Deutsche Arbeitswelt vor grundlegender Reform: Gericht stÀrkt BetriebsrÀte, Porsche streicht Stellen
Veröffentlicht am: 09.05.2026 um 14:51 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Die hessische Arbeitsgerichtsbarkeit hat die Rechte von BetriebsrĂ€ten im Krankheitsfall gestĂ€rkt â und das ausgerechnet in einer Zeit, in der die Bundesregierung das Arbeitszeitgesetz auf den Kopf stellen will und der Sportwagenbauer Porsche massiv Stellen streicht.
Klare Grenzen zwischen Krankheit und Amt
Das Hessische Landesarbeitsgericht hat am 2. Februar 2026 eine wegweisende Entscheidung getroffen. Die Richter stellten fest: Eine allgemeine ArbeitsunfĂ€higkeit bedeutet nicht automatisch eine AmtsunfĂ€higkeit fĂŒr Betriebsratsmitglieder. Wer also krankgeschrieben ist, darf dennoch an Betriebsratssitzungen teilnehmen, wenn die Erkrankung dies zulĂ€sst (Az: 16 TaBVGa 2/26).
Das Gericht unterscheidet klar zwischen den vertraglichen Pflichten eines Arbeitnehmers und seinem gesetzlichen Mandat als Betriebsrat. Kann jemand seine normale Arbeit nicht verrichten, heiĂt das noch lange nicht, dass er nicht an Entscheidungen im Betriebsrat mitwirken kann.
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Anders sieht es bei freigestellten BetriebsrĂ€ten aus: FĂŒr sie gilt weiterhin die Rechtsprechung des Bundesarbeitsgerichts von 2020, wonach ArbeitsunfĂ€higkeit und AmtsunfĂ€higkeit in der Regel zusammenfallen.
Diese Klarstellung kommt zu einem brisanten Zeitpunkt. Die KrankenstĂ€nde in Deutschland steigen rasant: Zwischen Januar und November 2025 lag der Durchschnitt bei 17 Krankheitstagen â ein deutlicher Anstieg gegenĂŒber 13 Tagen im Jahr 2021.
Porsche schlieĂt drei Töchter â ĂŒber 500 Jobs betroffen
Am 8. Mai 2026 verkĂŒndete der Sportwagenbauer Porsche die SchlieĂung von drei Tochtergesellschaften. Die Cellforce (Batterien) in Kirchentellinsfurt, Porsche eBike Performance in Ottobrunn und Zagreb sowie die Software-Schmiede Cetitec in Pforzheim werden dichtgemacht.
Ăber 500 Mitarbeiter in Deutschland und Kroatien verlieren ihre Jobs. Porsche-CEO Michael Leiters begrĂŒndet den Schritt mit schwachen China-VerkĂ€ufen und den hohen Kosten der Elektroauto-Wende. Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: Der Gewinn brach 2025 um 91 Prozent ein, im ersten Quartal 2026 ging es weitere 25 Prozent nach unten.
FĂŒr die betroffenen Mitarbeiter gilt: KĂŒndigungen mĂŒssen schriftlich erfolgen, die Drei-Wochen-Frist fĂŒr KĂŒndigungsschutzklagen lĂ€uft. Experten betonen die Notwendigkeit von SozialplĂ€nen und Massenentlassungsanzeigen. Insgesamt plant Porsche, bis 2029 rund 1.900 Stellen in Stuttgart abzubauen.
Arbeitszeitreform: 13-Stunden-Tag rĂŒckt nĂ€her
WĂ€hrend die Unternehmen umbauen, plant die Bundesregierung eine Revolution des Arbeitszeitrechts. Bundesarbeitsministerin BĂ€rbel Bas kĂŒndigte am 6. Mai 2026 im Bundestag an: Im Juni soll der Gesetzesentwurf zur Reform des Arbeitszeitgesetzes vorgelegt werden.
Die KernĂ€nderung: Statt der starren tĂ€glichen Höchstarbeitszeit von acht Stunden soll kĂŒnftig eine wöchentliche Obergrenze gelten. Möglich wĂ€ren dann bis zu 13 Stunden pro Tag â inklusive 45-minĂŒtiger Pause â, solange die 11-stĂŒndige Ruhezeit eingehalten wird. Die wöchentliche Höchstarbeitszeit bleibt bei 48 Stunden.
Das Hugo-Sinzheimer-Institut hat ausgerechnet: Bei einer Sechs-Tage-Woche nach EU-Richtlinien wĂ€ren theoretisch bis zu 73,5 Stunden pro Woche möglich. Die Bundesanstalt fĂŒr Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) warnt: Schon ab 40 Wochenstunden steigt das Risiko fĂŒr Herz-Kreislauf-Erkrankungen und ArbeitsunfĂ€lle deutlich.
Eine Umfrage von Ende 2025 zeigt jedoch: Rund zwei Drittel der BeschĂ€ftigten könnten sich flexible Wochenregelungen vorstellen â oft in der Hoffnung auf eine Vier-Tage-Woche. Die Regierung plant als Schutzmechanismus eine verpflichtende digitale Zeiterfassung.
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DGB startet Gegenoffensive
Der Deutsche Gewerkschaftsbund beginnt am 9. Mai 2026 seinen Bundeskongress â und stellt sich gegen die geplanten Reformen. DGB-Chefin Yasmin Fahimi, die voraussichtlich im Amt bestĂ€tigt wird, warnt: âDie 13-Stunden-Tage könnten fĂŒr viele BeschĂ€ftigte ohne Tarifvertrag zur RealitĂ€t werden."
Nur noch etwa 50 Prozent der Arbeitnehmer sind durch TarifvertrĂ€ge geschĂŒtzt. Die Betriebsratsdichte ist von 49 Prozent (1996) auf 37 Prozent (2024) gefallen. Die Linke fordert deshalb eine Vereinfachung der BetriebsratsgrĂŒndung, besonders in kleineren Betrieben mit bis zu 200 Mitarbeitern.
Verdi-Chef Frank Werneke kĂŒndigt breite Proteste gegen die SparplĂ€ne der Regierung an. Gemeinsam mit SozialverbĂ€nden, die 20 Millionen Menschen vertreten, will man KĂŒrzungen im Sozialetat verhindern. Internen Regierungsdokumenten zufolge sind Einsparungen von bis zu 8,6 Milliarden Euro in der Jugend- und Eingliederungshilfe geplant.
Entscheidender Sommer fĂŒr die Arbeitsbeziehungen
Die kommenden Monate werden das VerhÀltnis zwischen der Merz-Regierung und den Arbeitnehmern prÀgen. Kanzler Merz will die Reform der gesetzlichen Krankenversicherung noch vor der parlamentarischen Sommerpause durchboxen, die nach der letzten Sitzungswoche vom 6. bis 10. Juli beginnt.
Die Gewerkschaften haben fĂŒr den 4. Juli 2026 groĂ angelegte Protestaktionen in Baden-WĂŒrttemberg und anderen BundeslĂ€ndern angekĂŒndigt. Parallel dazu prĂŒft das Gesundheitsministerium das schwedische Modell der Teil-Krankschreibung: Ărzte könnten dann nur noch eine teilweise ArbeitsunfĂ€higkeit bescheinigen â etwa 25 oder 50 Prozent.
Das Urteil des Hessischen Landesarbeitsgerichts gibt in diesem Spannungsfeld eine wichtige Orientierung: Das Betriebsratsmandat bleibt vom Gesundheitszustand des einzelnen Mitglieds unabhĂ€ngig â ein starkes Signal in Zeiten des Umbruchs.
