US-Ökonom Setser warnt vor China-Schock 2.0 für deutsche Industrie
Veröffentlicht am: 08.09.2026 um 14:58 Uhr | dts-nachrichtenagentur, AD HOC NEWSDer US-Ökonom Brad Setser warnt vor einer signifikanten Deindustrialisierung Deutschlands infolge der neuen Stärke der chinesischen Wirtschaft. Nach seiner Analyse entsteht ein „China-Schock 2.0", der insbesondere die deutsche Industrie im Kern trifft.
Setser sieht neuen China-Schock im Entstehen
Setser verweist auf eine enorme Beschleunigung des chinesischen Exportwachstums und einen rasanten Anstieg von Chinas Überschuss im Warenhandel. Zugleich sanken oder stagnierten die Importe der Volksrepublik seit Längerem. Diese Kombination aus steigenden Exporten und begrenzter Nachfrage nach ausländischen Waren bezeichnet der Ökonom des „Council on Foreign Relations" als neuen China-Schock.
Vom ersten China-Schock Anfang der 2000er Jahre seien vor allem die USA und Südeuropa betroffen gewesen, als China dem Westen die Fertigung einfacher Konsumgüter wie T-Shirts oder Fernseher abnahm. Inzwischen habe sich die Struktur deutlich geändert: China produziere und exportiere nun im großen Stil komplexe Industriegüter wie Elektroautos, Chemikalien oder Tunnelbohrmaschinen.
Deutscher Industriekern im Fokus
Nach Einschätzung Setsers trifft diese Entwicklung direkt den industriellen Kern Deutschlands. Besonders die deutsche Autoindustrie sieht er in Gefahr. China verfüge mittlerweile über eine Produktionskapazität von 55 Millionen Fahrzeugen pro Jahr und könnte damit die gesamte europäische Nachfrage allein bedienen.
Gleichzeitig wüchsen Chinas Autoexporte jährlich um mehr als drei Millionen Fahrzeuge, etwa so viele, wie Deutschland insgesamt exportiere. Wenn in Deutschland künftig keine Autos mehr gebaut würden, falle die Industrie nach Setsers Worten auch in anderen Bereichen hinter die technologische Spitze zurück. Langfristig müsse ein Land, um konsumieren zu können, auch selbst produzieren.
Forderung nach protektionistischen Maßnahmen
Um Europas Industrie zu schützen, fordert Setser eine Reihe protektionistischer Schritte. Zölle auf chinesische Importe hält er „leider für notwendig" und zwar so schnell wie möglich, insbesondere in wichtigen Bereichen wie der Autoindustrie sowie bestimmten Maschinenbau- und Chemiesektoren.
Außerdem plädiert er dafür, chinesische Investoren in Europa stärker zu Gemeinschaftsunternehmen zu verpflichten, wenn sie Zugang zum europäischen Markt erhalten wollen. Derzeit gebe es seiner Ansicht nach keinen Anreiz, solche Gemeinschaftsunternehmen zu gründen. Ergänzend sollten sogenannte „Buy-European"-Klauseln geprüft werden.
Warnung vor Vergeltungsmaßnahmen und Handelskonflikt
Setser rechnet damit, dass China auf protektionistische Schritte Europas mit Vergeltungsmaßnahmen reagieren wird. Europa müsse dies akzeptieren, betroffene Sektoren gezielt unterstützen und klare rote Linien gegenüber Peking ziehen.
Als mögliche Druckmittel sieht er unter anderem die Bedeutung europäischer Produkte im Flugzeugsektor und bei Spezialchemikalien, auf die China angewiesen sei. Auch die großen Geldsummen aus China, die in Europa angelegt seien, könnten nach seiner Einschätzung eingefroren werden.
Strategische Dimension für Europa und USA
In einem möglichen Handelskrieg mit China hält Setser ein „Unentschieden" für erreichbar und bezeichnet dies strategisch als Sieg für Europa. Zeige Europa gegenüber Peking mehr Entschlossenheit bei zugleich besonnenem Vorgehen, könnte dies nach seiner Ansicht die Bereitschaft der USA erhöhen, sich enger mit Europa gegen China zusammenzuschließen.
Die Warnung des US-Ökonomen Brad Setser fällt in eine Phase, in der die Diskussion über die Zukunft der deutschen Industrie und den Umgang mit China an Schärfe gewonnen hat. Die Bundesregierung und die EU arbeiten seit längerem an einer strategischeren Ausrichtung der Beziehungen zur Volksrepublik, weil wirtschaftliche Abhängigkeiten als Risiko gesehen werden. Parallel dazu ringen deutsche Schlüsselbranchen, allen voran die Autoindustrie, mit dem technologischen und preislichen Druck chinesischer Wettbewerber.
Industrie unter Transformationsdruck
Besonders deutlich zeigt sich dieser Druck im Bereich der Elektromobilität. Europäische Hersteller investieren hohe Summen in Batterie- und Softwarekompetenz, während chinesische Konzerne bereits über ausgereifte und kostengünstige Produkte verfügen und ihre Kapazitäten massiv ausgebaut haben. Für Deutschland trifft dies einen Sektor, der seit Jahrzehnten Wohlstand, Exportüberschüsse und viele Zulieferketten sichert. Eine Verlagerung der Wertschöpfung ins Ausland hätte direkte Folgen für Beschäftigung, Steueraufkommen und Forschung.
Hinzu kommt, dass andere Industriezweige – etwa Chemie und Maschinenbau – gleichzeitig mit hohen Energiepreisen, strengeren Klimavorgaben und internationalem Wettbewerbsdruck konfrontiert sind. Vor diesem Hintergrund erscheint Setsers Hinweis auf eine mögliche „signifikante Deindustrialisierung" als Warnsignal, politische und unternehmerische Strategien zu überprüfen.
Politische Optionen und Risiken
Protektionistische Instrumente wie Zölle, strengere Investitionsregeln oder „Buy-European"-Klauseln sind in Europa hoch umstritten, werden aber zunehmend diskutiert. Während Befürworter darin ein notwendiges Mittel sehen, um faire Wettbewerbsbedingungen herzustellen und strategische Industrien zu schützen, warnen Kritiker vor Gegenmaßnahmen, höheren Preisen und Belastungen für exportorientierte Unternehmen. Setsers Vorschlag, klare rote Linien gegenüber Peking zu ziehen und zugleich mögliche Druckmittel zu nutzen, reiht sich ein in diese Debatte.
Für Leser in Deutschland bedeutet dies, dass Entscheidungen über Handelspolitik, Subventionsregeln und Industrieunterstützung direkte Auswirkungen auf Arbeitsplätze, Produktpreise und technologische Souveränität haben können. Wie weit Europa auf Konfrontation mit China geht oder stärker auf Kooperation bei gleichzeitigem Risikomanagement setzt, wird entscheidend dafür sein, ob der befürchtete „China-Schock 2.0" ausbleibt oder sich tatsächlich in einer spürbaren Verschiebung industrieller Wertschöpfung niederschlägt.
