Gebietsabtretungen nur mit Erlaubnis des Volkes
01.08.2024 - 06:35:05"Sie mĂŒssen verstehen, dass jede Frage, die die territoriale IntegritĂ€t der Ukraine betrifft, nicht von einem PrĂ€sidenten, einer einzigen Person oder von allen PrĂ€sidenten der Welt ohne das ukrainische Volk gelöst werden kann", sagte Selenskyj der Zeitung "Le Monde" und anderen französischen Medien in einem Interview.
Niemand habe der Ukraine bislang offiziell etwas angeboten. "Und die Ukraine wird niemals auf ihre Gebiete verzichten. Die Machthaber haben offiziell nicht das Recht, auf ihre Gebiete zu verzichten. Dazu muss das ukrainische Volk dies wĂŒnschen", sagte Selenskyj. AuĂerdem sei zu bedenken, dass Russlands PrĂ€sident Wladimir Putin solch einen Schritt als Sieg sehen wĂŒrde. "Deshalb ist diese Frage sehr, sehr, sehr schwierig."
Artikel 73 der Verfassung der Ukraine lĂ€sst GebietsverĂ€nderungen nur nach einem landesweiten Referendum zu. Im Verfassungsartikel 133 sind zudem alle Gebiete einschlieĂlich der von Russland beanspruchten Halbinsel Krim mit der Stadt Sewastopol und die Regionen Donezk, Luhansk, Cherson und Saporischschja aufgezĂ€hlt. FĂŒr VerfassungsĂ€nderungen ist auĂerdem eine Zweidrittelmehrheit im Parlament notwendig.
Selenskyj will Russland am Verhandlungstisch
Bei kĂŒnftigen Friedensberatungen sollte Russland mit am Tisch sitzen, sagte der ukrainische PrĂ€sident. "Ich bin - wie die meisten LĂ€nder - der Ansicht, dass beim zweiten Friedensgipfel im November Vertreter Russlands anwesend sein sollten, da wir sonst keine tragfĂ€higen Ergebnisse erzielen werden. Sie sollen uns nicht bei der Ausarbeitung eines gemeinsamen Plans blockieren." Wenn alle Russland am Verhandlungstisch sehen wollten, dann könne die Ukraine nicht dagegen sein.
Um den von Russland vor zweieinhalb Jahren begonnenen Angriffskrieg gegen die Ukraine besser abwehren zu können, hofft Selenskyj auf die Erlaubnis, militĂ€rische Ziele in Russland mit amerikanischen und europĂ€ischen Langstreckenraketen anzugreifen. "Leider haben unsere Partner derzeit noch Angst davor." Von China wĂŒnscht Selenskyj sich unterdessen gezielten Druck auf Moskau. "Ich wĂŒnschte, es wĂŒrde Druck auf Russland ausĂŒben, um diesen Krieg zu beenden. So wie die USA Druck ausĂŒben. So wie die EuropĂ€ische Union Druck ausĂŒbt."
Lob fĂŒr ukrainische Flugabwehr
Der Flugabwehr seines Landes zollte Selenskyj groĂes Lob. "Allein vergangene Nacht haben sie fast 90 "Shaheds" (Kamikaze-Drohnen) abgeschossen, das ist ein beachtliches Ergebnis", sagte er in seiner abendlichen Videoansprache. Dennoch mĂŒsse die Flugabwehr ausgebaut werden. "Und wenn wir jetzt ein so bedeutendes Ergebnis bei der Verteidigung gegen die "Shaheds" erzielen können, dann ist das ein klarer Beweis dafĂŒr, dass wir bei der Verteidigung gegen Raketen und bei der Verteidigung gegen russische MilitĂ€rflugzeuge stĂ€rker sein können."
Dies wiederum hĂ€nge von den verfĂŒgbaren Waffen ab. "Wir brauchen zuverlĂ€ssige Luftabwehrsysteme, wir brauchen eine ausreichende Reichweite unserer Waffen", sagte Selenskyj. Damit forderte er sowohl weitere Flugabwehr-Systeme als auch die Erlaubnis der westlichen Partner, die von ihnen gelieferten schweren Waffen wie Raketen und Marschflugkörper gegen Ziele wie MilitĂ€rflughĂ€fen auf russischem Staatsgebiet einzusetzen. "Der russische Terror muss jedes Mal gestoppt werden, wenn der Besatzer versucht, das Leben in der Ukraine zu zerstören."
Russische Truppen setzen Ostukraine unter Druck
Derweil erhöhen die russischen Truppen im Osten der Ukraine den Druck auf die Verteidiger. Wie der Generalstab in Kiew in seinem tĂ€glichen Lagebericht mitteilte, wurden die ukrainischen Stellungen bei Torezk und Pokrowsk wiederholt beschossen, wĂ€hrend feindliche Soldaten den Durchbruch versuchten, aber erfolgreich abgewehrt wurden. Die russischen MilitĂ€rs haben schon seit einiger Zeit einen Schwerpunkt an diesem Frontabschnitt im Donbass gesetzt, um die ukrainischen Linien zu durchstoĂen und die dahinter liegenden wichtigen Versorgungslinien zu erobern.
Die russische Armee fĂŒhrt seit bald zweieinhalb Jahren einen brutalen Angriffskrieg gegen die Ukraine. Die bisher besetzten Gebiete wurden bereits einseitig ins russische Staatsgebiet integriert, allerdings kontrolliert Moskau nicht alle Teile der annektierten Regionen.
Spekulationen ĂŒber Eintreffen von F-16 in der Ukraine
In der Ukraine wird Medienberichten zufolge derweil darĂŒber spekuliert, dass die ersten Kampfjets des amerikanischen Typs F-16 bereits dort eingetroffen sein könnten. Allerdings blieb eine offizielle BestĂ€tigung aus Kiew bislang aus. Auch die Verteidigungsministerien in den Niederlanden und DĂ€nemark, deren Regierungen sich bereit erklĂ€rt hatten, der Ukraine die Jets zur VerfĂŒgung zu stellen, wollten sich vorerst nicht offiziell Ă€uĂern. Ukrainische Piloten waren in den vergangenen Monaten in beiden LĂ€ndern an den Maschinen ausgebildet worden.
Auch die US-Regierung, die selbst keine F-16 an die Ukraine liefert, wollte sich nicht Ă€uĂern und verwies auf die ZustĂ€ndigkeit Kiews. Beim Nato-Gipfel sei bekrĂ€ftigt worden, dass der Prozess der Lieferung der F-16 voranschreite, sagte John Kirby, der Kommunikationsdirektor des Nationalen Sicherheitsrates in den USA. "Wir sagten, dass sie bis Ende des Sommers einsatzbereit sind, und wir haben keinen Grund, dies anzuzweifeln."
Neben DÀnemark und den Niederlanden haben auch Belgien und Norwegen dem ukrainischen MilitÀr Kampfflugzeuge vom Typ F-16 zugesagt. Insgesamt soll Kiew knapp 60 Maschinen erhalten.

