BĂ€ckerhandwerk, Brotkunst

Das BĂ€ckerhandwerk - Zwischen Brotkunst und Preisdruck

30.11.2023 - 07:38:10

Deutschland ist fĂŒr seine Brot-Vielfalt bekannt. Im BĂ€ckerhandwerk aber ist die Lage schwierig, viele Betriebe geben auf. Andere wollen umso mehr alte BĂ€ckertraditionen hoch halten und investieren neu.

Schrippe oder Weckle? Um die Backwaren tobte schon öfter ein Kulturstreit, mindestens zwischen Berlinern und Schwaben. Bei BĂ€cker Tobias Exner gibt es «Ossis» - sein preiswertestes Weizenbrötchen, das er fĂŒr 39 Cent anbietet.

Aber mittlerweile sind auch Brötchen, dann eher dunkel und mit Korn, fĂŒr mehr als einen Euro NormalitĂ€t. HandwerksbĂ€cker in Deutschland, deren Brot seit Jahren Unesco-Kulturerbe ist, klagen ĂŒber hohen Preisdruck, den auch die Kunden im Geldbeutel spĂŒren.

«Wir heben die Preise nicht aus Spaß an», sagt BĂ€ckermeister und Brotsommelier Exner aus dem brandenburgischen Beelitz, der um die 280 BeschĂ€ftigte hat und mehrere Filialen betreibt. «Wir können im Moment nicht kostendeckend arbeiten.»

Droht dem Handwerk Gefahr?

«TĂ€glich gehen leider ein bis zwei BĂ€cker von der Fahne», sagt Friedemann Berg, HauptgeschĂ€ftsfĂŒhrer des Zentralverbands des Deutschen BĂ€ckerhandwerks, in Berlin. Im vergangenen Jahr hĂ€tten rund 600 Betriebe zugemacht. Die Zahl der BeschĂ€ftigten - es sind um die 238.000 - ging deutlich zurĂŒck.

Gestiegene Energiekosten, Personalmangel, Mindestlohn, Personalmangel und ein BĂŒrokratieberg werden als GrĂŒnde fĂŒr die schwierige Lage geschildert. Dazu kommt der Preisdruck durch Discounter und große Unternehmen. Laut der Gewerkschaft Nahrung Genuss GaststĂ€tten (NGG) machen Großfilialisten fast 30 Prozent des Gesamtumsatzes aus.

«Zucker ist dreimal so teuer wie vor drei Jahren», sagt BĂ€cker Exner, der sein Sortiment verkleinert hat und auch mal nachmittags frĂŒher schließt. «Immer wenn der Deutsche zu wenig Geld hat, spart er an Lebensmitteln.» Und 2024 könnte es noch mal teurer werden, zumindest in BĂ€ckerei-CafĂ©s, wenn die niedrigere Mehrwertsteuer auf Speisen in der Gastronomie im kommenden Jahr wieder auf 19 Prozent steigt.

Nachts in der Backstube? Personalmangel belastet BĂ€cker

Vor allem haben BÀckereien mit fehlendem Personal zu kÀmpfen. Die Gewerkschaft NGG nennt Arbeitsbedingungen und Löhne unattraktiv. In der Backstube fÀngt die Arbeit nachts an, wenn andere schlafen - da winken viele Leute ab. Eine hohe Zahl von Ausbildungsstellen bleibe unbesetzt, so der Zentralverband.

Viele Auszubildende, die im dritten Lehrjahr nach bundesweitem Tarif 1085 Euro verdienen, stehen zudem vor dem Problem, keine Wohnung zu finden. BĂ€cker Exner hat inzwischen selber 25 Wohnungen fĂŒr Mitarbeiter gemietet, auch andere BĂ€ckereien bieten Azubis etwa Wohngemeinschaften an.

«FĂŒr Tariflohn bekommt man immer schwerer Gesellen. Viele zahlen was drauf, damit sie ihre Leute halten», sagt der Referatsleiter bei der Gewerkschaft NGG, Rajko Pientka. Ein Geselle, also nach drei Jahren Ausbildung, verdient im Schnitt nach grober EinschĂ€tzung um die 2400 Euro im Monat - in den LĂ€ndern ist die Bezahlung nach Tarifvertrag sehr unterschiedlich.

Warteschlangen vor BĂ€ckereien

Aber in vielen StĂ€dten öffnen auch neue Backstuben, die den Zeitgeist mit altem Handwerk treffen wollen. FĂŒr Bio-Backwaren mit Dinkel, Roggen, NĂŒssen, KrĂ€utern stellen sich die Kunden mancherorts in lange Schlangen und geben fĂŒr handgefertigtes Brot Preise von um die 8 oder 9 Euro je Kilo aus.

Die Verbraucher seien bereit, anzustehen und höhere Preise zu zahlen, wenn sie dafĂŒr gute QualitĂ€t bekĂ€men - nicht nur in den GroßstĂ€dten, meint HauptgeschĂ€ftsfĂŒhrer Berg vom BĂ€ckerhandwerk-Zentralverband. «Das BĂ€ckerhandwerk wird keine Billigstrategie fahren können, dazu ist es zu arbeitsintensiv», meint auch Gewerkschafter Pientka.

LĂ€ngst sind BĂ€ckermeister auf sozialen Internet-Plattformen aktiv, zeigen ihre Brotkunst auch in Videoclips. «Gutes Brot entsteht durch Hingabe, Erfahrung, Zeit und mit guten Rohstoffen», schreibt bei Instagram ein junger BĂ€ckermeister aus der brandenburgischen Uckermark, die ein Magnet auch fĂŒr Berliner Hipster geworden ist. Aber genauso setzt eine moderne BĂ€ckerei im AllgĂ€u ihre Brote mit «einer kompakten Krume» und «Hand geschlagen» in Szene.

«Wir erleben eine Renaissance des BĂ€ckerhandwerks», meint VerbandsgeschĂ€ftsfĂŒhrer Berg. Im vergangenen Jahr hĂ€tten sich 422 Betriebe neu gegrĂŒndet. «Um die Zukunft des BĂ€ckerhandwerks muss uns nicht Angst und Bange werden.»

@ dpa.de