Selenskyj wirbt um US-MilitÀrhilfe
10.02.2024 - 14:28:42"Ich bin ĂŒberzeugt, dass der Kongress die Entscheidung treffen wird, die Ukraine mit der notwendigen Hilfe zu unterstĂŒtzen. Das wird unsere Verteidigung stĂ€rken", sagte Selenskyj in Kiew am Freitagabend. Er veröffentlichte dazu unter anderem im sozialen Netzwerk X (vormals Twitter) ein Video von dem GesprĂ€ch mit Vertretern des US-ReprĂ€sentantenhauses. In den USA wird ĂŒber die Freigabe weiterer Milliarden fĂŒr den Kampf der Ukraine gegen den russischen Angriffskrieg gestritten.
"Wir dĂŒrfen nicht zurĂŒckstecken in unserem Kampf gegen den Aggressor", sagte Selenskyj. Die Ukraine sei angewiesen auf VerbĂŒndete wie die USA. Nötig seien ein Ausbau der Flugabwehr mit US-Systemen vom Typ Patriot und eine Zusammenarbeit bei der Produktion moderner Drohnen und AusrĂŒstung zur elektronischen KriegsfĂŒhrung. In seiner abendlichen Videobotschaft sprach Selenskyj auch von der Notwendigkeit weitreichender Waffen - "besonders ATACMS mit 300 Kilometern Reichweite, zu denen es leider immer noch keine Entscheidung gibt".
Selenskyj dankte den USA einmal mehr fĂŒr die bisher geleistete Hilfe. Die Herausforderungen seien weiter groĂ. In Europa gebe es immer mehr Stimmen, die vor einer Ausweitung der russischen Aggression warnten, sagte er. "Wir können die Ausbreitung des Krieges und des russischen Bösen nicht erlauben. Putin wird erst ernĂŒchtert sein, wenn ihm StĂ€rke entgegengestellt wird." Kremlchef Wladimir Putin hatte seinen Angriffskrieg gegen die Ukraine am 24. Februar 2022 begonnen.
Russische Drohnenangriffe in der Nacht
Ukrainischen Angaben zufolge griff Russland in der Nacht zum Samstag erneut Ziele in der Ukraine mit Shahed-Drohnen an. Bei einem Angriff auf die Stadt Charkiw sei auch zivile Infrastruktur getroffen worden, schrieb der BĂŒrgermeister von Charkiw, Ihor Terechow, auf seinem Telegram-Kanal. An einer Tankstelle sei Benzin entflammt, 14 PrivathĂ€user hĂ€tten gebrannt, schrieb Terechow weiter. In der Schwarzmeerregion Odessa im SĂŒden wurde laut MilitĂ€rgouverneur Oleh Kiper unterdessen ein 44 Jahre alter Mann durch Granatsplitter am Arm verletzt.
Scholz und Biden setzen auf Ja des US-Kongresses
Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) zeigte sich nach seinem GesprĂ€ch mit US-PrĂ€sident Joe Biden in Washington am Freitag (Ortszeit) zuversichtlich, dass die US-MilitĂ€rhilfe fĂŒr die Ukraine aufrechterhalten werden kann. Wenn es nicht gelinge, eine entsprechende Entscheidung im US-Kongress zustande zu bringen, sei die FĂ€higkeit der ukrainischen StreitkrĂ€fte bedroht, das eigene Land zu verteidigen, warnte Scholz nach dem GesprĂ€ch im Oval Office des WeiĂen Hauses.
"Deshalb sind wir beide ganz fest davon ĂŒberzeugt, dass das jetzt geschehen muss, aber auch zuversichtlich, dass der amerikanische Kongress am Ende eine solche Entscheidung treffen wird." Das wĂ€re dann auch die richtige Botschaft an Putin, dass seine Hoffnung auf ein Nachlassen der westlichen MilitĂ€rhilfe fĂŒr die Ukraine vergeblich sei.
Am Vortag hatte ein neues Gesetzespaket, das unter anderem 60 Milliarden Dollar (56 Milliarden Euro) fĂŒr die Ukraine vorsieht, eine erste formale HĂŒrde im Senat genommen. Noch laufen Verhandlungen dazu, und eine finale Abstimmung im Senat steht aus. Ob das Paket dort durchkommt und vor allem in der anderen Parlamentskammer, dem ReprĂ€sentantenhaus, Chancen hat, ist aber noch völlig offen. Angesichts der monatelangen Blockade werden aber schon minimale Bewegungen als Fortschritt gewertet.
Die USA und Deutschland sind die mit Abstand wichtigsten Waffenlieferanten der Ukraine. Scholz beziffert den Wert der von Deutschland gelieferten und zugesagten RĂŒstungsgĂŒter auf mehr als 30 Milliarden Euro. Die USA geben den Umfang ihrer MilitĂ€rhilfe mit 44 Milliarden US-Dollar (rund 41 Milliarden Euro) an.
