GESAMT-ROUNDUP: Orban gibt Blockade auf - Ukraine bekommt neue EU-Milliarden
01.02.2024 - 17:57:25Der Rechtspopulist zog am Donnerstag bei einem EU-Sondergipfel in BrĂŒssel sein Veto gegen ein Finanzhilfepaket im Umfang von 50 Milliarden Euro zurĂŒck. Es soll dazu beitragen, dass der ukrainische Staat trotz der riesigen Kosten fĂŒr die Abwehr des russischen Angriffskriegs nicht pleitegeht.
Bundeskanzler Olaf Scholz zeigte sich zufrieden mit den Ergebnissen. Dass die 27 Mitgliedstaaten den Weg fĂŒr neue Milliarden-Hilfen fĂŒr die Ukraine freigemacht hĂ€tten, sei eine gute Botschaft fĂŒr die EuropĂ€ische Union und eine gute Botschaft fĂŒr die Ukraine, sagte er nach dem Treffen. "Das war ein sehr erfolgreicher Gipfel."
Als Gegenleistung fĂŒr Orbans Zustimmung willigten die anderen EU-Staaten ein, einmal im Jahr auf Spitzenebene ĂŒber die Umsetzung des Hilfsprogramms fĂŒr die Ukraine zu sprechen. Zudem soll es in zwei Jahren die Möglichkeit einer Ăberarbeitung geben. Sie wird dem Kompromisstext zufolge aber nur genutzt, wenn alle 27 EU-Staaten dafĂŒr die Notwendigkeit sehen. Eine jĂ€hrliche Abstimmung wird es nicht geben.
EU-KommissionsprĂ€sidentin Ursula von der Leyen sagte: "Ich denke, dass diese 50 Milliarden Euro fĂŒr vier Jahre auch eine sehr deutliche Botschaft an (den russischen PrĂ€sidenten Wladimir) Putin sind, kurz vor dem zweiten Jahrestag seiner brutalen Invasion." Im Februar 2022 hatte Russland seinen Angriffskrieg im Nachbarland begonnen.
Selenskyj erleichtert: Nicht weniger wichtig als MilitÀrhilfe
In der Ukraine wurde die Einigung mit Erleichterung und Freude aufgenommen. "Die fortgesetzte finanzielle UnterstĂŒtzung der EU fĂŒr die Ukraine wird die langfristige wirtschaftliche und finanzielle StabilitĂ€t stĂ€rken, was nicht weniger wichtig ist als militĂ€rische Hilfe und der Sanktionsdruck auf Russland", erklĂ€rte der ukrainische PrĂ€sident Wolodymyr Selenskyj.
Ăber das Hilfspaket hĂ€tte eigentlich bereits bei einem regulĂ€ren EU-Gipfel im vergangenen Dezember entschieden werden sollen. Damals legte Orban allerdings ein Veto ein und verhinderte eine Einigung.
Der Ungar hatte zuvor mehrfach die Sinnhaftigkeit der PlĂ€ne infrage gestellt und in diesem Zusammenhang auch darauf verwiesen, dass die EU aus seiner Sicht zu Unrecht fĂŒr sein Land vorgesehene Gelder aus dem Gemeinschaftshaushalt eingefroren hat. Orban betonte auch am Donnerstagnachmittag nach dem Gipfel auf X, ehemals Twitter: "Unsere Position zum Krieg in der Ukraine bleibt unverĂ€ndert: Wir brauchen einen Waffenstillstand und FriedensgesprĂ€che."
Einigung in kleiner Runde
Die Grundlage fĂŒr den nun gefundenen Kompromiss wurde kurz vor dem offiziellen Gipfelbeginn bei einem GesprĂ€ch zwischen Orban und einer kleinen Gruppe mit den mĂ€chtigsten Staats- und Regierungschefs gefĂŒhrt. Mit dabei waren unter anderem Bundeskanzler Olaf Scholz, Frankreichs PrĂ€sident Emmanuel Macron, Italiens Regierungschefin Giorgia Meloni sowie EU-KommissionsprĂ€sidentin von der Leyen und RatsprĂ€sident Charles Michel.
