ROUNDUPG20-Gipfel, Brasilien

Ambitionierter Lula und 'lahme Enten'

17.11.2024 - 16:17:11

Der Zuckerhut wolkenverhangen, schwer bewaffnete MilitÀrs an der Copacabana und aufgrund zusÀtzlicher Feiertage vergleichsweise entspannte Einwohner - so empfÀngt die brasilianische Metropole Rio de Janeiro die Teilnehmer des G20-Gipfels.

Gastgeber und PrÀsident Luiz Inåcio Lula da Silva will den Staats- und Regierungschefs der 20 wichtigsten Industrie- und SchwellenlÀnder bei dem zweitÀgigen Treffen ab Montag ein Bekenntnis zum Kampf gegen den Hunger und gegen den Klimawandel abringen.

Auch ein Umbau des internationalen Systems gehört zu den erklĂ€rten Zielen der brasilianischen G20-PrĂ€sidentschaft. Lula kritisierte bereits mehrfach den UN-Sicherheitsrat als unglaubwĂŒrdig und warf internationalen Finanzinstitutionen wie etwa der Weltbank vor, sich zu stark in die inneren Angelegenheiten der LĂ€nder einzumischen. Lula versteht Brasilien als Sprachrohr des globalen SĂŒdens und will den SchwellenlĂ€ndern mehr Gehör verschaffen.

Scholz: Multipolare Welt zu guter Welt machen

Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) steht dem aufgeschlossen gegenĂŒber. "Neue mĂ€chtige LĂ€nder treten auf der WeltbĂŒhne auf und das ist erst mal gut so. Aber gleichzeitig ist mit dieser Neuordnung der Welt natĂŒrlich verbunden, dass viele Dinge neu besprochen, neu verhandelt werden mĂŒssen", sagte er vor seinem Abflug nach Rio de Janeiro. Es gehe darum, diese multipolare Welt zu einer guten Welt zu machen.

Der fĂŒr seine sozialpolitischen Innovationen bekannte PrĂ€sident Lula setzt auch dieses Mal auf Neuerungen. Am Wochenende vor dem G20 fand erstmals ein Sozialgipfel statt, bei dem in den umfunktionierten Hallen des neuen Hafens in Rio ĂŒber das Klima, bezahlbaren Wohnbau oder die Rechte Indigener diskutiert wurde. Lula will zeigen, dass sich der G20 nicht abschottet, sondern die Zivilbevölkerung einbezieht.

Er versprach, die Ergebnisse des Sozialgipfels in die G20-Sitzungen mitzunehmen. Und rief die Menschen zu Protesten auf, sollten die Staatenlenker den Forderungen nicht nachkommen. Doch angesichts einer Vielzahl internationaler Krisen, "lahmer Enten" - scheidende Politikern mit begrenztem Einfluss - und der RĂŒckkehr von Donald Trump ins Weiße Haus, die bereits ihre Schatten vorauswirft, sind die Erwartungen gebremst.

Trump vor den Toren - BeschlĂŒsse mit kurzem Ablaufdatum?

Scholz' Koalition in Berlin ist zerbrochen, US-PrĂ€sident Joe Biden scheidet im Januar aus dem Amt aus - so reisen beide als politische Leichtgewichte nach Rio. Biden versicherte seinen Partnern nach der ersten Amtszeit von Trump, dass sie sich auf die USA verlassen könnten - er betonte den hohen Stellenwert internationaler BĂŒndnisse und Abkommen.

Sein VorgĂ€nger und Nachfolger Trump setzt in der Außenpolitik hingegen auf Isolationismus und "America First", Kooperation und Kommunikation auf Augenhöhe gehören nicht zum Politikstils des Republikaners. Auch in der Klimapolitik will er das Rad wieder zurĂŒckdrehen. Biden muss so auf der großen BĂŒhne in Rio der Tatsache ins Auge sehen, dass viele seiner Errungenschaften der vergangenen vier Jahre wieder zunichtegemacht werden dĂŒrften.

Ukraine nicht eingeladen und offiziell nicht auf der Agenda

In Rio bietet sich fĂŒr den Demokraten noch einmal die Gelegenheit, fĂŒr die UnterstĂŒtzung der Ukraine zu werben. Biden hatte den Westen nach Ausbruch von Russlands Angriffskrieg hinter der Ukraine versammelt und Kiew mit Waffenlieferungen in Milliardenhöhe unterstĂŒtzt. Das dĂŒrfte unter Trump Geschichte sein - der Republikaner will den Krieg schnell beenden und hat mehrfach deutlich gemacht, dass die MilitĂ€rhilfe bald austrocknen dĂŒrfte.

Lula will den russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine auf dem G20-Gipfel erst gar nicht zur Sprache bringen. "Wir haben den ukrainischen PrĂ€sidenten Wolodymyr Selenskyj nicht eingeladen, und der russische PrĂ€sident Wladimir Putin wird nicht teilnehmen. Wir glauben nicht, dass dieses G20-Forum ein Ort sein wird, um den Krieg zwischen den beiden LĂ€ndern zu diskutieren", sagte er zuletzt in einem Interview des französischen Senders TF1. Eine Reise nach Rio hĂ€tte fĂŒr Putin ohnehin riskant werden können, weil gegen ihn wegen mutmaßlicher Kriegsverbrechen in der Ukraine ein Haftbefehl des Weltstrafgerichts vorliegt.

Die G20-Gruppe ist das einzige GesprĂ€chsformat, in dem Russland und die Nato-Staaten noch mit hochrangigen Vertretern an einem Tisch sitzen. Scholz, der erst am Freitag erstmals nach fast zwei Jahren mit Putin telefoniert hatte und dafĂŒr kritisiert wurde, plant in Rio kein GesprĂ€ch mit dem russischen Außenminister Sergej Lawrow, der Putin vertritt. Er wird nach Angaben aus seinem Umfeld aber mit dem chinesischen PrĂ€sidenten Xi Jinping ĂŒber den Ukraine-Krieg sprechen, der als wichtigster VerbĂŒndeter Putins gilt.

Lula macht den Ärmsten Hoffnung

Ohnehin ist Lulas PrioritĂ€t beim Gipfel der Kampf gegen den Hunger. Eröffnet wird der G20-Gipfel am Montag mit dem Startschuss zur Globalen Allianz gegen Hunger und Armut. Die MitgliedslĂ€nder, darunter auch Deutschland, wollen in der Gruppe ihre Erfahrungen austauschen und Maßnahmen fĂŒr ErnĂ€hrungssicherheit abstimmen. In seinen ersten Amtszeiten holte Lula mit dem Programm "Fome Zero" (Null Hunger) und der Familiensozialhilfe Millionen Brasilianer aus der bittersten Armut.

"Ich möchte den Millionen von hungernden Menschen in der Welt sagen, den Kindern, die nicht wissen, ob sie etwas zu essen bekommen: Vielleicht gibt es heute nichts, aber morgen wird es etwas geben", sagte Lula.

@ dpa.de