Bundeswehr-Generalinspekteur trifft in Kiew neuen Oberkommandierenden
In Kiew traf indes der Generalinspekteur der Bundeswehr, Carsten Breuer, den frisch ernannten Oberkommandierenden der ukrainischen StreitkrĂ€fte, Olexander Syrskyj, zu GesprĂ€chen ĂŒber weitere deutsche Waffenhilfen. Syrskyj habe seinen deutschen Kollegen ĂŒber die Lage an der Front informiert und fĂŒr Deutschlands Hilfe bei der StĂ€rkung der ukrainischen Armee gedankt, teilte der ukrainische Verteidigungsminister Rustem Umjerow mit. "Die BedĂŒrfnisse der ukrainischen VerteidigungskrĂ€fte bei Bewaffnung, Munitionierung und Flugabwehrsystemen wurden diskutiert", schrieb Umjerow.
Syrskyj hatte zuvor von dem bisherigen höchsten MilitĂ€r Walerij Saluschnyj den Posten ĂŒbernommen. Die Erwartungen an den neuen Oberkommandierenden sind hoch.
Der Berater im PrĂ€sidentenbĂŒro, Mychajlo Podoljak, sagte im ukrainischen Einheitsfernsehen, dass Syrskyj etwa eine Bestandsaufnahme machen mĂŒsse, weil von einer Million fĂŒr den Krieg mobilisierten Soldaten nur etwa bis zu 300 000 im Einsatz gewesen seien. Es mĂŒsse geklĂ€rt werden, wer wo eingesetzt sei. Erst danach könne gesagt werden, wie viele Rekruten noch nötig seien, sagte Podoljak. Viele Soldaten sind demnach weit vom Krieg entfernt. GeklĂ€rt werden mĂŒsse auch, wie jene, die bereits seit fast 24 Monaten im Kampfeinsatz seien, durch Rotation ersetzt werden.
Selenskyj erwarte von seinem neuen obersten MilitĂ€r Erfolge im Kampf gegen die russische Invasion, nachdem die GroĂoffensive unter Saluschnyj im vergangenen Jahr deutlich hinter den Erwartungen zurĂŒckgeblieben war. "Wir können uns nicht im Zustand einer Stagnation 2024 befinden", sagte Podoljak.
Stoltenberg hĂ€lt jahrzehntelange Konfrontation mit Moskau fĂŒr möglich
Die Nato muss sich aus Sicht ihres GeneralsekretĂ€rs Jens Stoltenberg auf die Möglichkeit einer jahrzehntelangen Konfrontation mit Russland vorbereiten. "Die Nato sucht keinen Krieg mit Russland", sagte Stoltenberg der "Welt am Sonntag". "Aber wir mĂŒssen uns wappnen fĂŒr eine möglicherweise jahrzehntelange Konfrontation." Stoltenberg forderte deshalb mehr und schnellere AuftrĂ€ge fĂŒr Europas RĂŒstungsunternehmen: In Marktwirtschaften brĂ€uchten Waffenhersteller unterschriebene VertrĂ€ge, damit sie ihre Produktion hochfahren.
"Wenn Putin in der Ukraine gewinnt, gibt es keine Garantie dafĂŒr, dass die russische Aggression sich nicht noch auf andere LĂ€nder ausbreitet", warnte der Norweger. Die beste Verteidigung sei jetzt, die Ukraine zu unterstĂŒtzen und in die militĂ€rischen FĂ€higkeiten der Nato zu investieren.
Heusgen: Russischer Angriff auf Nato-Gebiet nicht ausgeschlossen
Der Leiter der MĂŒnchner Sicherheitskonferenz, Christoph Heusgen, hĂ€lt unterdessen auch einen russischen Angriff auf Nato-Gebiet fĂŒr nicht ausgeschlossen, sollte die Ukraine den Krieg verlieren. Auf die Frage, ob er Putin einen Angriff auf ein Nato-Land zutraue, sagte Heusgen der "Rheinischen Post" (Samstag): "NatĂŒrlich. Putin hat ja mehrfach gesagt, dass die gröĂte Katastrophe des 20. Jahrhunderts der Zerfall der Sowjetunion war, weil damit viele Russen auĂerhalb der Grenzen Russlands gestrandet sind."
Putin wolle ein GroĂ-Russland in den Grenzen der ehemaligen Sowjetunion wiederherstellen, sagte Heusgen. "Sollte Putin den Krieg in der Ukraine nicht verlieren, mĂŒssen wir damit rechnen, dass er auch nach der Republik Moldau oder den baltischen Staaten greift."
Putin hatte in einem Interview des rechtsgerichteten US-Moderators Tucker Carlson gesagt, dass Russland keine territorialen AnsprĂŒche gegen Polen oder den Baltenstaat Lettland hege. Ein russischer Einmarsch in diese Nato-Staaten sei "absolut ausgeschlossen" - mit einer möglichen Ausnahme: "Wenn Polen Russland angreift". Der polnische ParlamentsprĂ€sident Szymon Holownia mahnte in Warschau, solchen beschwichtigenden ĂuĂerungen Putins keinen Glauben zu schenken.
Was am Samstag wichtig wird
Die Ukraine ist weiter mit dem Umbau ihrer MilitĂ€rfĂŒhrung beschĂ€ftigt und verteidigt sich zugleich mit aller Kraft gegen die russischen Angriffe. Vor allem im Osten und im SĂŒden versuchen die russischen StreitkrĂ€fte, weitere Ortschaften der Kontrolle Kiews zu entreiĂen.