Was in dieser Runde genau besprochen wurde, blieb zunĂ€chst unklar. Auf Orban war allerdings bereits vor dem Gipfel erheblicher Druck ausgeĂŒbt worden. So hatten EU-Beamte vor dem Gipfel eine Analyse erstellt, in der darauf hingewiesen wurde, dass im Fall eines Scheiterns des Gipfels wegen Orban andere Staats- und Regierungschefs einen Stopp sĂ€mtlicher EU-Zahlungen an Ungarn ins GesprĂ€ch bringen könnten. Dies könne dann wiederum zu sinkenden auslĂ€ndischen Investitionen und zu einem weiteren Anstieg der Finanzierungskosten des Staatsdefizits und einem WĂ€hrungsverfall fĂŒhren, warnten sie.
Zudem wurde Orban mehr oder weniger offen mit dem Entzug von Ungarns Stimmrecht bei EU-Entscheidungen gedroht. Das dafĂŒr notwendige Verfahren wegen mutmaĂlicher Rechtsstaatsdefizite lĂ€uft bereits seit Jahren. Es war allerdings bislang nicht engagiert vorangetrieben worden - unter anderem in der Hoffnung auf ein Einlenken Orbans in Streitfragen.
Orban weist Vorwurf des Erpressungsversuchs zurĂŒck
Orban selbst hatte vor dem Gipfel gesagt, Ungarn sei bereit, Teil einer Lösung zu sein. Voraussetzung sei allerdings, dass man jedes Jahr neu darĂŒber entscheide, ob man weiter Geld schicken wolle oder nicht. Andere Mitgliedstaaten wie Deutschland lehnten dies jedoch kategorisch ab.
Ein Grund war, dass sie der Ukraine langfristig UnterstĂŒtzung zusichern wollen. Zudem ging es auch darum, Ungarn Erpressungsmöglichkeiten zu nehmen. So wird Orban in BrĂŒssel bereits seit Langem vorgeworfen, er versuche mithilfe einer Veto-Politik wegen Rechtsstaatsbedenken eingefrorene EU-Gelder fĂŒr sein Land freizupressen. Orban weist dies zurĂŒck und wirft wiederum der EU-Kommission vor, mit immer neuen Auflagen die Auszahlung von Mitteln zu verhindern. Derzeit geht es um etwa 21 Milliarden Euro.
ZugestĂ€ndnisse in diesem Bereich gab es nach Angaben von Gipfelteilnehmern am Donnerstag nicht. Orban konnte lediglich erreichen, dass in der AbschlusserklĂ€rung noch einmal auf Regeln fĂŒr das Verfahren zum Einfrieren von EU-Geldern verwiesen wird. In diesen heiĂt es, die Anwendung des sogenannten KonditionalitĂ€tsmechanismus mĂŒsse "objektiv, fair, unparteiisch und faktengestĂŒtzt" erfolgen. Zudem wird darauf verwiesen, dass die bloĂe Feststellung einer Verletzung der Rechtsstaatlichkeit nicht ausreiche, um den Mechanismus auszulösen.
Weitere Ukraine-Blockaden möglich
Mit Spannung wird nun erwartet, ob Orban grundsĂ€tzlich einen Kurswechsel vollzieht und auch in anderen Bereichen auf seine Blockadepolitik verzichtet. Ungarn verhindert beispielsweise seit Monaten die Auszahlung von EU-Mitteln fĂŒr Waffenhilfen fĂŒr die Ukraine und könnte auch die geplanten EU-Beitrittsverhandlungen mit der Ukraine noch an vielen Stellen aufhalten.
Dagegen spricht allerdings, dass die Frustration ĂŒber Orban in den vergangenen Wochen extrem gestiegen ist und auch beim Gipfel mehrere Teilnehmer deutlich machten, dass sie seine Politik nicht mehr endlos lange akzeptieren wollen. Orban wolle bei Gipfeln immer im Zentrum der Aufmerksamkeit stehen, aber dies sollte nicht so sein, sagte Estlands Regierungschefin Kaja Kallas. Der polnische MinisterprĂ€sident Donald Tusk bezeichnete Orban sogar als Bedrohung fĂŒr die Sicherheit der EU. Von Gipfelteilnehmern hieĂ es, der Ungar habe am Donnerstag relativ klar gesagt, dass er weiterhin den Ukraine-Kurs der EU nicht fĂŒr richtig halte - aber um der Einheit willen zustimme.

