystems und einer Wirtschaft darstellt: Die allermeisten Menschen im Osten mussten sich einen neuen Job suchen. Das ist unvorstellbar.»
Hunderttausende seien weggezogen, weil es keine wirtschaftliche Perspektive gab. «Und jetzt heiĂt es schon wieder: "Wir mĂŒssen ganz schnell die Transformation in der Klimafrage hinbekommen." Das ist erneut ein Umbruch und eine Anstrengung, die auf die dortige Gesellschaft prallt.»
«Es nutzt nicht, zurĂŒckzuschauen»
Die Politik mĂŒsse Lösungen fĂŒr die Sorgen der Menschen finden, betonte Dittrich und nannte den demografischen Wandel und den FachkrĂ€ftemangel. Klar sei aber auch: «Im Osten wie im Westen nutzt es nicht, zurĂŒckzuschauen, sondern wir mĂŒssen darĂŒber diskutieren, wie wir kĂŒnftig leben wollen. Ich sehe deutlich, dass die meisten Menschen ihre erarbeitete Lebenssituation gerne behalten möchten.» Wenn das so sei, mĂŒssten VerĂ€nderungen aktiv angegangen werden, damit genau das erhalten werden könne.
«Dazu gehören Weltoffenheit und die Zuwanderung von Fach- und ArbeitskrĂ€ften, die bei uns mit anpacken. Die ProduktivitĂ€tszuwĂ€chse allein sind nicht groĂ genug, um die LĂŒcke, die durch den demografischen Wandel entsteht, zu schlieĂen. Es reicht auch nicht, darauf zu setzen, dass wir das alles mit KĂŒnstlicher Intelligenz lösen können.»
Die Politik schaffe es nicht, die Sorgen der Menschen ausreichend ernst zu nehmen, so Dittrich. «Das spiegelt sich in den Wahlergebnissen wider. Viele BĂŒrger fĂŒhlen sich nicht vertreten und sehen sich im Stich gelassen. Es mangelt an der FĂ€higkeit, den Menschen einen klaren Plan zu prĂ€sentieren, der zeigt, wohin die Reise gehen kann. Diese Orientierungslosigkeit fĂŒhrt zu Unsicherheit und EnttĂ€uschung, wĂ€hrend die drĂ€ngenden Fragen unserer Zeit unbeantwortet bleiben.»
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